Betörender Klangrausch: Domspatzen starten ins Jubiläumsjahr

Von Andreas Meixner · 23. März 2025 um 17:45

Mit dem außergewöhnlichen Format „Passio“ gestaltete der Domchor einen maximal gelungenen Auftakt zu seinem 1050-jährigen Bestehen.

Wenn Raum, Klang und Intention derart zu einer Einheit verschmelzen wie am Freitag im Dom, ist nahezu alles an sinnlicher und religiöser Erbauung erreicht. Aus verschiedensten Positionen verströmten die vier Chöre der Domspatzen ihre geistliche Abendmusik zur Fastenzeit und luden im knapp einstündigen Klangrausch die in Scharen herbeigeströmten Gäste ein, sich mit allen Sinnen der musikalischen Betrachtung der Passion zu widmen.

Mit dem wiederkehrenden „Misericordias Domini“ des polnischen Komponisten Henryk Jan Botor zogen die Domspatzen zu Beginn singend an ihre Plätze und sorgten aus allen Richtungen für die innere Verfasstheit der kommenden Stunde, die nie als Konzert gedacht war, sondern als gesungene Passionsmeditation. Erstaunlich, dass man trotz der komplexen Akustik des riesigen Kirchenschiffs kaum falsch sitzen konnte. Die klangliche Mehrdimensionalität reizte die Sinne unaufhörlich, mit Bedacht wechselten die jungen Sängerinnen und Sänger ihre Standorte, fächerten in einer wohldurchdachten Dramaturgie die klassischen Passionsmotetten von Palestrina, Lasso, Tallis, de Victoria, Anerio und Lotti auf, durchwoben von späteren Werken von Neithardt, Brahms, Häser und Becker.

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Die entrückten Stimmen des Mädchenchors, geleitet von Elena Szuczies, betörten die Zuhörer mit Arvo Pärts schwebenden „Peace upon you, Jerusalem“. Max Rädlinger ließ sein Ensemble kraftvoll und kompromisslos Albert Beckers eindrückliche Motette „Fürwahr, er trug unsre Krankheit“ in den Raum setzen. Mit völlig anderen Klangfarben gestaltete Kathrin Giehl konzentriert und dynamisch feindosiert die Motetten mit ihren Sängern, da war nichts dem Zufall überlassen. Domkapellmeister Christian Heiß ließ dagegen Brahms’ wuchtiges Chorwerk „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz“ aus dem Altarraum singen, nutzte mit gestalterischer Raffinesse die diffuse Raumakustik für seine klar strukturierte Interpretation.

Aus dem großen Credo führte Antonio Lottis erschütterndes „Crucifixus“ gegen Ende in das zentrale Geschehen des Karfreitags, ehe die Domspatzen sich mit den Zuhörern in einem großen gemeinsamen Abendgesang vereinten und zur Gemeinschaft verschmolzen. Spätestens in diesem Moment erlebte man mehr als ein Konzert – nämlich das Bekenntnis zu der 1050-jährigen Tradition genau an diesem Ort, mit dem Domchor als Wegbegleiter einer Stadtgesellschaft, durch alle Hoffnungen, Sorgen und Emotionen hindurch, die Menschen seit 1000 Jahren hier zusammenführt.

Der Chor verbindet Generationen von Menschen

Der Domchor ist mehr als eine kirchenmusikalische Kontinuität: eine kaum beschreibbare tiefe Verbindung, die so viele Generationen an Menschen miteinander verbindet und weiter verbinden wird. Unter dem vertrauten Abendgeläut der alten Domglocken war der Auftakt für eine Reihe von Jubiläumsveranstaltungen 2025 maximal gelungen. Die Regensburger dürfen stolz auf ihre Domspatzen sein!

Die vier Chöre der Domspatzen sangen aus unterschiedlichen Positionen. Foto: altrofoto.de
Domkapellmeister Christian Heiß dirgierte im Dom. Foto: altrofoto.de
Ausdrucksvoll und dynamisch: eine Szene aus „Passio“ im Dom Foto: altrofoto.de
Der Mädchenchor betörte mit einem Stück von Arvo Pärt. Foto: altrofoto.de