Mordprozess gegen Arzt: Angehörige von gestorbenem Patienten (79) sagten in Regensburg aus

Von Christian Eckl · 1. März 2025 um 05:00

Der Tod mag für Ärzte und Pflegepersonal in Kliniken etwas allgegenwärtiges sein. Für Angehörige ist er es nicht. Das wurde deutlich im Prozess gegen einen früheren Kelheimer Klinikarzt, der sich derzeit wegen Mordes vor dem Regensburger Landgericht verantworten muss.

Dem Arzt wird vorgeworfen, die Dosierung von Morphin für einen 79-jährigen Koma-Patienten so erhöht zu haben, dass dieser daran starb. Am Freitag vernahm das Gericht die beiden Schwestern und den Schwager des Mannes, der am 9. Juli 2022 im Kelheimer Krankenhaus verschieden war.

„Ihr Bruder wird heute sterben.“ So habe es ihr der Arzt in einem Telefonat mitgeteilt. Sie sei völlig geschockt gewesen, sagte eine Schwester des Verstorbenen im Zeugenstand. Richter Thomas Polnik fragte nach: „War das verbunden mit einer Erklärung, etwa, dass es Ihrem Bruder schlechter geht?“ Die Zeugin beharrte darauf: „Nein, nein, nein.“ Die Ankündigung des Todes sei für sie völlig überraschend gekommen.

Schwester schildert Telefonat: Der Hans wird heute sterben“

Auch die zweite Schwester des verstorbenen Patienten schilderte, wie sie telefonisch davon erfuhr: „Der Hans wird heute sterben.“ Eine der beiden Schwestern schilderte, wie sie die Situation bis heute belasten würde. „Ich kann nicht gut schlafen.“ Sie mache sich Vorwürfe, nicht nachgefragt zu haben, woran der Bruder denn nun sterben werde.

Der 79-jährige Patient lag da nämlich schon seit vier Wochen im Kelheimer Krankenhaus. Er hatte eine Magenblutung erlitten, der Zustand, das hätten die Ärzte versichert, sei aber stabil gewesen. Der Mann war aufgrund eines Schlaganfalls schwer seh- und hörbehindert. Die beiden Schwestern kümmerten sich um ihn, obwohl sie weiter wegwohnten.

Als er dann ins Koma fiel, fragten die Ärzte, ob sie einen Luftröhrenschnitt vornehmen dürften. Das würde das Erwachen erleichtern. „Ich hatte beschlossen, dass ich zu ihm ziehen würde, wenn er meine Hilfe brauchen würde“, sagte eine der beiden Schwestern des Verstorbenen aus.

Sechs Stunden hatte die selbst hochbetagte Angehörige am Bett des Patienten verbracht, bevor er starb. Einmal kam eine Schwester ins Zimmer und schaltete ein piependes Gerät leise. Einen Pfleger sah sie auch, aber der sei nicht ans Bett gekommen. Ärzte? Fehlanzeige. Hier hakte einer der Rechtsanwälte des Angeklagten nach. Dr. Georg Karl wollte zu Protokoll nehmen lassen, dass also sechs Stunden lang niemand die Perfusorflasche des Patienten ausgetauscht haben kann. Doch wie kommt es dann dazu, dass der Mann an einer Überdosis Morphin gestorben sein könnte? Mindestens dreimal, so rechnete Karl vor, hätte die Flasche gewechselt werden müssen. Die Angehörigen im Zeugenstand machten aber auch deutlich, dass ihr Bruder völlig unvorhersehbar gestorben sei. In Arztgesprächen hatte man ihnen geschildert, Niere und Herz seien gut, die Lunge werde wieder. Dann kam an jenem 9. Juli 2022 der Anruf, mitten in der Nacht: Der Bruder, er sei nun gestorben.

Zweites Verfahren beginnt am 10. März

Zu harscher Kritik an den Ermittlern kam es auch diesmal erneut. So warf der zweite Anwalt des Angeklagten, Philip Schelling, der Staatsanwaltschaft vor, Protokolle von 16 Zeugenbefragungen viel zu spät übermittelt zu haben. Auch das Pflegeprotokoll sei der Verteidigung erst vor wenigen Tagen zugänglich gemacht worden. Richter Polnik aber sagte: „Da sind keine Informationen drin, die jetzt alles über den Haufen werfen.“

Der Prozess gegen den Arzt wird fortgesetzt. Am 10. März beginnt zudem ein zweites Verfahren gegen den Mediziner. Da muss er sich für den Tod einer damals 23-jährigen Pflegekraft verantworten, die während ihres Dienstes an einer Überdosis Propofol starb.