Erste Lehrerin an der Waldbauernschule im Interview: „Der Respekt kommt automatisch“

Lisa Brand ist gerade mal 1,60 Meter groß – aber Bäume kann sie genau so gut umschneiden, wie jeder Mann. Ihre Sporen hat die 29-jährige Forstwirtin unter anderem in den Alpen verdient, wo Lawinenholz mit dem Hubschrauber ausgeflogen wurde. Heute gibt sie ihr Wissen an der Kelheimer Waldbauernschule weiter – als erste Frau in der Geschichte der Institution.
Lisa Brand (29) ist die erste Lehrerin an der Bayerischen Waldbauernschule (WBS) Kelheim. Die 1937 gegründete Institution ist seit 2003 auf dem Goldberg bei Kelheim beheimatet. Laut Schulleiter Peter Hummel hat sie derzeit 32 Mitarbeiter, darunter zehn Forstwirtschaftsmeister und fünf Förster. Die WBS ist in Bayern die zentrale Stelle für die Ausbildung zum Forstwirt. Sie zertifiziert Ausbildungsbetriebe und Lehrlinge nehmen hier an überbetrieblichen Ausbildungen an der Motorsäge, der Forstseilwinde sowie in der Theorie teil. Außerdem machen alle bayerischen Lehrlinge hier ihre praktische Prüfung. Laut Hummel sind es rund 120 im Jahr, Tendenz steigend.
Im Interview spricht Lisa Brand über ihre Erfahrung in dem männerdominierten Beruf, Erfahrungen im Lawinengebiet und ihre Liebe zum Wald.
Frau Brand, warum sind Sie Forstwirtin geworden?
Lisa Brand: Meine Eltern sind Kleinwaldbesitzer. Ich bin mit dem Opa immer ins Holz gegangen und hab ein bisschen mitgeholfen. Mein Vater und mein Opa sind außerdem Jäger und da bin ich auch immer mitgegangen. So ist meine Liebe zum Wald entstanden. Ursprünglich wollte ich studieren, also Försterin werden. Aber der Markt für Forststudierenden ist übersättigt. Und im Studium muss man in die Stadt, muss da wohnen. Das kam für mich nicht infrage.
Forstwirte sind immer noch überwiegend Männer – ist Ihnen oft deutlich gemacht worden, dass Sie eine Frau sind?
Lisa Brand: In meiner Zeit als Selbstständige ist das natürlich vorgekommen. Ich verstehe das auch. Stellen Sie sich vor, ein Unternehmer hat eine Fläche, auf der Bäume weggeschnitten werden müssen – und dann komme ich daher. Ich bin 1,60 Meter groß und nicht besonders breit gebaut. Dann denkt der natürlich: Wird das was?
Müssen Sie sich Respekt immer erst erarbeiten?
Brand: Vielleicht ein bisschen. Aber in meiner Arbeit muss man Leistung bringen, das ist bei jedem gleich.
Wie ist es hier an der Waldbauernschule? Schauen Ihre Schüler, „ob die das kann“?
Brand: Ja, aber das schaut man bei jedem. Das ist im Handwerk so, auch bei Männern.
Kompetenz bringt den Respekt?
Brand: Genau. Wenn die Leute merken, man kann das oder man hat ein breit gefächertes Wissen und kann das gut vermitteln, kommt der Respekt automatisch.
Wo haben Sie sich Ihr Können erarbeitet?
Brand: Nach der Ausbildung zur Forstwirtin war ich selbstständig. Eigentlich rein in der motormanuellen Holzernte.
Wie bitte?
Brand (lacht): Das ist Arbeiten mit der Motorsäge. Also Bäume im Wald umschneiden. Ich habe da verschiedene Sachen abgeklopft.
Zum Beispiel?
Brand: Ich war in ganz Deutschland und in Österreich unterwegs.
Gibt es einen Ort, an dem Sie besonders gern gearbeitet haben?
Brand: Jeder Ort hat seinen eigenen Reiz, jeder Waldbestand ist anders aufgebaut. In Niedersachsen stehen Sitka-Fichten, also Baumarten, die bei uns gar nicht gepflanzt werden. In Thüringen haben wir reine Buchenwälder. Jeder Ort hatte waldbaulich etwas anderes zu bieten und das war das Interessante daran. Freilich, in den Bergen ist es schön zum Arbeiten. Aber halt auch sehr anstrengend.
Wie muss man sich das vorstellen?
Brand: Man hat eine halbe Stunde Aufstieg mit der vollen Montur und dem Werkzeug. Und dann schneidet man neun Stunden Holz. Auf d‘Nacht weiß man dann, was man getan hat. Das war Arbeit an der Belastungsgrenze. Ich habe beispielsweise auf Lawinenflächen gearbeitet. Da liegt das Schadholz kreuz und quer und du musst das abstocken. Also auf eine bestimmte Länge bringen, die Stämme vom Wurzelteller trennen und dann in Teilstücke aufteilen. Damit der Hubschrauber das rausfliegen kann.
Das klingt gefährlich.
Brand: Es ist eine sehr gefährliche Arbeit am Hang oder Steilhang. Die Windwurf- oder Lawinenbäume, die da liegen, sind auf Spannung... Aber wenn man sich an die Vorgaben hält und auf Sicherheit achtet, ist das alles machbar.
Gab es brenzlige Situationen?
Brand: Was sich natürlich einbrennt, sind die tödlichen Unfälle. Ich habe ein paar mitbekommen, die wären absolut vermeidbar gewesen. Da hat es meistens an der Fachkenntnis gemangelt.
Warum haben Sie sich entschieden, an der Waldbauernschule zu unterrichten?
Brand: Ich kenne die Waldbauernschule schon aus meiner Ausbildung. Hier hatte ich die überbetrieblichen Lehrgänge: Motorsägenkurse, aber auch Pflanzung, Zaunbau, Baumartenbestimmung. Ich hatte immer sehr positive Erinnerungen. Wenn ich zum Arbeiten in der Gegend war, habe ich vorbeigeschaut und die Lehrer besucht. Vergangenes Jahr habe ich mich entschieden, dass ich gerne hierher kommen möchte. In der Selbstständigkeit war ich viel unterwegs und ich wünschte mir einen Alltag mit mehr Struktur. Jetzt bin ich nicht mehr die ganze Woche weg, sondern kann jeden Tag heimfahren. Das ist natürlich eine entspanntere Art zu leben.
Interview: Etienne Nückel
