Neuer Roman über Übernatürliches im Bayerischen Wald

Vom Schweben und Abstürzen: Kristina Schilke wuchs in Grafenau im Landkreis Freyung auf und lebt heute in Leipzig. In ihrem neuen Roman erzählt sie vom oft unglamourösen, aber auch mal unverhofft überraschenden Leben in der Provinz.
Der Titel „Alles was lebt“ des Romans von Kristina Schilke erscheint einem zunächst als Wortspiel. Nach wenigen Seiten überlegt man: Müsste es nicht heißen „Alles was schwebt“? Gleich mehrere der Figuren heben hier ab, mit unvorhersehbaren Folgen.
Da ist zunächst Karla, die Hauptfigur: Sie ist um die 40, allein stehend, Sachbearbeiterin im Landratsamt Rainacker und zieht nach dem Tod ihrer Eltern in deren Haus. Dort gibt es dieses Zimmer: Kaum benutzt und fast leer, herrschen darin übernatürliche Kräfte: Sobald Karla über die Schwelle tritt, schwebt sie. Wie ein Heliumballon wird sie Richtung Decke gezogen, wo sie sich wie eine Schwimmerin auf dem Bauch liegend vorwärts bewegen kann. Bevor sie sich zum ersten Mal hineinwirft, unternimmt Karla ein Experiment. Das endet ungünstig für eine Maus, bringt aber die Erkenntnis: Lebendiges schwebt in diesem Raum, Unbelebtes fällt zu Boden. Somit erweist sich der Titel als schlüssig – und hintergründig.
Auch der Kaplan Kirmeyer kann nicht helfen
Kristina Schilke schaut mit liebevollem Humor auf ihre Figuren. Was also tut Karla, eine Frau vom Bayerischen Land, die nichts anzufangen weiß mit ihrer Entdeckung? Genau: Sie wendet sich an den Vertreter der für übernatürliche Phänomene zuständigen Institution: den Kaplan Kirmeyer. Doch der träumt trotz körperlicher Erdenschwere selbst vom Fliegen und ist keine große Hilfe. Den Esoterik-Fuzzi Lorenz, selbst ernanntes „Energiemedium“, bestellt Karla zwar zu sich. Doch sie kommen nicht dazu, übers Schweben zu sprechen. Zufällig werden sie gemeinsam Zeugen vom spektakulären Absturz eines Verzweifelten. Das ist nicht die einzige überraschende Wendung und obendrein eine stimmige Metapher. So mysteriös die Sache mit dem Zimmer ist – Schilke lässt sich nicht hinreißen, das Unheimliche zu zelebrieren, sondern setzt einen angenehm unaufgeregten Ton, was Sprache und Handlung angeht: Karla nutzt nach anfänglichen Bedenken den Raum, um sich in Schwerelosigkeit zu entspannen.
Überhaupt erweist sich Schilke als genaue Beobachterin. Sie findet treffende Situationen und Bilder für das, was das Leben in der Provinz ausmacht: die Atmosphäre beim Volksfest oder bei einer Mutprobe, mit der sich Jugendliche die Langeweile vertreiben.
Die Autorin wurde in Russland geboren und kam im Alter von sieben Jahren mit ihrer Familie nach Grafenau (Landkreis Freyung-Grafenau) im Bayerischen Wald. Nach dem Abitur ging sie nach Leipzig, um am Deutschen Literaturinstitut zu studieren. Heute lebt sie dort, besucht aber regelmäßig Grafenau, wo ihre Eltern leben. Am Telefon hört man ihr den bayerischen Dialekt an. Sie erzählt, sie habe ausführlich mit ihrem Verleger und Lektor über den bayerischen Ausdruck „Guadl“ diskutiert. Dialekt sei in Büchern eine Gratwanderung, sagt Schilke. Doch auch Thomas Mann habe Passagen mit Dialekt geschrieben. Bei Schilke gibt es nur einige Wörter.
Der Bayerische Wald inspiriert sie
2016 veröffentlichte sie einen ersten Erzählband „Elefanten treffen“, dessen Geschichten im Bayerischen Wald spielen. Ebenso ist es beim neuen Roman, auch wenn die Orte fiktive Namen haben. Schilke sagt, sie halte es mit William Faulkner: Der siedelte seine Romane in jener Welt an, die er selbst am besten kannte: dem Süden der USA. Schilkes Äquivalent ist der Bayerische Wald: „Die Gegend inspiriert mich, auch von der Landschaft her.“ Was sie nerve an Darstellung der Provinz in Literatur: „Es ist entweder die Hölle oder gleich das Rosamunde-Pilcher-Ding“, eine Welt aus rosa Zuckerwatte also.
Bei Schilke hingegen ist es das echte Leben: Oft unglamourös, aber auch unverhofft überraschend: Zum Beispiel wenn die fast 100-Jährige Frau Rührlich nach einem Kreislaufkollaps in der Notaufnahme ein Gespräch von drei Pflegekräften belauscht. Vordergründig geht es um Fettleber, tatsächlich ist der Dialog ein kleines Eifersuchts-Drama. Schilke schreibt aus Sicht der alten Dame: „Genau das, dieser schäkernde Blödsinn, war ein Grund, weiterzuleben. Wenigstens noch ein bisschen. Es hörte nämlich niemals auf. Das Kleinliche, Leichtsinnige, Gemeine, Verliebte, Drängende, Eitle an den Menschen. Und das war gar nicht so schlecht.“
Kristina Schilke: „Alles was lebt“. Gans-Verlag Berlin 2025, 284 Seiten, 24 Euro.