Neue Sicherheitskonzepte ermöglichen Faschingsendspurt, aber: „100-prozentigen Schutz gibt es nicht“

Von Tanja Fenzl · 26. Februar 2025 um 19:00

16. Dezember 2016: Der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, bei dem elf Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt wurden, hat jetzt, über acht Jahre später, auch Auswirkungen auf den Landkreis Cham. Mit neuen Sicherheitskonzepten wollen und sollen Behörden, Polizei und Veranstalter verhindern, dass Autos oder Lastwagen als Waffen eingesetzt werden.

Nicht erst seit dem neuerlichen Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt mit sechs Toten und hunderten Verletzten hat der Begriff Überfahrtaten eine neue Dimension bekommen. Den Vorfall im Dezember nahmen aber zahlreiche Karnevalsveranstalter direkt zum Anlass, ihre Sicherheitsvorkehrungen anzupassen. Auch im Landkreis machen sich gerade jetzt kurz vor dem Faschingsendspurt die Organisatoren der großen Faschingsumzüge konkrete Gedanken zum Schutz der Maschkerer. „Wir haben beispielsweise erst vor Kurzem Gespräche geführt mit den Organisatoren der Umzüge in Chammünster und Runding“, bestätigt man bei der Chamer Polizei.

„Wir nehmen die Lagee ernst“

Eine allgemein verbindliche Regelung oder Vorschrift in Sachen Sicherheitskonzepte gibt es dabei nicht. „Jede Veranstaltung ist so individuell, gerade im Freien, da haben wir nichts, was man quasi einfach aus der Schublade ziehen kann.“ Stattdessen überlege man mit den Veranstaltern und der jeweiligen Gemeinde als Sicherheitsbehörde, welche Maßnahmen getroffen werden können. „Wir nehmen die Lage natürlich sehr ernst, wir sagen aber nicht, Leute, bleibt’s zuhause. Das ist nicht im Sinn der Sache“, so der Polizeisprecher. Immerhin: Es liege keine konkrete Gefährdungslage im Landkreis vor. Freilich: „Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht.“

Die Polizeiberatungsstelle der Länder und des Bundes hat eine Handreichung für Verantwortliche von Städten und Gemeinden herausgegeben, die als Grundlage für Sicherheitskonzepte dienen soll. In dem 56-seitigen Geheft werden fest verbaute Schutzmaßnahmen wie Poller oder versenkbare Straßenhindernisse vorgestellt und mobile Sperrmöglichkeiten für zeitlich begrenzte Veranstaltungen aufgezeigt.

Großes Thema in Gemeinden

„Natürlich machen wir uns in den Gemeinden viele Gedanken über dieses Thema“, sagt Michael Multerer, Bürgermeister von Arnschwang und Sprecher der Gemeinden im Landkreis. Erst vor Kurzem hätten die Gemeinden vom Innenministerium zum Thema ausführliches Infomaterial bekommen. „Wir sind uns im Landkreis einig: Man kann keine 100-prozentige Sicherheit herstellen. Das ist bei 99 Prozent der Veranstaltungen nicht möglich.“ Viele Sicherheitsvorkehrungen seien bei Veranstaltungen wie Faschingsumzügen oder Martiniritten gar nicht möglich, weil sie die Veranstaltungen an sich zu sehr einschränkten. Außerdem, sagt Multerer fast schon resigniert: „Wenn so ein Damischer daherkommt, der was Böses vorhat, dann wird er eine Möglichkeit dazu finden.“

Konzepte müssen individuell angepasst werden

Das Schlimmste sei, wenn die Leute auf einmal nirgends mehr hingehen. „Und dann haben wir keine Veranstaltungen mehr, und die Täter fahren in Fußgängerzonen oder auf Märkte. Alles kann man einfach nicht verhindern.“ Schutzkonzepte müssten sinnvoll überlegt und auf die jeweiligen Umstände ausgelegt werden. „Ich gebe zu bedenken: Bei dem einen Anschlag auf die Demo in München ist die Polizei hinter den Demonstranten hergefahren, und konnte nichts verhindern.“

