Immer nah an Politik und Gesellschaft: Ein Diplomat und Schmuggler aus Cham

Von Christoph Klöckner · 12. März 2025 um 19:00

Als Johannes Rieger als Kleinkind nach dem 2. Weltkrieg mit seinen Eltern aus Schlesien nach Cham flüchtete, gab es wenig später kein Zurück mehr: Bei Furth im Wald war die westliche Welt zu Ende. Nur Wenige gingen freiwillig hinter den Eisernen Vorhang. Einer davon war der Wahl-Chamer Rieger. Mehr noch: Er passierte die Grenze sogar als Schmuggler. Jetzt kehrte er in seine Heimat zurück, um davon zu erzählen – und auch, wo ihm überall Cham begegnete.

Auf Einladung des Fördervereins des Fraunhofer-Gymnasiums kam er in die ehemalige Oberrealschule, das heutige JvFG. Nach dem Studium in München und Berlin war er Pressereferent bei Willy Brandt, im Bundeskanzleramt in Bonn, dann lange in der Ständigen Vertretung in Ostberlin, schließlich in der Botschaft in Prag.

Am gleichen Schafkopf-Tisch

Und bei seiner jetzigen Rückkehr fand er nicht nur gut 60 Zuhörer, darunter Ex-Mitschüler, vor, sondern auch seinen Biolehrer – mit Josef Bauer sei er gleich ins Gespräch gekommen, erzählte er. Der habe auch einmal eine Beurteilung für den Verfassungsschutz über ihn schreiben müssen.

Auch dort, wo er übernachtete, traf er zu seiner Freude auf Altbekanntes: Er habe beim Käsbauer am gleichen Tisch gesessen wie früher, wo er als Schüler in den 60er Jahren Schafkopf gespielt habe.

Nach seinem Studium sei er 1967 zur Deutschen Welle, die einen Volontär suchte. „Mit meiner Freundin, meiner heutigen Frau, bin ich nach Berlin gegangen“, so Rieger. Gewechselt sei er dann ins Presse- und Informationsamt nach Bonn, während der Zeit der Großen Koalition 1967 bis 1969 unter Kiesinger, Brand, Strauß und Wehner. Das sei eine hochspannende Zeit gewesen, erzählt Rieger. Regierungssprecher sei Conrad Ahlers gewesen, die Schlüsselfigur der Spiegelaffäre von 1962. Vom Kanzleramt aus informierte er zudem die Außenstellen der Regierung. 1969 sei dann Brandt Bundeskanzler geworden – „und ich bin im Kanzleramt für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig gewesen.“

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Als Kabinettsreferent hatte er auch mit einer lustigen Geschichte um eine Lederhose aus seiner Heimat zu tun. Der SPD-Kanzleramtschef Horst Emke hatte sich 1970 gleich drei Mal an den alten Bürostühlen seine Hose zerrissen und wollte dafür eine Entschädigung der Bundesrepublik. Die Opposition in Person von CSU-Politiker Hermann Höcherl erbarmte sich und schenkte ihm eine unverwüstliche Lederhose. Dabei kam auch zutage, dass die Großmutter von Riegers Frau die Volksschullehrerin von Höcherl in Brennberg gewesen ist. Und noch eine Episode erinnerte ihn wenig später an die Heimat: Als Chef vom Dienst, der rund um die Uhr für die Regierung unterwegs war, begegnete er in New York Erwin Freiherr von Schacky, der seine Wurzeln in Waffenbrunn hatte. Von Schacky arbeitete hier im Auslandsdienst für Deutschland, später bei Richard von Weizsäcker. „Ich bin damals mit einem kleinen Flugzeug durch den Grand Canyon geflogen“, so Rieger. Dabei sei er schon Tode gestorben, doch fast umgekommen wäre bei seiner letzten beruflichen Auslandsreise als Öffentlichkeitsbeauftragter nach Algerien und Ägypten, als er mit einem Flugzeug in einen Sandsturm geriet. „Als ich dann wieder in Köln-Bonn landete, gab es die Guillaume-Affäre“, so Rieger.

