Johnny Cash in „Barbaria“: Der spätere Weltstar erlebte prägende Jahre in Bayern

Von Claudia Böckel · 4. März 2025 um 15:30

In Landsberg am Lech kaufte Johnny Cash seine erste Gitarre, hier gründete er seine erste Band und viele seiner Songs beziehen sich auf die Zeit als Soldat. Zwei Historiker und ein Künstler bringen die Geschichte als Buch heraus.

Eine Sammlung alter Fotos von zwei amerikanischen Soldaten und einer Frau stand am Beginn dieser Geschichte. Es waren Fotografien aus den 1950ern, aufgenommen in Landsberg am Lech. Die Soldaten waren stationiert auf der ehemaligen Air Base, dem US-Luftwaffenstützpunkt in Penzing bei Landsberg. Einer der Männer hieß Billy Joe Carnahan, kam aus Missouri mit seiner blutjungen Frau Iris. Der andere – Funker bei der Luftwaffe wie sein Freund Billy Joe – hieß Johnny Cash.

Johnny Cash kaufte seine erste Gitarre in Landsberg. Später schrieb und sang er Welthits, deren Texte durchaus mit Landsberg zu tun haben: „Don’t Take Your Guns to Town“ etwa erzählt von einem jungen Mann namens Billy Joe, der mit seiner Gun in die Stadt geht, in Streit gerät und erschossen wird. Den Titel des Songs lieferte eine militärische Anweisung, die Soldaten der Air Base untersagte, ihre Waffen mit in die Stadt zu nehmen.

Sammlung überdauerte Jahrzehnte

Das Konvolut von Fotos, Farbdias und Schwarz-Weiß-Aufnahmen hielten die Carnahans und ihre drei nach der Rückkehr in die USA geborenen Kinder in Ehren, wie man früher gesagt hätte. Die Sammlung überdauerte Jahrzehnte. Jetzt kann man sie betrachten: in dem Buch „Cash in Barbaria“, herausgegeben von Edith Raim, Stefan Paulus und Martin Paulus. Edith Raim ist Historikerin mit vielen Publikationen. Stefan Paulus studierte in Regensburg und Augsburg, ist Professor an der Uni Augsburg. Martin Paulus gehörte zu den Künstlern, denen die legendäre Galerie Bäumler Einzelausstellungen widmete.

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Begleitet von informativen Texten der beiden Historiker Edith Raim und Stefan Paulus hält man im besten Sinne ein „Bilder“-Buch in der Hand. Der Künstler Martin Paulus sagt, er habe die Fotos auf filmische Art und Weise ausgesucht, angeordnet und in Zusammenhang gebracht. Er hat Bildpaare gebildet, die sich ergänzen und erweitern. Stefan Paulus stellt in einem Interview einen weiteren Zeitzeugen vor, der jedes Jahr Landsberg besucht: Donald Gappa. Ein Bild zeigt Gappa auf einer noch heute vorhandenen Parkbank an der Stadtmauer.

Martin Paulus hat in das ganze Buch auch Zitate eingestreut, die den Blick öffnen und die Bilder ergänzen, beispielsweise das Zitat der amerikanischen Fotografin Lisette Model: „Ich bin ein großer Fan des Schnappschusses, weil er von allen fotografischen Bildern der Wahrheit am nächsten kommt.“

Fotografien sind auf Reisen entstanden

Die Fotografien, alle in den Jahren 1953/54 in Landsberg am Lech, in der Umgebung und auf Reisen in andere europäische Länder entstanden, zeigen Porträts der drei Freunde: vor Stacheldrahtzaun, vor dem Gartenzaun des Siedlerhäuschens, in dem die Carnahans wohnten und in dem Johnny Cash ein gern gesehener Gast war, in der Altstadt, am Ammersee beim Segelausflug, beim Fischefangen.

Einen wichtigen Teil nimmt auch die Wirtsfamilie der Carnahans ein, genau wie das Siedlerhäuschen. Ein Zitat von Wilhelm Raabe dazu: „Die Geschichte eines Hauses ist die Geschichte seiner Bewohner, die Geschichte seiner Bewohner ist die Geschichte der Zeit, in welcher sie lebten und leben.“

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Familienfeiern wie Weihnachten, Thanksgiving und Geburtstagsfeste mit Torten und mit Spiel auf dem Klavier verbrachte man gemeinsam mit den Vermietern und deren Dackel, auf wenig Raum, in bester Völkerverständigung.

Gitarre in Landsberg gelernt

Ein Essay von Martin Paulus erschließt am Ende des Buchs auch die Siedlung in der „Weststadt“ und beschreibt die Besonderheiten dieses speziellen Ortes, an dem Paulus selbst groß geworden ist. „Auf diese Weise entsteht eine Art Mikrogeschichte besonderer Art, mit der das zeitlich begrenzte Zuhause der Carnahans und ihres Freundes Johnny Cash mit dem Elternhaus des Autors und dessen Familiengeschichte verknüpft werden“, so Edith Raim. „Auf engstem Raum spielte sich die vermeintlich private Geschichte junger Amerikaner und junger Deutscher ab, die ihre Nachwirkungen bis in unsere Gegenwart hat.“

Musik wurde wichtig im Leben des 21-jährigen Cash. Gesungen haben sie schon zu Hause in Arkansas, auf der Baumwollfarm, aber Gitarre spielen lernte er in Landsberg. Dort gründete er auch gleich die erste Band: „The Landsberg Barbarians“, eine Anspielung auf die Postille der US-Armee „The Landsberg Bavarian“, aber auch auf die hiesigen Deutschen, die ehemaligen Feinde. Und noch weiter geht es mit den Anspielungen: Das Buch hat den Titel „Cash in Barbaria“.

„Cash in Barbaria“ ist erschienen im Balaena Verlag (192 Seiten, 28 Euro).

Die Herausgeber des Buchs: Martin Paulus, Edith Raim und Stefan Paulus (von links) Foto: Elo Raim
Johnny, Iris und Billy Joe samt reichem Fischfang, aus dem Buch „Cash in Barbaria“ Foto: Sammlung Carnahan