Ein Chamer im Bundeskanzleramt: Johannes Rieger war immer nah am Geschehen

So nah an der Macht wie Johannes Rieger war vermutlich selten ein Chamer. Der Fraunhofer-Absolvent hat es bis ins Bundeskanzleramt zum leitenden Pressereferenten der Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt gebracht. Jetzt kehrt er aus seiner Wahlheimat Bonn nach Cham zurück, um im Fraunhofer über seinen Lebensweg zu sprechen.
Geboren in Schlesien, hat ihn die Flucht wie so viele nach Bayern getrieben. Er hat ab 1945 in Chamerau gewohnt und anschließend in Cham in der Schillerstraße. „Ich bin schon als Oberschüler in Cham in die Königlich Bayerische Sozialdemokratische Partei Deutschlands eingetreten“, erzählt er seinen Weg zur Sozialdemokratie. Sie habe damals wegen ihres Vorsitzenden im 19. Jahrhundert, Georg von Vollmar, und ihres damaligen Vorsitzenden Waldemar von Knöringen – ein fränkischer Baron – so geheißen.
Viele SPD-Bürgermeister
„In dieser Zeit gab es im kommunalen Bereich hervorragende SPD-Bürgermeister, die nach den schrecklichen zwölf Jahren mit eigenen bitteren Erfahrungen einen politischen Neuanfang suchten“, erinnert er sich und verweist auf Bürgermeister Kögler in Furth im Wald, Bürgermeister Michael Zimmermann in Cham, in Regensburg Bürgermeister Schlichtinger und in Straubing das Stadtoberhaupt Stiefvater, der ein Ritterkreuz-Träger gewesen sei.
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Die SPD habe damals fast alle Bundestags- und Landtagswahlkreise in den Großstädten und in der Fläche und auch Direktmandate in Oberfranken inne gehabt. Auch wenn er im Bundeskanzleramt für Brandt und Schmidt tätig war, könne hier „von Weltpolitik natürlich nicht die Rede sein“, sagt er auf Nachfrage.
Alle seine dienstlichen Stationen seien eigentlich spannend gewesen, sowohl sechs Jahre mit Willy Brandt, sieben Jahre in der Ständigen Vertretung in der DDR, vier Jahre in der Botschaft in Prag, anschließend das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten als Bediensteter des Landes Berlin, so Johannes Rieger in seiner Rückschau.
Bayern bleibt Heimat
Auf die Frage, ob Politik damals einfacher gewesen sei, da die Fronten klarer waren als heute, sagt er: „Politik ist nie einfach. Damals war es sozusagen eine bipolare Welt. Wir, die Guten, und im Osten, auch im Fernen Osten, die Bösen.“
Heute sei das viel komplizierter mit mehreren Playern: „Wir müssen uns auch deswegen mit den schrecklichen Vereinfachern herumschlagen und versuchen, verunsicherte Bürger mit guten Argumenten und vor allem guter Politik zurück zu gewinnen.“ Deutschland habe mit langem Atem doch noch die Wiedervereinigung erreicht – vor allem Dank des Verhaltens der Vereinigten Staaten und des guten Verhältnisses aller damaligen Regierungen zu ihnen, betont Rieger.
Und wie steht er heute zu Bayern? „Bayern war und bleibt meine Heimat. Das liegt vor allem an meiner Frau, die aus Schönsee stammt“, antwortet er. „Wir hatten bis in die 90er Jahre immer unseren ersten Wohnsitz bei meinen Schwiegereltern und konnten dort bei Landtags- und Bundestagswahlen wählen.“ Es sei überhaupt kein Nachteil gewesen, dort auf dem Land eine feste Basis zu haben – im Gegenteil: „Die vielen Stationen meines Berufsweges brauchten diesen Rückzugsort. Wenn jetzt Bonn mein Schwerpunkt geworden ist, so hat dies damit zu tun, dass ich dort am längsten gelebt habe. Aber, wie man so sagt, habe ich aus familieren Gründen immer noch einen Koffer in Bayern und in Berlin.“
Mit Blick auf die heutige Lage, der bevorstehenden Wahl und des Erstarkens der Rechten, meint Rieger, man müsse natürlich auch etwas dazu tun, „damit Berlin nicht Weimar wird.“ In der Weimarer Republik sei die Demokratie von den Rändern her, von links und rechts, zerstört worden. „Die Parteien der demokratischen Mitte sollen in der Tat den Menschen Mut machen und nicht ein Theater wie in den letzten Monaten bieten.“ Die Gegebenheiten des digitalen und KI- Zeitalters müssten besser erklärt werden. Vor allem, dass nur ein geeintes Europa in einer offensichtlich sich entwickelnden tripolaren Welt bestehen könne. „Die Zeit des Verlassens auf die USA ist vorbei“, sagt Rieger.
Das erfordere große finanzielle Anstrengungen und ein Umsteuern in allen Politikbereichen wie in der Sozialpolitik, im Steuer- und Gesundheitssystem oder auch der Migration. Seiner Meinung nach brauche es vor allem eine Verbesserung der Sicherheit und einen klaren Akzent auf der Demografie, also keine zu starke Vorbelastung unserer Kinder und Enkel. „Das heißt, heute sind auch Opfer nötig und nicht eine Fixierung auf liebgewonnene Besitzstände!“ Der Blick zurück in die angeblich gute alte Zeit, den die Populisten überall propagieren, sei da nicht zielführend. Doch: „Etwas Optimismus auch in schwierigen Zeiten gehört dazu.“Der Vortrag von Johannes Rieger in ChamTermin: Der Förderverein des JvFG bietet den Vortrag mit dem Thema „Geschichts-Unterricht – einmal anders! Was Johannes Rieger als Zeitzeuge der deutschen Politik in mehr als 60 Jahren erlebte und welche Rolle Cham dabei spielte“ an. Er findet am Mittwoch, 26. Februar, um 19 Uhr im Fraunhofer-Gymnasium statt. Wer hin möchte, sollte sich per E-Mail bei Christian Nowotny melden (c.d.nowotny@t-online.de) anmelden, damit genug Platz ist (Raumnummer wird in der Pausenhalle angeschlagen).
Beruf: Der gebürtige Chamer Johannes Rieger war als leitender Pressereferent des Bonner Kanzleramts unter Willy Brandt und Helmut Schmidt sowie in Berlin und Prag als Botschaftsrat und Senatsrat tätig, ebenso als Berater der ersten frei gewählten Regierung der DDR.