Man müsse, sagt auch das Landratsamt, einfach im Vorfeld miteinander absprechen, was sinnvoll sei. Das Landratamt ist lediglich als Verkehrsbehörde, etwa zur Absperrung von Straßen, in Schutzkonzepte mit eingebunden. „Die meisten Veranstaltungen in unserer Region sind nicht einmal groß genug, um genehmigungspflichtig zu sein, sie sind nur anzeigepflichtig“, sagt Landratsamtssprecher Fabian Koller. Und diese Anzeige geht bei den jeweiligen Gemeinden als zuständige Sicherheitsbehörden ein.

Trotzdem legt Steve Daiminger als Organisator der Chammünsterer Faschingsumzugs kommenden Sonntag den Fokus besonders auf die Sicherheit der Beteiligten und der Zuschauer.

Dies stellte sich als Mammutaufgabe heraus. Einige der Maßnahmen: die zwingende vorherige Anmeldung der Faschingswagen, eine neu aufgelegte Faschingsordnung, ausgeweitete Straßenabsperrungen sowie eine Erhöhung der Sicherheitskräfte.

Polizei: Details bleiben geheim

„Es macht natürlich aber auch nicht allzu viel Sinn, bis ins Detail alle Maßnahmen der Öffentlichkeit mitzuteilen – das wäre eher kontraproduktiv“, betont man bei der Polizei.

Ähnlich sieht es Monika Bergmann, Bürgermeisterin von Blaibach. Der Faschingsumzug in ihrer Gemeinde findet traditionell am Faschingssonntag statt – „aber wir haben uns noch vor München Gedanken über die Sicherheit gemacht“, sagt Bergmann. Die Gemeinde, der Verband der Blaibacher Vereine als Ausrichter, Feuerwehr und Polizei Bad Kötzting hätten gemeinsam daran gearbeitet, die Veranstaltung so sicher wie möglich zu machen – ohne die Leute am Ende verunsichern zu wollen. „Man muss mit Fingerspitzengefühl an das Thema herangehen, natürlich willst du maximalen Schutz, aber wenn du Betonquader mit drei auf zehn Meter hinstellst, ist das doch auch eher befremdlich“, erklärt Bergmann den Spagat zwischen Schutzkonzept und Spaßveranstaltung.

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„Am Ende musst du natürlich den Kopf hinhalten, wenn doch was passieren würde, deshalb wollten wir im Vorfeld alles abarbeiten, was man vorher erledigen kann, um Herr der Sicherheitslage zu sein.“

Hier finden die Faschingsumzüge statt

Sonntag, 2. März: in Blaibach, Lohberg , Perlhütte und Chammünster

Dienstag, 4. März: in Falkenstein, Schorndorf, Neukirchen b. Hl. Blut Tiefenbach und Runding

Vom Blaibacher Umzug sowie vom Schorndorfer Gaudiwurm liefern wir über unseren Ticker regelmäßige Updates und Fotos

Feste Poller oder versenkbare Schutzblöcke sind für temporäre Ereignisse wie die Faschingsuumzüge eher weniger geeignet. Für gewöhnlich stellen Einsatzkräfte Fahrzeuge quer, um die Zufahrten abzusichern. Fotos: picture alliance,dpa/Soeren Stache Marius Bulling, Stefan Saue
Feste Poller oder versenkbare Schutzblöcke sind für temporäre Ereignisse wie die Faschingsuumzüge eher weniger geeignet. Für gewöhnlich stellen Einsatzkräfte Fahrzeuge quer, um die Zufahrten abzusichern. Fotos: picture alliance,dpa/Soeren Stache Marius Bulling, Stefan Saue
Feste Poller oder versenkbare Schutzblöcke sind für temporäre Ereignisse wie die Faschingsuumzüge eher weniger geeignet. Für gewöhnlich stellen Einsatzkräfte Fahrzeuge quer, um die Zufahrten abzusichern. Fotos: picture alliance,dpa/Soeren Stache Marius Bulling, Stefan Saue