Job und Wohnung in Regensburg: Ukrainerinnen kommen im neuen Leben an

Die Hälfte der aus der Ukraine Geflüchteten möchte bleiben. Sie haben sich trotz zahlreicher Hürden in Regensburg integriert. Von Trumps Verhalten gegenüber ihrem Präsidenten Selenskyj sind sie schockiert.
Germann, der betagte Yorkshire Terrier, lässt Svitlana Mykhailova-Sulima nicht aus den Augen. Am liebsten kuschelt er sich in ihre Arme. Die 59-Jährige, ihr Mann und die Mutter sind vor drei Jahren mit dem Vierbeiner aus Odessa geflüchtet. Nach einer schwierigen Übergangsphase fühlen sich heute alle in Regensburg zuhause. In ihrer Übergangswohnung in Kumpfmühl, die die Flüchtlingshilfe Space Eye angemietet hat, deckt Svitlana Mykhailova-Sulima die Teetafel. Sie serviert ukrainische Bonbons mit getrockneten Zwetschgen und Schokolade. Zum Tee gibt es Honig von den eigenen Bienen in Odessa.
Mykhailova-Sulima und ihre Familie wollen bleiben, weil Russland auch Odessa laufend angreift. Die 59-Jährige zeigt Videos von einem brennenden Privathaus. „Das war heute Nacht.“ Mit der App „Alarm Map of Ukraine“ verfolgt sie die Luftalarme. Die frühere Direktorin einer Firma für Schul- und Bürobedarf hat in Regensburg fast vom ersten Tag an gearbeitet. Sie ist stellvertretende Leiterin des Housekeeping im Tegernheimer Dream Inn Hotel. Ihr Mann, ein Rentner, packt jeden Tag bei Space Eye mit an. Es passe alles, sagt Mykhailova-Sulima.
Scharfe Kritik an Trump
Sie hoffe, dass die Familie bleiben kann. Dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj von Donald Trump im Angesicht der Weltpresse gedemütigt wurde, bestärkt Mykhailova in diesem Wunsch. Das was im Oval Office geschehen sei, habe sie erwartet. Trump sei ein Geschäftsmann, den nur die Finanzen interessierten. „Business, Business, Business“, sagt die Ukrainerin. Europa solle jetzt die gesamte finanzielle Militärhilfe übernehmen – und am besten die Waffen in den USA kaufen. So denke Trump. Mykhailova-Sulima ist überzeugt, dass er die Provokation geplant hat.
In Regensburg setzen ihr zwei Probleme zu. Im August muss die Familie die Wohnung verlassen, bislang hat sie noch keine neue gefunden. Außerdem kämpft die 59-Jährige mit der deutschen Sprache. Wegen der Arbeit habe sie keine Zeit für einen Deutschkurs gehabt.
Mykhailova-Sulima zählt zu dem guten Drittel der Ukrainer, die mittlerweile arbeiten. Im Bezirk der Arbeitsagentur Regensburg, zu dem auch die Landkreise Kelheim und Neumarkt gehören, waren im Februar 3402 Personen als erwerbsfähig bei den Jobcentern gemeldet. Die Zahl sei seit Monaten „fast gleichbleibend“, sagt der Pressesprecher der Agentur, Robert Brüderlein. Ende Februar haben 1825 Ukrainer und Ukrainerinnen in Regensburg Bürgergeld bezogen, davon waren 1271 erwerbsfähig und 554 nicht.
Der Regensburger Professor Enzo Weber sieht aber Fortschritte bei der Integration in den Arbeitsmarkt. „Seit Anfang 2024 geht es deutlich stärker bergauf, die Beschäftigung von Ukrainern steigt bundesweit um rund 7000 pro Monat“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler, der am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (iab) tätig ist. Rund 50 Prozent der Geflüchteten sehen laut iab ihre Zukunft in Deutschland.
Auch Hanna Kalmykova hat sich mit ihrem zehnjährigen Sohn Roman und ihrem Lebensgefährten gut in der Domstadt integriert. Die 35-Jährige ist als Pflegehelferin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder beschäftigt und wird sich zur Pflegefachkraft weiterbilden. Sie spricht perfektes Deutsch, hat nur kurz Bürgergeld bezogen und hat gelernt, wie sich der Pflegeberuf in der Ukraine und Deutschland unterscheidet. Zum Beispiel waschen in ihrer Heimat die Angehörigen die Patienten.
Sohn kämpft mit Sprache
Kalmykovas Problem: Roman tut sich schwer mit der deutschen Sprache. Sie hofft, dass er trotzdem den Wechsel an die Realschule schafft. „Er ist ein schlauer Junge und ich möchte, dass er studiert.“ Deshalb hat sie eine Deutsch-Nachhilfe organisiert. Nach sechsmonatiger Suche hat Kalmykova eine Mietwohnung gefunden, in der auch ihre Mutter und der im Krieg schwer verletzte Lebensgefährte leben, der in der Ukraine Jura studierte.
Der Eklat im Oval Office des US-Präsidenten hat sie schockiert. „Ich unterstütze meinen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj “, sagt sie. „Ich denke, das ist ein großes Theater von Trump gewesen. Er wollte Selenskyi heruntermachen. Ein US-Präsident sollte nicht so handeln.“ Er sei ein Geschäftsmann und nur an Geld interessiert. Selenskyi sei bei den Gespräch geduldig gewesen, habe jedoch Grenzen gesetzt. Dass Trump die Militärhilfe eingefroren hat, erschüttert die 35-Jährige.
Larysa Yevlakhova ist in den ersten Kriegstagen aus Kiew geflüchtet. Inzwischen fühlt sich die 48-Jährige in Regensburg zuhause. Ihr Geld verdient sie als Buchhalterin bei Campus Asyl. Zusammen mit ihrer Mutter, der Tochter und den zwei Hunden möchte sie bleiben. Yevlakhova nennt zwei Hauptgründe dafür: Weil sich der Krieg hinzieht. In drei Jahren gewöhne man sich an ein neues Land. „Ich habe hier viele wundervolle Menschen mit großem Herzen kennengelernt“, sagt sie. Grund zwei: Die 15-Jährige Anastasia erzielt am Albertus-Magnus-Gymnasium Topnoten und möchte hier studieren.
Yevlakhova ist von Campus Asyl 2024 als Festangestellte übernommen worden. Ihr Deutsch ist fabelhaft. Nach Stationen bei einer Familie und in einem sanierungsbedürftigen Stadtbaublock sind Yevlakhova, ihre Mutter und die Tochter in eine Wohnung in Kumpfmühl gezogen. „Wir sind glücklich“, sagt sie.
Zum Konflikt zwischen Trump und Selenskyj äußert sie sich nicht. Diese Nachrichten belasten sie zu sehr.
Jeder Dritte arbeitet
Ukrainer in Regensburg: 3500 Geflüchtete aus dem von Russland überfallenen Land leben hier.
Beschäftigungsquote: Diese liege klar über 30 Prozent, sagt der Regensburger Arbeitsmarktforscher Professor Enzo Weber. Im europäischen Vergleich bewege sich Deutschland im Mittelfeld.

