Fasten reinigt Körper und Geist: Neumarkter Ernährungsmedizinerin erläutert, wann Verzicht sinnvoll ist

Kein Fleisch, keine Süßigkeiten, kein Alkohol, Saftdiät oder gleich Nulldiät? Die Fastenzeit nehmen viele Menschen zum Anlass zum Verzicht. Nicht aus religiösen, sondern mehr aus gesundheitlichen Gründen wird beim Heilfasten, Intervallfasten oder bei Saftkuren auf Nahrung verzichtet. Aber ist das überhaupt gesund? Die Neumarkter Ernährungsexpertin Verena Herrmann klärt auf.
„Gib deinem Körper, was er braucht, und er wird dir geben, was du willst“, lautet der Leitspruch der Ernährungsmedizinerin Verena Herrmann. Sie ist Diätassistentin, hat einen Bachelor in Diätetik und einen Master in angewandter Ernährungsmedizin.
In Woffenbach betreibt sie eine Praxis für angewandte Ernährungsmedizin. Sie stellt fest, dass es immer mehr Menschen mit ernährungsbedingten Erkrankungen gibt.
• Welche Bedeutung hat das Fasten aus ernährungswissenschaftlicher Sicht?
„Fasten ist der bewusste Verzicht auf Lebensmittelgruppen über einen gewissen Zeitraum hinweg“, stellt Herrmann klar. Dabei handle es sich in der Regel um Lebensmittel, die für den Körper in größeren Mengen negative Auswirkungen haben wie Zucker und Alkohol. Viele nutzten Fasten aber auch, um wieder ein neues Gefühl für das eigene Essverhalten sowie Hunger und Sättigung zu entwickeln. Oft werde Fasten falsch interpretiert, weil viele es nutzten, um überflüssiges Gewicht zu reduzieren.
Fasten sei jedoch vielmehr ratsam, um den Körper und den Stoffwechsel bewusst zu entlasten und die Beziehung zu Lebensmitteln und Essverhalten zu stärken. „Was brauche ich, was brauche ich nicht, was tut mir gut?“ Vor allem aber profitiere die Gesundheit, wenn man mal auf Zucker, Kohlenhydrate, ungesunde Fette und Alkohol verzichte. In jedem Fall solle man genau überlegen: Warum faste ich?
• Welche verschiedenen Formen des Fastens gibt es und worin unterscheiden sie sich?
Sehr im Trend liege aktuell das Intervallfasten, was sie aber nicht zum Fasten zähle, da der Fokus auf dem Abnehmen liegt, sagt Herrmann. Heilfasten hingegen eigne sich besonders gut für Menschen, die ihrem Körper etwas Gutes tun möchten. Denn Heilfasten habe einen großen wohltuenden Effekt auf Geist und Körper. Besonders spürten Rheuma- und Schmerzpatienten bereits nach einer Woche gesundheitliche Verbesserungen.
Beim Heilfasten werde zunächst der Darm vorbereitet, zum Beispiel durch die Einnahme von Glaubersalz sowie Einläufe, erläutert Herrmann. Dadurch reduziere sich auch das Hungergefühl. Je nach Auslegung werde sehr wenig gegessen, dafür aber viel getrunken: Wasser, Tee oder Brühe, um den Körper auf ein Minimum runterzufahren. Doch nicht nur der, sondern auch die Psyche faste.
„Deswegen sollte man das Heilfasten nicht zusätzlich zum stressigen Alltag machen“, empfiehlt die Ernährungsmedizinerin. Im stressigen Alltag benötige der Körper ausreichend Energie und Nährstoffe. Eine Fastenzeit, in der Kalorien und Nährstoffmenge deutlich reduziert würden, sei deswegen im normalen Alltag meist nicht zu empfehlen. Fasten sei körperliche und geistige Entlastung, daher sollte auch das Arbeitsleben beachtet werden. Herrmann rät, das Heilfasten mit ärztlicher Begleitung oder in entsprechenden Einrichtungen machen. Es sollte nicht länger als eine Woche bis vierzehn Tage dauern.
• Welche positiven Effekte kann Fasten auf den Körper haben?
„Heilfasten ist zum Abnehmen nicht geeignet“, stellt die Ernährungsmedizinerin klar. Fasten sollte zur Gesundheitsförderung genutzt werden und nicht um überschüssige Kilos zu verlieren. Zu langes Fasten könne sich zudem negativ auf den Stoffwechsel auswirken. Hingegen könnten Schmerzpatienten davon profitieren. Zudem habe es gute Auswirkungen auf die Leber.
