Neutraublinger Logistik-Firma schafft flexible Lösung für Mitarbeiterin mit Schwerbehinderung

25 Stufen führen zu den Büroräumen der Weinhut GmbH in Neutraubling (Landkreis Regensburg). Für Patricia Lorenz ein vermeintlich unüberwindbares Hindernis, denn die 28-Jährige sitzt wegen einer spinalen Muskelatrophie im Rollstuhl. Dennoch arbeitet sie seit Oktober als Recruiterin bei dem Logistikunternehmen – weil dessen Chef extra für sie flexible Lösungen geschaffen hat. Für ihn steht fest: „Inklusion muss man wollen.“
Für die Frau aus Pfatter (Landkreis Regensburg) war die Jobsuche herausfordernd – und das, obwohl sie sehr qualifiziert ist. In Regensburg hatte die 28-Jährige Erziehungswissenschaften im Bachelor und Master studiert. Mehr als ein halbes Jahr lang habe sie erfolglos Initiativbewerbungen geschrieben – und glaubt, dass manche Unternehmen bei den Absagen nicht ganz ehrlich waren und zum Beispiel fehlende Qualifikationen vorschoben, obwohl sie vielleicht Vorurteile wegen ihrer Behinderung hatten.
Lorenz kann ihre rechte Hand gar nicht und die linke in einem Radius von fünf Zentimetern bewegen. Mit einem kleinen Knopf steuert sie ihren Rollstuhl. Außerdem benötigt sie eine Arbeitsassistenz, „die ihre Hände ersetzt“. Wenn Unternehmen beim Thema Inklusion noch nicht so weit sind, ist das für Lorenz „keine Schande“. Manche Bedenken könne man aber auch schnell durch ein Gespräch aus dem Weg räumen. „Ich fand das immer schade für das Unternehmen selbst. Für mich war meine Behinderung nie ein Problem oder etwas, das ich lieber nicht hätte. Meine Behinderung gehört zu mir.“
Inklusive Jobmesse als Chance
Eine Möglichkeit, ihre Potenziale zu zeigen, bekam die 28-Jährige bei einer inklusiven Jobmesse in Regensburg. Die Idee dahinter findet sie sehr gut, „weil man als Mensch mit Behinderung die Chance hat, überhaupt bis zum Vorstellungsgespräch zu kommen“. Bei einem Job-Speeddating lernte sie Andreas Weinhut, Geschäftsführer der Weinhut GmbH, kennen. „Wir haben recht schnell gemerkt: Wir haben eine Idee und Sympathie füreinander“, erinnert sich Lorenz. Auch Weinhut bestätigt: „Patricia ist herausgestochen.“
Weinhut wollte, dass sein Logistikunternehmen mit rund 80 Vollzeit-Mitarbeitern inklusiver wird. Schon vor der Jobmesse haben sich er und seine Personalreferentin Julia Möslein deshalb mit dem Thema auseinandergesetzt und etliche Telefonate geführt, um an die richtigen Ansprechpartner zu kommen. „Der Start war schwierig“, sagt Weinhut.
Arbeitgeber müssen bestimmte Quote erfüllen
Das Ziel: Mindestens die vorgeschriebene Quote erfüllen – in seinem Fall müssten drei Menschen mit Schwerbehinderung eingestellt werden. Grundsätzlich ist gesetzlich geregelt, dass Arbeitgeber ab einer Betriebsgröße von 60 Mitarbeitern mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Menschen mit Schwerbehinderung besetzen müssen. Bei kleineren Betrieben gelten Ausnahmen. Besetzt man diese Stellen nicht, – was bei den meisten deutschen Unternehmen der Fall ist – zahlt man eine Ausgleichsabgabe. Doch Weinhuts Antrieb war nicht, dass er sich dadurch die Abgabe spart: „Menschen mit Behinderung haben so viele Potenziale.“
Ein konkretes Jobangebot hatte er bei der inklusiven Jobmesse nicht dabei. Stattdessen wollte Weinhut mit Bewerbern über ihre Stärken und Bedürfnisse sprechen und dann mit den Möglichkeiten im Betrieb abgleichen. Lorenz hat Interesse für den Personalbereich signalisiert – Weinhut hatte dort Bedarf. Das Problem: Die Büroräume in Neutraubling sind im ersten Stock. Also hat man für Lorenz eine flexible Lösung geschaffen.
Spaß an der Arbeit
Seit knapp sechs Monaten arbeitet die 28-Jährige nun als Teamassistenz im Personalwesen im Homeoffice. Lorenz nutzt dort eine extra kleine Maus, weil der Bewegungsradius ihrer linken Hand so gering ist. Damit bedient sie die Bildschirmtastatur. Das geht mittlerweile relativ schnell, denn Lorenz arbeitet damit seit der Grundschule. Telefoniert wird übers Headset. „Ich freue mich jeden Tag, wenn ich in der Früh aufstehe und mich wieder an meinen Computer setzen kann.“ Einmal im Monat treffen sich Weinhut, Möslein und Lorenz im Erdgeschoss in der Werkstatt der Firma in Neutraubling, um persönlich zu sprechen. Ziel ist, einen Weg zu finden, wie Lorenz künftig regelmäßig ins Büro kommen kann. Außerdem würde sich die 28-Jährige wünschen, dass Firmen beim Thema Inklusion besser unterstützt werden, damit keine Potenziale unentdeckt bleiben.
Vorreiter in der Logistik-Branche
Weinhut hat es geschafft, sein Unternehmen inklusiver zu machen. Mittlerweile arbeiten auch zwei weitere Menschen mit Behinderung im Betrieb. Für andere Logistiker ist er damit ein Vorbild. „An sowas denkt man in unserer Branche nicht“, sagt er. Generell glaubt er, dass viele sich nicht vorstellen können, was Menschen mit Behinderung alles leisten können. „Der Aufwand schreckt ab. Inklusion muss man wollen. Für uns ist es eine unglaubliche Bereicherung. Das Ziel ist, noch mehr Menschen mit Behinderung einzustellen.“
