Die Erfindung der Ostdeutschen: „Wir sind auch nur ein Volk“ am Theater Regensburg

Jurek Becker hielt dem Fernsehpublikum schelmisch die eigenen Klischees über Ost und West vor Augen. Aus seinen Drehbüchern entstand ein Theaterstück, das nun in neuer Fassung in Regensburg auf die Bühne kommt.
Genau 35 Jahre ist es her: Am 18. März 1990 durften zwölf Millionen Wahlberechtigte in der DDR das erste (und letzte) Mal frei und geheim ihre Parlamentarier in der Volkskammer bestimmen. Das Ergebnis bedeutete das Ende des Staats von Stalins Gnaden – und den Beginn eines deutsch-deutschen Kennenlernens. In dieser Zeit spielt das neue Stück am Theater Regensburg. Regisseurin Antje Thoms, Ausstatter Florian Barth und Dramaturgin Maxi Ratzkowski gaben am Sonntag erste Eindrücke. „Wir sind auch nur ein Volk“ hat am Samstag (19.30 Uhr) im Antoniushaus Premiere.
Fernsehen soll die Menschen hüben und drüben vertrauter machen. Die Grimms aus dem Osten werden also als Musterfamilie für eine TV-Serie gecastet und ein Journalist (Guido Wachter), der keinen Dunst hat vom Leben in der DDR, macht sich bei ihr breit. Der arbeitslose Papa Benno (Thomas Mehlhorn), seine Frau Trude (Kathrin Berg), der nervige Großvater Karl (Gerhard Hermann) und Sohn Theo (Paul Wiesmann) versuchen nach Kräften, vor der Kamera einen spannenden Alltag zu bewerkstelligen. „Aber“, fragt Antje Thoms, „ wie macht man etwas Sterbenslangweiliges interessant?“ Die Grimms ziehen alle Register, führen ein FKK-Tänzchen ums Sofa auf, lassen einen Schauspieler kommen, der tut, als wäre er ein Stasi-Mann, und legen allerhand andere Fährten in eine mustergültig klischierte DDR. Elf Schauspieler wechseln in 30 Rollen. Michael Haake etwa spielt auch eine bezaubernde junge Frau. Ein paar Clips bei der Matinee zeigen: Das wird turbulent und sehr komisch.
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Jurek Becker, der Meister des schwarzen Humors, der das KZ überlebt hat, in der DDR seinen berühmten Roman „Jakob der Lügner“ schrieb und das Land 1977 verließ, schaut schelmisch und selbstironisch auf seine alte Heimat. Er verfasste die Drehbücher für die achtteilige Mini-Serie, die Ende 1994, Anfang 1995 in der ARD lief, in der Hauptrolle: sein Busenfreund Manfred Krug, dem er 1986 bereits den eigenwilligen Anwalt in der Serie „Liebling Kreuzberg“ maßgeschneidert hatte. 2018 brachte Dresden die Drehbücher von „Wir sind auch nur ein Volk“ als Theaterstück auf die Bühne, auch die Häuser Plauen-Zwickau und Potsdam griffen den Stoff auf.
Für Regensburg hat Antje Thoms nun eine eigene Fassung erarbeitet, knapp drei Stunden lang. „Diese 570 Seiten sind toll, aber man muss entscheiden, was man rauslässt. Das war schmerzlich“, bekennt sie. Sie verwendet ausschließlich Originaltext, verändert aber Reihenfolge und Zusammenhänge und konzentriert sich auf Szenen bei den Grimms daheim. Den Schauplatz verlegt sie von Berlin nach Dresden, es wird ausgiebig gesächselt.
Unter dem Witz lauert die Last
Ausstatter Florian Barth teilt die Bühne in zwei Teile – nicht in Ost und West, sondern in vorn und hinten. An der Rampe ist das TV-Studio eingerichtet, im Hintergrund ein Retro-Wohnzimmer. Die Möbel, erzählt er, sind original, in Chemnitz gekauft. „Das war fast ein museales Unterfangen.“ Die Kostüme hat er im Secondhand-Shop in Berlin erstanden.
Vor allem steuert Florian Barth Clips bei. Auf einer Leinwand über der Bühne laufen Live-Bilder und Vorproduziertes, liebevoll ausgewählt und collagiert. Putzmuntere Trabis, Honeckers Bruderküsse, staubige Regalfluchten voller Stasi-Akten, die blutjunge Eisprinzessin Kati Witt und Gymnastik für alle am Ostsee-Strand rufen Klischees wach. Eine Ostalgie-Show, sagt Antje Thoms, wird das Stück aber nicht. Denn unter dem Witz lauert die Last: die Geldsorgen, das Gefühl, verraten zu sein, die Einsamkeit – nicht anders als im Westen auch.