Beeindruckende Animationskunst aus Slowenien

Gemeinsam tanzen auf der Schreibmaschine: Im Animationsfilmprogramm sind die beiden erfolgreichsten Filme von Filmemacherin Špela Cadež zu sehen.
Als Špela Čadež vor mehr als zehn Jahren in Slowenien eine Förderung für ihren Film „Boles“ beantragte, bekam sie die Auskunft: Animationsfilme für Erwachsene brauche es nicht, sie solle ihr Leben sinnvolleren Dingen widmen. Heute hat die Filmemacherin über 130 Auszeichnungen bei internationalen Festivals eingesammelt und unterrichtet in Ljubljana an der Filmakademie. Ihr Film „Steakhouse“ wurde für einen Oscar nominiert und gewann den Jurypreis beim Annecy Animationsfestival 2021. „Boles“ und „Steakhouse“, die erfolgreichsten Filme von Čadež, sind bei der aktuellen Kurzfilmwoche im Programm mit Animationsfilmen aus Slowenien zu sehen.
Fragt man Špela Čadež im Zoom-Gespräch, wie es heute um den Animationsfilm in Slowenien bestellt ist, sagt sie, in den vergangenen 20 Jahren sei „enorm viel passiert“. Tatsächlich hat Ljubljana mit Animateka ein jährliches Festival für Animationsfilm. Länderübergreifende Kooperationen unter Filmschaffenden aus Zentral- und Osteuropa initiiert das jährliche CEE Film Festival in Wien. Čadež hat nicht nur in Slowenien einen großen Namen im Animationsfilm. Sie ist gut vernetzt, ihre Filme sind meist internationale Koproduktionen. Sie hat in Ljubljana die Produktionsfirma Finta Film mitbegründet, die auf Animation spezialisiert ist und inspiriert den Nachwuchs.
Schwarz verbrutzeltes Steak
Igor Prassel, der das Animationsprogramm kuratierte, schreibt im Katalog der Kurzfilmwoche: „Leon Vidmar und Zarja Menart lernten die Magie der Animation unter Anleitung von Čadež“. Von Vidmar zeigt die Kurzfilmwoche das Stop-Motion-Puppendebüt „Farewell“, von Menart den Cut-out-Kurzfilm „Three Birds“.
Čadež arbeitet zwei bis drei Jahre sie an einem Film. Ob Puppen- oder Scherenschnitt-Technik, bei ihr ist alles handgemacht. Sie und ihr Team arbeiten mit analoger Multiplan-Technik. Sie malen und zeichnen Vorlagen, die unter Glasplatten gelegt werden. Die Kamera nimmt die Bilder dann in die Tiefe gestaffelt auf, durch die Bewegungen entsteht zu den Seiten ein 3D-Effekt. Die Trickfilmer arbeiten mit Licht und Schatten, Musik und Geräuschen. Dadurch können sie eine intensive Atmosphäre erzeugen wie in „Steakhouse“.
Da sieht man Liza im Büro, wo ihre Kollegen sie mit einer kleinen Feier zu Geburtstag überraschen. Sie wirkt gehetzt. Parallel ist ihr Mann zu sehen, der zuhause sorgfältig ein Steak grillt und den Tisch deckt. Doch beim Blick auf die Uhr kippt seine Stimmung: Seine Gesichtszüge verzerren sich, die Musik wird laut, die Geräusche kratzend, fast schmerzhaft. Als Liza nach Hause kommt, ist die Wohnung voll von schwarzem Rauch – eine treffende Metapher: Hier ist nicht nur das Steak völlig verbrannt, sondern auch die Beziehung, wie Čadež sagt. Wie wandlungsfähig die Mimik des Wüterichs ist, fasziniert. Čadež sorgt mit einem überraschenden Twist dafür, dass ihre Protagonistin am Ende nie wieder niedergeschrien wird.
Ihr Film „Boles“ (2013) ist inspiriert von ihrem Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln, wo sie sich mit Puppen im Trickfilm befasste. In „Boles“, dessen Handlung auf Maxim Gorkis Kurzgeschichte „Ihr Liebhaber“ beruht, lässt sie buchstäblich die Puppen tanzen: Im Zentrum steht ein Schriftsteller mit Schreiblockade. Auf Drängen seiner Nachbarin Tereza schreibt er für sie einen Liebesbrief. Seine Blockade wächst sich aus, seine Finger verlieren ihre Spannkraft, hängen herab wie Gummischnüre. Tereza gelingt es, ihn aus seiner verzweifelten Lage zu befreien: Ihr gemeinsamer Tanz auf den Tasten der Schreibmaschine ist nicht nur ein wunderbarer dramaturgischer Einfall. Die Szene entreißt die beiden Einsamen für kurze Zeit ihrer Isolation.
Ein Dachs im Delirium
Čadež‘ Filme widmen sich gesellschaftlichen Themen wie Einsamkeit, psychischer Gewalt oder das Elend des Alkoholismus. Letzteres zeigt „Nighthawk“ mit der rasanten nächtlichen Trunkenheitsfahrt eines Dachses im Delirium. Die Filme sind unglaublich fantasievoll, überraschend, stellenweise auch beklemmend. Wer sie sieht, versteht: Wie gut, dass Špela Čadež sich nicht davon abbringen ließ, Animationen zu machen. Zur Kurzfilmwoche kommt sie nicht nur wegen ihrer Filme, sondern auch als Mitglied der dreiköpfigen internationalen Jury. Die lange Fahrt von Ljubljana nach Regensburg nimmt sie dafür auf sich, denn: „Gabriel Fieger von der Kurzfilmwoche hat mir eine so nette Mail geschrieben, da konnte ich einfach nicht Nein sagen.“
Špela Čadež bei der Kurzfilmwoche:
Boles“ und „Steakhouse“ sind bei der Regensburger Kurzfilmwoche von 20. bis 27. März im Animationsfilm-Programm aus Slowenien zu sehen, das im Länderfokus des aktuellen Festivals steht. Zudem gibt es neu aufbereitete Klassiker und das Programm New Queer sLOVEnia.
„Contemporary Slowenian Shorts“: Das Programm zeigt u.a. „Granny‘s sexual Life“, ausgezeichnet mit dem César in der Kategorie „Bester animierter Kurzfilm“. In Form einer Animation thematisiert der Film die Erfahrung einer Frauengeneration mit Missbrauch und Vergewaltigung.
