Foto-Künstlerin bringt in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Ort und Menschen ins Gespräch

Von Marianne Sperb · 14. Februar 2025 um 11:00

„In uns der Ort“: Die neue Ausstellung ist beeindruckend, von großer Karft und klug präsentiert – ein würdiger Beitrag zum 80. Jahrtag der Befreiung, der im April begangen wird.

100 000 Menschen aus über 30 Ländern waren ab 1938 bis 1945 im KZ Flossenbürg mit seinen 78 Außenlagern interniert, etwa 30 000 überlebten die schrecklichen Bedingungen, die Schinderei im Steinbruch und die Schläge der SS-Männer nicht. Sie verhungerten, erfroren, wurden willkürlich erschlagen, erschossen. Als amerikanische Einheiten das Konzentrationslager am 23. April 1945 befreiten, fanden sie noch 1500 Häftlinge vor, die übrigen waren auf Todesmärschen unterwegs.

Renate Niebler hat 2009 und 2010 in Flossenbürg 54 Männer und Frauen porträtiert, die das KZ überlebten. 13 Jahre nach der Ausstellung ihrer Aufnahmen kehrte die international renommierte Künstlerin an die Gedenkstätte zurück und fotografierte über einen Zeitraum von sechs Monaten erneut: die Birken auf dem Weg zum Steinbruch, Baracken-Fundamente, die Dächer der Siedlung, den Lebensmittelmarkt vor Ort, Gäste bei Gedenktagen, auch junge Menschen beim Tanzworkshop „History in Motion“. Ihre neue Ausstellung bringt nun die Menschen von damals und den Ort von heute miteinander ins Gespräch. Eine beeindruckende Schau, schlicht, von großer Kraft, klug präsentiert – ein würdiges Projekt zum 80. Jahrtag der Befreiung, der im April 2025 begangen wird.

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„Das Lager wurde befreit, aber ein Mensch mit dieser Erfahrung ist niemals befreit“, bekannte Jack Terry, einer der Überlebenden, 2007. Der langjährige Sprecher der KZ-Häftlinge starb 2022. Und auch von den Zeitzeugen, die Renate Niebler porträtierte, sind viele bereits tot. Aber ihre Spuren sind überall ins Gelände eingeschrieben. Renate Niebler verbindet Häftlinge, die den Terror überlebt hatten, mit dem Ort des früheren Schreckens, zeigt das Nebeneinander von Geschichte und Gegenwart, überführt individuelle Schicksale ins Zeitlose, Gültige und weitet den Blick von Damals auf Heute und ins Künftige. Die Erinnerung ist hier lebendig.

„In uns der Ort“ ist der überaus stimmige Titel der Ausstellung, der einem buchstäblich auf Schritt und Tritt begegnet. Auf dem Boden sind die Buchstaben als weiße Klebstreifen zu lesen. Einige Ecken und Kanten fehlen, beschädigt wie die Leben der Menschen, die in Flossenbürg interniert waren.

Der erste Eindruck überfällt einen geradezu. Drei Schritte hinter der Eingangstür des Ausstellungsbaus treten einem aus dem Dunkel eines schwarz verkleideten Raums überlebensgroß Menschen entgegen, die in Flossenbürg gelitten haben. Charles Dekeyser aus Belgien zum Beispiel, in Anzug und Krawatte, Ehrenzeichen am Revers, der einmal sagte: „Vernünftige Leute, die auf der Straße spazieren gehen, können sich gar nicht einbilden, was überhaupt Flossenbürg bedeutete.“ Oder Irena Hausner aus Polen. Oder Ljubisa Letic aus Serbien. Oder Josef Salomonovic aus Österreich. Sie schauen still aus den Leuchtkästen, mit Augen, die viel gesehen haben. Sie lächeln nicht, sie heißen nicht willkommen, sie klagen nicht an – pures Sein spricht aus den Bildern. „Bei der Auswahl war uns wichtig, die Diversität wieder zu spiegeln“, also etwa unterschiedliche Herkunft und Haftgründe, sagt Julius Scharnetzky, der die Ausstellungskonzeption der Gedenkstätte leitet.

Kleine Irritationen eingebaut

Auf den Rückseiten der Leuchtbilder sind die Menschen konfrontiert mit aktuellen Szenen aus Flossenbürg. Renate Niebler dokumentiert und interpretiert gleichzeitig und gibt ihren Bildern kleine Irritationen bei. Der ehemalige Arrestbau etwa, der sich weiß und flach ins Gelände drückt und vor dem Dietrich Bonhoeffer noch im April 1945 ermordet wurde: Auf dem Foto von 2024 lugt beinahe vorwitzig der Dachzipfel eines Zeltpavillons, der hier zeitweise stand, über die Fassade.

Die Aufnahmen wirken spontan, gleichzeitig wie fein austarierte Grafiken. Barackenfundamente ziehen horizontal durchs Bild, die Rückenlinie eines bewegten Körpers beim Tanzworkshop korrespondiert mit dem sanften Schwung einer Flossenbürger Straße.

Der Dialog von Mensch und Ort setzt sich im Obergeschoss fort und hier, im zentralen Saal, ist auch eine Kunstinstallation aufgebaut: 100 000 Postkarten mit Namen und Zitaten von Menschen aus ganz Europa, die ins KZ Flossenbürg oder in eines seiner Außenlager verschleppt wurden, gestapelt auf langgestreckten Holzpaletten. „Die Karten“, sagt Julius Scharnetzky zum Abschied, „darf man mitnehmen.“ Und das Erinnern.

Die Fotokünstlerin Renate Niebler und ihre Ausstellung

Die Ausstellung: „In uns der Ort“ mit Fotografien von Renate Niebler ist bis 1. Juni zu sehen (Samstag, Sonntag und an Feiertagen): im ehemaligen Verwaltungsgebäude am Wurmsteinweg 7 in Flossenbürg. Der Eintritt ist frei.

Die Künstlerin: Renate Niebler schloss die Folkwangschule in Essen mit Auszeichnung ab, war für Printmedien, Industrie und Werbung tätig (etwa Stern, WDR und The Observer). Sie lebt und arbeitet in München.

Das Werk: Renate Niebler hat hat seit den 1980ern zahlreiche Foto-Zyklen geschaffen, zu unterschiedlichsten Themen (Leben im Kloster, Die Maxhütte, Last & Lost, Luxus der Einfachheit) – und in bestechend klarem Stil.