Zwei Künstler lassen Tugend und Todsünde verschwimmen

Von Katharina Kellner · 8. Februar 2025 um 05:00

Die New Yorker Künstler Raymond Pettibon und John Newsom zeigen eine Gemeinschafts-Ausstellung im Oberpfälzer Künstlerhaus.

Es ist ausgerechnet ein Faultier, das sich derart in Rage redet: „Leave my Ass th‘ Fuck alone! U SuycccK!“ Auf einem von Raymond Pettibon gezeichneten Blatt ereifert es sich über jene „lazy-ass pigs“, die es als Inkarnation des Faulen ansehen. Dabei stiert es dem Betrachter mit herausforderndem Blick in die Augen.

„Trägheit/Sloth“ heißt diese Arbeit von Pettibon. Der Künstler bespielt in der neuen Ausstellung im Oberpfälzer Künstlerhaus mit John Newsom zwei Stockwerke. „Die sieben Todsünden und die sieben himmlischen Tugenden“, so der Titel der Schau, ist ihre erste Gemeinschaftsausstellung in Europa – in den USA zeigten die beiden New Yorker 2022 gemeinsam „Classical Elements“.

Satire, Sex und Popkultur

Wer so aufgeregt schimpft wie das Tier, kann doch nicht faul sein, wie der Titel sagt? In Schwandorf wird klar, wie sehr sich unsere Deutung der Tugenden und Todsünden verschoben hat: Einst als moralischer Laster- bzw. Tugendkodex für Mönche entwickelt, werden sie heute vor allem psychologisch gesehen: So würde man dem Aggro-Faultier wohl ein Achtsamkeitstraining verpassen. Wie Jürgen Dehm, Leiter des Oberpfälzer Künstlerhauses, im lesenswerten Vorwort zum Katalog schreibt, „scheinen die Grenzen zwischen Lastern und Tugenden heute, im Zeitalter des Spätkapitalismus und des Digitalen, immer mehr zu verwischen“, teils geradezu vertauscht zu sein. Das lässt sich so interpretieren: Menschen gelten nicht mehr als Sünder, sondern verfolgen Interessen, wobei Egoismus als rational gilt. So porträtiert Pettibon mit dickem Tuschestrich eine B-Movie-Darstellerin mit neidverzerrten Zügen und stechend grünen Augen: „Helen O‘Connell ist eifersüchtig auf Jo Stafford: ,Ich hasse sie!‘“ steht darunter.

Überhaupt gehen in Pettibons Arbeiten Sprache (ein schnodderiges, absichtlich falsch geschriebenes Englisch) und Zeichnung eine nahtlose Verbindung ein. Seine Bilder sind pointierte, oft satirische Kommentare und beziehen sich oft auf Popkultur – und auf Sex, inklusive blau angelaufener Riesenpenisse. Während Pettibon derzeit Verpflichtungen in New York hat, ist John Newsom in Schwandorf und wird bei der Eröffnung anwesend sein. Am Freitag streifte er durch die Räume der Kebbelvilla, wo er mit Jürgen Dehm die Bilder gehängt hat: Sowohl er als auch Pettibon haben in einem Jahr Arbeit jeweils eine Interpretation der sieben Tugenden wie auch der sieben Todsünden ins Bild gesetzt – insgesamt sind es 28 neue Arbeiten. Wie Newsom erzählt, lernte er Pettibon vor sieben Jahren in New York bei einem „Luncheon“ von Stella Schnabel für Künstler und ihre Kinder kennen. Ihre beiden Söhne freundeten sich spontan an, was die Freundschaft der Väter begründete.

Mit der Ausstellung in Schwandorf wählten Pettibon und Newsom erneut ein zeitloses Thema, dem sie sich mit einer an Allegorien reichen Bildsprache nähern. Bei der Hängung standen nicht die Kategorien Tugend und Laster im Vordergrund, sondern wie gut einzelne Bilder miteinander korrespondieren. Die eigene Handschrift der Künstler ist gut erkennbar, auch ihre Alleinstellungsmerkmale: Während Newsom mit Kohle und bei dieser Ausstellung ausschließlich in schwarz-weiß zeichnet, arbeitet Pettibon mit Tusche und sparsamem Farbeinsatz. Newsoms Bilder sind weiß gerahmt, Pettibons schwarz.

Das Spannungsfeld von Laster und Tugend zeigt Newsom in Gestalt von Tieren: Ausgerechnet ein Schimpanse, der für das Animalische im Menschen steht, wie Newsom erklärt, verkörpert bei ihm die Tugend der Mäßigung: Obwohl er mit der Nase an verlockende Weintrauben stößt, scheint er desinteressiert. Bedeutsam bei Newsom sind Konturen und Oberflächen, sein Spiel mit Licht, das einzelne Haare im Fell hervortreten lässt. Die Textur auf der Haut eines Alligators, dessen Kopf aus dem Wasser ragt, lasse ihn an Emil Nolde denken, sagt Newsom.

Ein Alligator macht Streiche

Auch wenn seine Arbeiten zunächst naturalistisch wirken, sind sie ein Zusammenspiel vieler abstrakter Zeichen. Auch Humor kommt nicht zu kurz: Der Alligator korrespondiert mit Pettibons Bild nebenan: „mischievous“ nennt ihn Newsom – „zu Streichen aufgelegt“ verweist er auf Pettibons Partyszene unter dem Titel „Gier“.

Über den Maler André Butzer war Jürgen Dehm in Kontakt mit Newsom und Pettibon gekommen, die ihre Arbeiten eigens für Schwandorf fertigten. Dass Dehm es geschafft hat, zwei weltweit ausstellende US-Künstler zu holen, deren Werke auch in ständigen Sammlungen renommierter Museen zu sehen sind, macht das Oberpfälzer Künstlerhaus einmal mehr zu einem Leuchtturm für spannende zeitgenössische Kunst.

Raymond Pettibon und John Newsom Foto: Luke Newsom