Ein Museum stellt sich der eigenen Geschichte

Das Museum Fünf Kontinente in München arbeitet mit der Ausstellung „Der Kolonialismus in den Dingen“ schonungslos die eigene koloniale Vergangenheit auf.
Angesichts der faszinierenden Ausstellung mit dem Titel „Der Kolonialismus in den Dingen“ versteht man, warum das Münchner „Museum Fünf Kontinente“ seinen Namen wechseln musste – und nicht mehr „Völkerkundemuseum“ heißen will. Die Schau geht nicht nur der Geschichte der gezeigten Exponate auf den Grund. Man setzt sich auch mit der Vergangenheit des eigenen Hauses auseinander. Da tun sich Abgründe auf – jedenfalls aus heutiger Sicht. Das Museum wurde in den Jahrzehnten um 1900 zu einer Einrichtung des deutschen Kolonialismus. Wenn man es krass ausdrücken möchte: zu einer Trophäensammlung. Da ging es nicht darum, Verständnis für die Kultur anderer Völker und Gesellschaften zu vermitteln – so wie heute. Es ging um die Darstellung der Überlegenheit der weißen „Rasse“, der Europäer, der westlichen Welt. Jedenfalls belegen historische Fotografien und Dokumente eindrücklich, dass Objekte im kolonialzeitlichen Museumskontext dazu eingesetzt wurden, rassistische Ideologien zu untermauern und den Kolonialismus zu legitimieren.
Gekauft oder geraubt?
Aber es gibt einen erfreulichen Aspekt: Jedenfalls meint der der Provenienzforscher des Museums und Kurator der Schau, Richard Hölzl, dass durch die ehrliche Aufarbeitung die gezeigten Dinge nicht entwertet, sondern eigentlich aufgewertet werden. Weil sie nun Kulturzeugen geworden sind und sich mit Menschen verbinden. Ein tröstlicher Gedanke in dieser großartigen Ausstellung, die ja auch kollektive Schuldgefühle bei (uns) Europäern evozieren kann. Denn rückgängig machen kann man die mit vielen Stücken verbundenen Gräueltaten nicht. Für vieles muss man sich schämen, entschuldigen – aber Raubgut kann man immerhin zurückgeben.
In ihren neu recherchierten Zusammenhängen werden die Exponate nun anders gesehen. Beim ersten Exponat beginnt das vergleichsweise zahm: Die hölzerne Ahnenfigut „Anito“ – den Kopf auf die Hände und die Arme auf die Knie gestützt – erwarb der Apotheker Heinrich Rothdauscher auf der philippinischen Insel Luzon als er mit einem spanischen Kolonialbeamten „Schaumwein unter Wilden“ trank. Unbekannt sind die Konditionen des Kaufs. Rothdauscher ist neben den bekannteren Gebrüdern Schlagintweit und der Missionarin Xaveria Berger eine der exemplarisch vorgestellten bayerischen Persönlichkeiten, die Sammlungen aus dem britisch beherrschten Indien oder den von Spanien kolonisierten Philippinen zusammengetragen haben. Berger, Oberin der Englischen Fräulein, brachte nach ihrer Rückkehr aus dem nordindischen Patna 1863 eine beeindruckende Kollektion mit. Sie berichtete zwar von Not, Armut und von unhaltbaren Zuständen in Waisenhäusern, verabscheute aber die religiösen Rituale der Hindus.
Später, das zeigt der zweite Teil, wurde aber auch gnadenlos geraubt und erbeutet. Im Fokus steht die deutsche Kolonialherrschaft von 1884 bis 1918 und Bestände aus den Kolonialkriegen – Kamerun 1884, China 1900/1901, Namibia 1904/05 oder Tansania 1905/08. Deutlich sichtbar werden Gewalt, Rassismus und der Versuch, die Kulturen der Kolonisierten zu verdrängen. Große Mengen geraubten Kulturguts gelangten durch die Besatzungen von Kanonenbooten der Kaiserlichen Marine nach Deutschland. „Strafexpeditionen“ in Ozeanien rücken in den Blick: „Säbel, Waffenröcke, Revolver, Photographien, Bücher und ethnographische Seltenheiten in buntem Durcheinander“, so beschreibt der Journalist Hugo Zöller 1881 die Kajüten voller Ethnographica.
Ein berühmtes Stück ist der Schiffsschnabel eines Ruderbootes. Der reich verzierte, geschnitzte und bemalte Schiffsbug gehörte Lock Priso Bell, dem König der Bele Bele, und ist eine königliche Insignie der Douala in Kamerun. Er sollte die Menschen mit der Kraft des Flusses verbinden. Der Enkel des damaligen Königs, der in München zur Schule ging, fordert seit 1998 die Rückgabe, über die noch verhandelt wird.
Dörfer niedergebrannt
Besonders deutlich wird die Grausamkeit und Überheblichkeit – auch bayerischer Soldaten und Beamten – bei diesem Stück. Max Buchner etwa, Marinearzt, kaiserlicher Vertreter in Kamerun und Konservator der Ethnographischen Sammlung bombardierte die Douala, brannte Dörfer nieder und schrieb über seinen Raub: „Das Haus des Lock Priso (Kum’a Mbape) wird niedergerissen, ein bewegtes malerisches Bild. (...) Meine Haupt-
beute ist eine große Schnitzerei, der feudale Kahnschmuck des Lock Priso, der nach München kommen soll.“ Wo er bis heute ist. Dass Buchner den „Rassenkampf“ propagierte und „Humanität“ als „Selbstvernichtung“ begriff, wundert einen nicht. Und er war nicht allein. Bewundernswert ist, dass und wie sich das Museum Fünf Kontinente der Herausforderung des Kolonialismus in seinen Exponaten stellt – und sie öffentlich macht.
Die Ausstellung „Der Kolonialismus in den Dingen“ läuft bis 18. Mai. Der Katalog vom Regensburger Verlag Schnell+Steiner kostet 38 Euro. Begleitprogramm: www.museum-fuenf-kontinente.de/ausstellungen/ der-kolonialismus-in-den-dingen