Es gebe aber auch spezielles Leberfasten, bei dem die Leber durch das Weglassen diverser Zuckerquellen und Alkohol gezielt entlastet werde. Im Gegenzug würde gezielt mehr frisches Gemüse, Bitterstoffe, wie sie in Rucola, Radicchio oder Artischocken enthalten sind, sowie Eiweißquellen in die Ernährung eingebaut.
Inzwischen litten immer mehr Menschen an einer Fettleber, gibt Herrmann zu bedenken. Die Fructose aus den Fertiglebensmitteln sowie eine zu hohe Kohlenhydratzufuhr im Vergleich zum Verbrauch sowie viele Medikamente seien ein Problem für die Leber. Wenn diese durch das Fasten zur Ruhe komme, unterstütze man die Entgiftungsprozesse im Körper. Das tue jedem Organ gut.
Dann gingen auch Entzündungen zurück, Beschwerden wie Rheuma und Gelenkschmerzen würden besser. Fasten steigere Bewusstsein und Wertschätzung, was und wie oft man isst, stellt Herrmann fest. Vielen Menschen falle in der Fastenzeit erst richtig auf, was und wie viel sie wirklich essen.
So bekämen sie ein neues Bewusstsein für Mengen, Hunger und Sättigungsgefühl. Fasten sei gut für die Psyche, weil man bewusster lebe und vielleicht in den 40 Tagen der Fastenzeit feststelle, man könne gut auf das ein oder andere verzichten.
Aus wissenschaftlicher Sicht könne Fasten auch den Alterungsprozess bremsen, sagt Herrmann. Man könne sich das so vorstellen, dass der Körper dadurch in einen Reinigungsprozess komme und die Zellen vom Müll befreit würden. Darm und Organe würden entlastet.
• Gibt es Risiken und Personengruppen, die nicht fasten sollten?
Bei zahlreichen Erkrankungen, wie Gicht, Krebs, Diabetes oder beim Vorliegen einer Essstörung oder wenn gewisse Blutwerte nicht stimmen, sollte man mit Fastenkuren vorsichtig sein, mahnt die Ernährungsmedizinerin, ebenso bei Nieren- und Herzproblemen. Da könne unbedachtes Fasten große Probleme nach sich ziehen, weswegen immer ein Arzt zu Rate gezogen werden sollte.
• Welche Nährstoffe sind besonders wichtig, wenn man fastet?
Eines sei bei allen Fastenkuren unabdingbar, betont Herrmann: ausreichend Wasser, Tee oder Brühe zu trinken – zweieinhalb bis vier Liter, je nach persönlicher Konstitution. Wichtig sei ferner die Zufuhr von Elektrolyten, Kalium, Natrium, Magnesium.
• Wie lange darf eine Fastenkur dauern?
Man sollte nicht zu lange fasten, rät die Ernährungsmedizinerin. Der Körper ist auf eine ausreichende Energie und Nährstoffzufuhr angewiesen um im Alltag optimal zu funktionieren. Ebenfalls können sich bei zu langem Fasten langfristige Folgen für den Stoffwechsel ergeben. Eine oder zwei Wochen seien schon ausreichend.
Gut zu wissen
Fastenzeit: Fasten ist ein fester Bestandteil aller Religionen. Der Gläubige soll sich durch das Fasten auf seinen Glauben konzentrieren und Gott näherkommen. In allen großen Weltreligionen gibt es Fastenzeiten. Bei den Christen beginnt mit dem Aschermittwoch die vierzigtägige Fastenzeit, die als Bußzeit auf Ostern vorbereitet. Höhepunkt ist der Karfreitag. Die Zeit der Buße und Umkehr soll an das vierzigtägige Fasten Jesu in der Wüste erinnern.
Brauchtum: Die Kirche ruft die Gläubigen im Alter von 14 bis 60 Jahren in dieser Zeit zum Fasten auf. Aschermittwoch und Karfreitag sind von der Kirche gebotene Fastentage. Gab es für die Fastenzeit im Mittelalter strenge Regeln – so waren Fleisch und tierische Produkte verboten, so steht heute mehr der freiwillige Verzicht, den sich viele auferlegen.
Fasten für die Gesundheit: Bei verschiedenen Erkrankungen ist eine medizinische Ernährungstherapie in Abstimmung mit dem Arzt ratsam. Das können laut Expertin Verena Herrmann zum Beispiel Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, erhöhter Cholesterinspiegel oder Fettleber sein, aber auch Autoimmun-, Herz-Kreislauf- oder Darmerkrankungen sein, aber auch Burn Out, Depression oder das Fatigue-Syndrom. Interessierte sollten Rücksprache mit ihrem Arzt halten.