Kesselfleisch war einst Brauchtum in Bayern – In diesem Dorf lebt die Tradition

Von Jochen Dannenberg · 26. März 2025 um 15:00

Kesselfleischessen war Brauchtum in Bayern. Es gehörte zum Winter wie Skifahren und Eisstockschießen. Doch diese Tradition ist rar geworden. Es gibt kaum noch jemanden, der sich die Mühe macht. Außer in einem Dorf im Landkreis Kelheim an der Grenze von Niederbayern zu Oberbayern.

In Schwaig lebt die Tradition. Es sind die Mitglieder der Stockschützenabteilung des SV Schwaig, die wissen, wie man Brauchtum erhält. Das hat viele Gründe. Die Schwaiger sind bodenständig. Seit der Gebietsreform vor über 50 Jahren wissen die Neustädter, dass die Schwaiger am liebsten weder zu Neistod (Neustadt an der Donau) noch zu Minsta (Münchsmünster) wollten, sondern viel lieber eigenständig geblieben wären und die Gewerbesteuereinnahmen aus der Industrie für sich behalten hätten.

Schwaig hat trotz aller Industrie noch ein Dorfleben mit Kirche, Wirtshäusern, Feuerwehr und Vereinen. Zuletzt ist deshalb ein neuer Dorfplatz entstanden und gerade wurde der erste Spatenstich für das neue Feuerwehrgerätehaus gesetzt. Bei den Stockschützen pflegt man die Heimatliebe vor allem im ausgiebigen Nutzen der Stockbahnen und in der Pflege der Geselligkeit. Dazu gehört seit drei Jahren das Kesselfleischessen.

„Nicht alles auf einmal“

In einem Holzofen neben dem Vereinsheim wurde deshalb unlängst an einem Samstag ein Feuer entzündet. Auf dem Ofen wurde ein 70 Liter fassender Topf gestellt, Wasser eingefüllt und als das kochte, kamen die Zutaten hinein, für die es nicht viel im Sinne von Zutaten, dafür aber in der Menge brauchte. Josef „Sepp“ Pilz schob die „guten Sachen“ vom Schwein wie Zunge, Herz, Nieren, Bauchfleisch, Schweinskopf und Schwarten ins kochende Wasser.

„Aber nicht alles auf einmal“, wie er erklärte. Die Reihenfolge sei wichtig. Erst kommen die Teile ins heiße Wasser, die am längsten Zeit zum Garen brauchen. Um den Überblick im großen Topf zu behalten, hatte Josef Pilz die Teile in Netze gesteckt. So konnte er genau prüfen, ob zum Beispiel die Innereien gar waren und herausnehmen konnte er die einzelnen Teile vom Schwein gewissermaßen „al dente“.

Die Schwarte, erklärte er, brauche er nur, um später für die Reste des Kesselfleisches, aus denen Presssack gemacht wird, genug Gelatine zu haben. „Und was dann noch an Resten übrigbleibt, kriegen meine Hühner“, sagt der Pilz Sepp. Hühner sind nämlich Allesfresser. „Nur die Knochen bleiben dann übrig.“ Kesselfleisch, lernt der Redakteur, ist eine äußerst nachhaltige Ernährung und spart die Biotonne.

Und während einige Stockschützen sehnsüchtig in der Vereinsstube auf das Kesselfleisch warten, stehen andere an der frischen Luft und tun das, was sie in sportlicher Hinsicht am liebsten tun – Stockschießen. Das Wetter passt. Das Thermometer zeigt knapp unter dem Gefrierpunkt an. Genau die richtige Temperatur. Auch das gehört zum Kesselfleisch, denn das gab es früher nur, wenn geschlachtet wurde und das war immer im Winter. Das Fleisch der Sau, die für dieses Essen geschlachtet wurde, kommt jedoch nicht mehr von einer Hausschlachtung, sondern vom Schlachthof. Damit hat der Pilz Sepp, der aus der Landwirtschaft stammt, kein Problem.

Auch der Pfarrer bekam was

„Bei uns wurden früher zwei Sauen zu je 120 Kilogramm geschlachtet“, erzählt er. Da ging es nicht nur um die Ernährung der Familie, auch die Verwandtschaft bekam ihren Anteil. Sogar der Pfarrer wurde bedacht. „Das mit dem Pfarrer habe ich überhaupt nicht mögen, von dem habe ich ja auch immer mal eine Schelle bekommen.“

Es sind Geschichten wie diese, die zum Kesselfleischessen dazu gehören. Sie werden an diesem Vormittag gerne erzählt. Denn es geht neben dem Brauchtum auch um Geselligkeit, betont Mike Hartl, der Vorsitzende der Stockschützen des SV Schwaig.

Als das Fleisch und die Innereien nach rund zwei Stunden endlich gar sind, verstummt alles Gerede. Draußen an der frischen Luft wird gegessen. Als Zutaten genügen Salz, Pfeffer, klein geschnittene Zwiebeln und Bauernbrot.

Stockschießen ist die Leidenschaft dieser Mitglieder des SV Schwaig. Sie nehmen auch an Ligenwettkämpfen teil. Foto: Dannenberg
Josef Pilz ist „Küchenchef“. Er bereitete das Kesselfleisch zu. Foto: Dannenberg