Beim Konzert im Audimax: Den ganzen Irrsinn auf den Punkt gebracht

Die Regensburger Philharmoniker stürzen sich mit Prokofjew und Berlioz in einen aberwitzigen Spielrausch. Auf das nächste sinfonische Großereignis am 14. Juli darf man sich jetzt schon freuen.
Es ist einer der fesselndsten Momente der gesamten Orchesterliteratur. Im ersten Akt von Sergej Prokofjews Ballettmusik zu „Romeo und Julia“ unterbricht der Fürst von Verona einen Streit, der sich auf offener Straße zwischen den verfeindeten Häusern der Montagues und der Capulets hochgeschaukelt hat. Sein Machtwort fasst Prokofjew in einen clusterartig zusammengeballten Akkord von brutal-dissonanter Wucht, der sich unvermittelt in eine wie aus einer anderen Welt kommende Streicherfläche ausdünnt.
So hatte das Philharmonische Orchester Regensburg im Audimax der Universität sein großes Publikum schon nach einer guten Minute vollständig in den Bann gezogen. Der berühmte „Tanz der Ritter“, den der Komponist in seiner zweiten Ballett-Suite direkt an diesen singulären Gewaltausbruch anschließt, tat ein übriges. Um zahlreiche Gäste aufgestockt – allein 50 Streichinstrumente – entfaltete das Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Stefan Veselka aber nicht nur eine beeindruckende Wucht. Ebenso zu bestaunen waren die rhythmische Gelenkigkeit (im Julia-Satz oder im Tanz der fünf Paare) und die sangliche Spielkultur des hörbar hochmotivierten, in den vielen Solopassagen brillierenden Klangkörpers.
Für das Fehlen der Balkonszene entschädigen in dieser zweiten Suite der herzzerreißende Abschied des Liebespaars aus dem dritten Akt und die erschütternde Begräbnisszene. Deren Wirkung hallte noch lange nach, während Stefan Veselka einzelne Stimmgruppen und Solisten für ihren verdienten Extra-Applaus hervorhob.
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Nach der Pause dann ein weiteres Schaustück orchestraler Wirkmächtigkeit, wobei auch Hector Berlioz’ „Symphonie fantastique“ indirekt ein Shakespeare-Stück ist. Denn ohne des Komponisten Obsession für die Julia- und Ophelia-Darstellerin Harriet Smithson wäre das Stück wohl nicht entstanden. Das Philharmonische Orchester war von den ersten tastenden Tönen an auf der Höhe dieses fiebrigen Geniestreichs. Die lange Einleitung des ersten Satzes baute die nötige Spannung auf für den ersten Auftritt der „fixen Idee“, jener Melodie, die sich als Chiffre für des Komponisten Liebesbesessenheit durch das ganze Stück zieht. Sehr gut getroffen war auch der plötzliche Stimmungsumschwung in der Durchführung, wo ein neues Oboenmotiv eine ganz andere Richtung andeutet, die die Musik einschlagen könnte. Minimale Einwände könnte man beim Walzer anbringen, der gegen Ende in hitzigere Grenzbereiche taumeln könnte, oder bei der ansonsten ausgezeichnet gelungenen „Szene auf dem Lande“, die Beethovens Pastorale ins Abgründige weiterdenkt. Hier hätte die hinter der Bühne postierte Oboe, die dem melancholischen Ruf des Englischhorns antwortet, ruhig weiter entfernt sein können.
Beim „Gang zum Richtplatz“ und dem abschließenden Hexensabbat war dann alles aus einem Guss. Das nun endlich geforderte schwere Blech lieferte bravourös ab, die vier Fagotte plapperten um die Wette, die Schlagwerkgruppe heizte den Irrsinn punktgenau an. Alle Instrumentengruppen steigerten sich mit Genuss in diesen aberwitzigen Spielrausch und durften am Ende den verdienten Jubel ernten.
Auf das nächste sinfonische Großereignis unseres Orchesters mit Holsts „Planeten“ am 14. Juli dürfen wir uns schon jetzt freuen.