Eine Graphic Novel über das Leben von Ernst Grube

Zeichnerin Hannah Brinkmann erzählt in virtuosen Bildern von einem Unbequemen: Die Nazis verfolgten ihn, in der Bundesrepublik galt er als linksextrem. Bis heute spricht er aus, was ihn umtreibt.
Jahrelange Ausgrenzung, Repression und Todesangst – was diese Erfahrung für Holocaust-Überlebende bedeutet, das setzt Hannah Brinkmann zu Beginn ihrer Graphic Novel über das Leben von Ernst Grube eindrucksvoll ins Bild. Sie zeichnet ihn als Zeitzeugen vor einer Schulklasse, die ihn auf das Fehlen eines Fingers anspricht: „Waren das die Nazis?“ – „Das war nur ein Arbeitsunfall“, antwortet Grube und erklärt, dass die Folgen der Nazi-Gewalt nicht unbedingt äußerlich sichtbar sind: „Sie lässt dich auch innerlich zerbrechen.“ Brinkmann illustriert diese Aussage mit anatomischen Details: Augäpfeln, verästelten Blutgefäßen, Synapsen. Ihre Botschaft: Gewalt geht tief hinein, ins Innerste.
Ernst Grube gilt manchem als Unbequemer. Er belässt es nicht beim Erinnern, er spannt den Bogen in die Gegenwart. Vergangene Woche bezeichnete er als Präsident der Lagergemeinschaft Dachau das Vorgehen der Union, verschärfte Migrationspolitik mit AfD-Stimmen durchzusetzen, als Verrat an NS-Überlebenden: „Politikerinnen und Politiker, die noch am selben Tag der Rede eines Holocaust-Überlebenden applaudiert und ein ,Nie wieder‘ beschworen haben, paktieren im Anschluss mit einer Partei, die das Fundament unserer Demokratie untergräbt und geschichtliche Verantwortung relativiert.“
Er überlebte dank des Vaters
Gegen das Vergessen setzt Grube sich seit seiner Befreiung aus dem Ghetto Theresienstadt ein. Brinkmann veranschaulicht im Buch, wie Grube sich mit einer Armbinde, die ihn als Überlebenden auswies, auf die Straße stellte: „Ich wollte unbedingt darüber sprechen, was mir passiert ist. Aber niemand wollte das wissen.“ Nach 1945 engagierte er sich in der kommunistischen und der Gewerkschaftsbewegung, protestierte gegen Wiederbewaffnung und KPD-Verbot. Er wurde inhaftiert und wäre wegen des „Radikalenerlasses“ beinahe nicht Berufsschullehrer geworden – bis er einem Beamten seinen Judenstern vorlegte. Heute tritt er für Geflüchtete ein. Der 93-Jährige ist Träger des Bundesverdienstkreuzes, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten und im Beirat des NS-Dokuzentrums München.
Dessen Leiterin Mirjam Zadoff war über Brinkmanns erste Graphic Novel „Gegen mein Gewissen“ auf die Zeichnerin gekommen, die darin die Geschichte ihres Onkels erzählt. Der wurde in den frühen Siebzigern gegen seinen Willen zur Bundeswehr eingezogen und nahm sich daraufhin das Leben.
Zadoff imponierte Brinkmanns Werk offenbar, denn sie gab bei Brinkmann eine grafische Biografie über Ernst Grube in Auftrag. Die Zeichnerin recherchierte akribisch und traf sich mehrfach mit Ernst Grube, der heute in Regensburg lebt. Bemerkenswert ist: Ihr Comic belässt es nicht dabei, von Grubes Kindheit im NS-Staat zu erzählen. Vielmehr thematisiert sie, zeichnerisch virtuos, Kontinuitäten des Faschismus nach 1945, indem sie Grubes Biographie mit der von Kurt Weber spiegelt. Der war Erster Staatsanwalt in der NS-Zeit und konnte im Nachkriegsdeutschland an diese Karriere anknüpfen. Ihn, den glühenden Antikommunisten, traf Grube 1959 vor dem Bundesgerichtshof.
„Die Kindheit überleben“ heißt das erste Kapitel. Ernst Grube, seine jüdische Mutter Clementine und seine Geschwister Werner und Ruth überlebten die NS-Verfolgung dank des Vaters: Der protestantische Malermeister Franz Grube widersetzte sich über Jahre hinweg dem Druck der Gestapo, sich scheiden zu lassen. Bis Februar 1945 konnte er die Familie schützen – dann zwangen die Nazis Mutter und Kinder, die als „jüdische Mischlinge ersten Grades“ galten, nach Theresienstadt. 12 Jahre alt war Ernst Grube, als die Rote Armee sie dort im Mai befreite. Die Zeichnerin setzt die immer schlimmer werdenden Repressionen der Nazis in eindrucksvolle Bilder um und flicht Auszüge aus Gesetzen und Erlassen ein, mit denen die jüdischen Staatsbürger entrecht wurden.
Brinkmann arbeitet mit starken Metaphern, zeichnet Nazis als Riesen-Gockel, Hitler als Wilddrude und Kurt Weber, dessen Geschichte sie sich aus Akten erarbeitete, als russische Matrjoschka – eine leere Holzpuppe ohne Haltung.
Webers Laufbahn im zweiten Kapitel steht exemplarisch für all jene, die sich selbst vorgaukelten, sie könnten im NS-Staat unpolitisch bleiben. Bei Brinkmann zerbröseln Webers Beteuerungen ebenso zügig wie die Asche an der riesigen Zigarre seines Vorgesetzten. Der stellt klar: Staatsanwalt wird nur, wer aktives Parteimitglied ist. Von Bild zu Bild schlängeln sich mehr der geheimnisvollen Fäden an Weber hoch. Am Ende wirkt er wie die Beute im Spinnennetz.
Engagierter Antifaschist
Im dritten Kapitel geht es um Grubes Verfolgung als Kommunist in den 1950ern. Während Weber Paragraphen bemüht, erinnert Grube daran, dass es Menschen sind, die Gesetze schreiben und nach ihnen Recht sprechen. Er sagt: „Ich musste mich als Verfassungsfeind bezeichnen lassen, aber ich kämpfe gegen den größten Verfassungsfeind von allen: Den Faschismus.“
Brinkmanns Graphic Novel ist eine Hommage an einen Überlebenden, dessen Wunden nicht heilen, der aber unbeugsam blieb, indem er stets für seine Überzeugungen kämpfte. Sie erzählt Grubes beeindruckende Lebensgeschichte geschickt verdichtet, historisch genau, und so spannend, dass man das Buch kaum zur Seite legen kann.
Das Buch:Die Zeichnerin: Hannah Brinkmann, 1990 in Hamburg geboren, studierte in Hamburg Grafische Erzählung, außerdem in Tel Aviv, Angouleme und London.
Auszeichnung: Am 7. Februar erhält sie den ersten Dortmunder Comicpreis für ihre Graphic Novel „Gegen mein Gewissen“. Darin arbeitete sie das Schicksal ihres Onkels auf, der sich in 1970ern vergeblich gegen seinen Einberufungsbefehl bei der Bundeswehr wehrte. Dies löste eine breite Debatte über die Rechtmäßigkeit der Gewissensprüfung aus.
Buchvorstellung: Grube und Brinkmann stellen die Graphic Novel am 18. Februar, 19 Uhr, im Historischen Festsaal im Leeren Beutel Regensburg vor.
Buch: Hannah Brinkmann: „Zeit heilt keine Wunden. Das Leben des Ernst Grube“. Avant-Verlag Berlin, 272 Seiten, 30 Euro.

