Nach 39 Jahren an Ort und Stelle: 85-Jährige Gertrud Payer muss ihren Imbiss räumen

Seit 39 Jahren steht Gertrud Payer fünf Tage die Woche in ihrem Imbiss am Parkplatz Stadellohe. Anfang Februar flatterte ihr die Kündigung ins Haus. Bis Ende Mai soll die 85-Jährige den Platz räumen. Wie berichtet, werden in dem Ortsteil vor den Toren der Chamer Altstadt im Frühjahr umfangreiche Sanierungsarbeiten beginnen; unter anderem wird auch die Flutbrücke erneuert.
Currywurst mit Pommes vier Euro, Hamburger 2,50 Euro, Schnitzelsemmel 3,50 Euro – „ehrlich, wo findet man denn noch solche Preise?“, sagt Stefan P. aus Altenmarkt. Der zweifache Familienvater erfuhr am Donnerstag vom drohenden Aus. „Ich war da schon als Kind mit meinen Eltern hier, das kann doch nicht sein, dass man nach fast 40 Jahren einfach so abgeschrieben wird.“
Currywurst mit Pommes – Preise wie früher
Am Freitagvormittag stehen zwei Rentner an einem der zwei runden Tische unter dem kleinen Zeltvorbau beim Imbiss und lassen sich ihre Currywurst mit Pommes schmecken. Dazu gibt’s ein Spezi aus der Dose. „Das wär’ schon schade, wenn der Imbiss zumacht“, sagt einer der beiden.
Und auch der Mann, der gerade aus seinem Auto aussteigt, mag es nicht glauben. „Wo soll man denn sonst noch hingehen? So ein typischer Imbiss ist ja sonst keiner mehr da...“ Sofort schreibt er seinen Namen auf die Unterschriftenliste, die Renate Müller ihm über die Theke reicht.
Kunden kämpfen mit Unterschriften für den Imbiss
„Wir haben schon über 100 Unterschriften gesammelt seit letzter Woche“, sagt die Tochter von Gertrud Payer, die ihrer Mutter aushilft, wenn Not am Mann ist. Gerade kämpft die Mama in Cham-West mit einer Grippe, weswegen die 65-Jährige Herd und Fritteuse bedient. „Das ist bei uns wie eine kleine Kneipe, viele kommen regelmäßig, ein Ratsch geht immer“, sagt sie. Sie hofft noch, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. „Vielleicht könnten wir ja vorübergehend anderswo einen Stellplatz von der Stadt angeboten bekommen“, meint sie.
Der Imbiss, den ihre Mutter 1985 vom damaligen Jagdpächter Daiminger in der Stadellohe übernommen hat, hilft der 85-Jährigen, seit dem Tod ihres Mannes ihre karge Rente aufzubessern. Zuvor war der Imbiss Jahrzehnte ihr Tagwerk. „Der Vater ist zur Arbeit gegangen, die Mutter hatte den Imbiss“, sagt Renate Müller. „Es wäre schon schön gewesen, wenn die Mama den Imbiss noch ein paar Jahre lang weitermachen hätte können – so lange es gesundheitlich geht halt“, sagt Müller.
Gertrud Payer hatte schon den Imbiss am Chamer Bahnhof
Zunächst hatte Gertrud Payer ein paar Jahre lang den Imbiss am Bahnhof geführt – in dem kleinen Gebäude links vom Bahnhofs-Vorplatz, da, wo heute öffentliche Toiletten untergebracht sind. Als Daiminger ihr den Imbisswagen samt Stellplatz angeboten hatte, griff sie zu. „Der Wagen stand da erst ein paar Meter weiter unten auf dem Parkplatz“, weiß die Tochter heute noch und zeigt in Richtung Schierer.
Tschechische Busse brachten viele Jahre Kundschaft
Über die Jahre habe sich das Geschäft ohnehin deutlich verändert. Früher hätten Busse voll mit tschechischen Ausflüglern am Parkplatz Stadellohe gehalten und Gertrud Payer mit Kundschaft überschwemmt. „Die Zeiten sind lange vorbei“, erinnert sich Renate Müller ein bisschen wehmütig. Die Kundschaft heute? Familien mit Kindern, Rentner, einpaar Arbeiter aus den umliegenden Firmen.
Imbiss überlebte sogar ein Feuer
Ein Feuer im Jahr 1991, bei dem der Imbisswagen komplett abgebrannt war, habe die Mutter mit ihrem Geschäft überstanden. „Aufhören war kein Thema. Wir sind nach München, haben den jetzigen Wagen dort geholt und komplett eingerichtet. Seitdem steht der da.“
„Den Imbissbesitzern ist natürlich wegen der Sanierungsmaßnahmen Stadellohe gekündigt worden“, bestätigt Bürgermeister Martin Stoiber das Offensichtliche. Ausschlaggebend seien dafür auch Sicherheitsaspekte. „Die Imbissbude steht ja genau oben an der Einfahrt, da müssen Baufahrzeuge und Baumaschinen hin und her. Auch die Straßen- und Gehwegführung während der Baumaßnahmen muss bedacht werden“, sagt Stoiber. Selbst das Toilettenhäuschen ein paar Meter weiter werde wohl geschlossen während der Sanierungsmaßnahmen.
Ein anderer Standort?
Ob es Alternativen für den Standort des Imbisswagens gebe ? „Ich kann das noch einmal prüfen lassen. Aber natürlich ist das nicht so einfach. Man braucht ja keine kurzfristige Lösung, sondern müsste zwei Jahre überbrücken.“ So lange sollen die Bauarbeiten rund um Stadellohe mindestens dauern.
Gute zwei Monate hat Gertrud Payer noch Zeit, den Platz zu räumen. „Wir wüssten ja gerade nicht einmal, wohin mit dem Wagen“, schüttelt Renate Müller den Kopf. Sie setzt ihre Hoffnung auf ein Gespräch mit Verantwortlichen der Stadtverwaltung.
Derweil ist der nächste Kunde im Anmarsch. „Eine Currywurst mit Pommes bitte.“ Das ist das beliebteste Gericht an Payers Imbiss.
„Ich finde, nach 39 Jahren ist die plötzliche Kündigung eine Frechheit, man müsste der Besitzerin da schon entgegen kommen“, sagt Stefan P. „Überhaupt hätte man erst einmal mit denen reden können, nicht einfach so einen Einzeiler schicken. Man nimmt der Frau ja die einzige Einnahmequelle – und das in dem Alter.“
