Ausnahmemusiker Sir András Schiff im Reitstadel

Von Claudia Böckel · 27. Februar 2025 um 15:00

Faszinierende Märchenwelten: Jörg Widmann, Antoine Tamestit und Sir András Schiff loten die Klangwelten zwischen Klarinette und Viola aus.

Weitere Stationen dieser drei Ausnahmemusiker und ihrem Schumann-Mozart-Berg-Programm sind Kronberg und der Pierre-Boulez-Saal in Berlin. Man war also einmal mehr am Nabel der Kammermusikwelt beim Konzert der Neumarkter Konzertfreunde.

Jörg Widmann, Klarinettist, Komponist und Dirigent, Antoine Tamestit, Bratschist, der auf der ersten Viola spielt, die Stradivari 1672 baute, und Sir András Schiff, Ausnahmemusiker mit Weltkarriere, der immer Augen und Ohren offenhält, um Neues zu entdecken, loten die Klangwelten zwischen Klarinette und Viola aus.

Göttlich klare Übergänge

Den Konzerttitel liefert das erste Stück, die Märchenerzählungen: das letzte, zu Lebzeiten Schumanns gedruckte Kammermusikwerk, op. 132, 1853 geschrieben, vier Stücke, in drei Tagen entstanden. Es geht nicht darum, den Stücken bestimmte Märchen zuzuordnen – es geht um die Traumwelt hinter den Märchen. Als Anregung oder sogar Vorbild könnte das von Schumann in Düsseldorf im Konzert gehörte Kegelstatt-Trio von Mozart gelten, für dieselbe Besetzung. Dem Verlag Breitkopf & Härtel bot er das Werk so an: „Die Zusammenstellung der Instrumente ... ist von ganz eigenthümlicher Wirkung.“ Die Klarinette könne durch eine Violine ersetzt werden, nicht aber die Viola, deren Klangbild aufs Engste mit Art und Charakter der musikalischen Märchen verbunden ist.

Die drei Musiker nahmen die Satzbezeichnungen sehr wörtlich, spielen „Sehr markiert“, dann „Mit zartem Ausdruck“, wie geträumt, in sanftem Plätschern. Sie gestalten ein musikalisches Gespräch, wie man es besser nicht führen kann. Auch bei Mozarts Kegelstatt-Trio agieren sie traumwandlerisch sicher miteinander, keine Note uninspiriert gespielt, die Übergänge göttlich klar, im Menuetto manchmal derb, im Schlusssatz mit zauberhaften Melodien. Die reine Freude.

Diese beiden Werke umklammern drei weitere Schumann-Stücke und die vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5 von Alban Berg. 1913 komponiert, sind sie konzentriert und knapp, fassen auf engstem Raum unterschiedlichste Affekte zusammen. Im ersten Stück, 12 Takte lang, finden sich allein 13 verschiedene Tempoangaben. Ganz fahl, dann in extremen Höhen, dann wieder ausbalanciert spielen Widmann und Schiff da, faszinierend vom ersten bis zum letzten Ton. Robert Schumanns Geistervariationen in Es-Dur für Klavier beruhen auf einem Thema, das der schon kranke Komponist als von Franz Schubert geschickt aufschrieb und, kurz vor seinem Selbstmordversuch im Rhein, mit fünf Variationen versah, als Choral, mit flirrenden Girlanden, als getragener Kondukt, ausgelotet bis in die kleinste Note und ungeheuer klar dargestellt von András Schiff. Die Märchenbilder op. 113, vier Stücke für Viola und Klavier, hießen zuerst anders: Violageschichten, dann auch Mährchenlieder. Das erzählende Moment scheint für Schumann wichtig, die der menschlichen Stimme nahekommenden Eigenschaften des Violaklangs.

Bezaubernde Klangmischungen

Tamestit und Schiff zaubern, setzen scharfe Akzente neben wienerische Anklänge, spielen zerklüftet und martialisch, dann sanft und innig. Die Fantasiestücke op. 73 für Klarinette und Klavier sind alle drei aufeinander bezogen, haben aber jedes einen eigenständigen thematischen Kern. Die Musiker betonen das melodiöse Moment, spielen klanglich raffiniert und differenziert. – Ein faszinierendes Konzert mit korrespondierenden Stücken, mit bezaubernden Klangmischungen der drei Instrumente, mit drei Spitzenmusikern.