Für Willy Brandt sei nicht nur das schwierig gewesen, „seine Ehe steckte in einer Krise, und er hatte gerade das Rauchen eingestellt.“ Weinend habe der Pressechef damals das Rücktrittsschreiben beim Bundespräsidenten abgegeben. Unter Helmut Schmidt sei er Chef vom Dienst im Presseamt geblieben, mit Loki und Helmut Schmidt auch nach Westberlin geflogen.

Günter Gaus, der in der Ständigen Vertretung in der DDR Chef war, habe ihn gefragt, ob er Pressereferent werden wolle. Er nahm an – wohnte dann in Pankow in Ostberlin. Sein erster Sohn sei 1975 das erste Kind in der BRD-Vertretung gewesen, wurde jedoch im Westen geboren. „Für die Einfuhr des Babys brauchten wir ein extra Diplomatenvisum, darin stand: des Schreibens und Lesens unkundig.“ In der Vertretung habe er damals auch Horst Trotz vom Bayerwald-Echo in Cham begrüßt.

Schließlich reizte ihn eine neue Stelle in der Botschaft in Prag: „Das habe ich als Heimspiel gesehen!“ So sei er näher an seiner Mutter in Cham und der Schwiegermutter in Schönsee gewesen. Dort sei ihm auch Kardinal Casaroli begegnet. „Die Katholische Kirche spielte in der Tschechoslowakei eine große Rolle“, sagte Rieger, dessen Frau an der amerikanischen Schule Deutsch gab, wo auch die beiden Söhne zur Schule hingingen. Für den Religionsunterricht gab es Bücher aus Cham, von Hubert Schöner, ehemaliger Lehrer und Bekannter seiner Frau. Im Veitsdom sei der Sohn zur Kommunion gegangen, „beim ersten deutschen Gottesdienst nach 1945.“ Ein Redemptorist, der auch das Chamer Kloster kannte, wo Rieger selbst als Ministrant diente, war dabei.

Einmal sei eine Wirtschaftsdelegation mit Wirtschaftsminister Gustl Lang in der Botschaft gewesen. Dann habe man Schimpfen gehört – hereingestürmt sei „Bayerns heimlicher Außenminister“ aus Cham, Max Fischer, der sich bitterlich beklagte, dass er nicht eingeladen worden sei. Für die Kirche schmuggelte Rieger Geld und Bücher aus dem Regensburger Bistum über Furth nach Prag.

Mit Kohl und Merkel

Und Helmut Kohl half ihm, eine Bitte des Kardinals zu erfüllen: Der Bundeskanzler schickte rares Blattgold, um eine Domfigur zu vergolden. Die einzige Dienstbeschwerde seiner Laufbahn habe er 1989 bekommen, als DDR-Flüchtlinge die Botschaft stürmten. „Wir saufen ab!“, habe er öffentlich gesagt, woraufhin sich DDR-Rechtsanwalt Vogel über ihn beschwerte. Er diente später Berater der letzten, frei gewählten DDR-Regierung – „Angela Merkel war die Sprecherin des Regeirungschefs de Maizière. “

Wie klein die Welt ist, hat Johannes Rieger wieder beim Seniorengolf in Bonn entdeckt. Da habe er eine Dame kennengelernt, deren Mann in Roding in der Kaserne Kommandant gewesen sei und sie als Lehrerin am Fraunhofer arbeitete. Zur PersonWege: Aus Schlesien flüchtete Rieger nach Bayern. Er hat ab 1945 in Chamerau gewohnt, dann in Cham in der Schillerstraße. Er sei schon als Oberschüler in Cham in die SPD eingetreten, erzählte er seinen Weg zur Sozialdemokratie. Politische Stationen im Leben waren Bonn, Berlin, Ost-Berlin und Prag.

Geschenke gab’s für Johannes Rieger (r.) vom Fördervereinschef Christian Nowotny.