Ein Kompass nach dem Todesfall: Nittenauer Trauercafé will Hinterbliebene unterstützen

Von Renate Ahrens · 10. Februar 2025 um 11:00

Trauernde hören von Freunden oder Verwandten oft Floskeln. Das werde schon wieder, die Zeit heile doch alle Wunden, oder: Man müsse nun stark sein. Das kennen Angehörige nur zu gut, die sich im neuen Trauercafé in Nittenau (Landkreis Schwandorf) austauschen können.

Die Sozialpädagogen Oswald Probst (71) aus Nittenau und Bernadette Seitz (66) aus Regensburg kennen diese Reaktionen anderer Menschen. Beide hatten sich in einem Regensburger Trauercafé kennengelernt, denn beide hatten ihren Ehepartner verloren. Heute sind sie selbst ein Paar, und für ihre Trauer lassen sie sich gegenseitig Platz, Raum und Zeit.

„Wir schätzen unsere Zweisamkeit. Es ist ein Geschenk, mit jemanden sein Leben zu teilen“, sagen beide übereinstimmend – auch noch mit jemanden, der in der gleichen Lage ist und den anderen genau versteht. Sie gehen auch auf Radtouren oder ins Kino und haben Spaß – und wissen doch, die Trauer wird wieder an die Oberfläche kommen. Aber nun sind sie nicht mehr allein damit.

Der Weg zurück ins Leben

Um anderen Menschen von dieser Hilfe und Stütze, die sie selbst erfahren haben, ein wenig zurückzugeben, leiten sie seit Herbst 2024 beim Hospizdienst der Caritas für den Landkreis Schwandorf mit Sitz in Nittenau das offene Trauercafé Kompass für alle Altersstufen und unabhängig von der Konfession als Ort der Begegnung und des gegenseitigen Austausches. Ein Stück weit möchten sie Trauernden den Weg zurück ins Leben sowie Orientierung zeigen.

Eigene Freunde und Verwandte, so ist ihre Erfahrung, würden es zwar gut meinen, aber oft hilflos vor der Trauer stehen. Viele ziehen sich sogar ganz zurück, erlebten Probst und Seitz. „Der Freundeskreis hat sich sehr gelichtet. Eigentlich blieb mir nur ein einziger richtiger Freund“, sagt Probst. Die Karten werden neu gemischt und nichts sei mehr wie zuvor.

Seit dreieinhalb Jahren Witwe

Bernadette Seitz ist seit dreieinhalb Jahren verwitwet. Ihr Mann starb ganz plötzlich, und im März 2022 nahm sie zum ersten Mal an dem Trauercafé des Bistums Regensburg teil. „Dort habe ich mich von anderen Betroffenen sofort verstanden gefühlt, ohne lange etwas erklären zu müssen. Bald war mir klar: Wenn ich stabil genug bin, möchte ich auch Hilfe anbieten und meine Erfahrungen weitergeben“, sagt Seitz, die bereits in ihrem Berufsleben als Sozialpädagogin Menschen unterstützte und in der Beratung tätig war.

Im Oktober 2023 absolvierte sie schließlich eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin im Kloster Werdenfels. Auch dort erfuhr sie: Jeder trauere anders, jeden müsse man woanders abholen und ihn begleiten. „Es gab im Trauercafé keine Trostaussagen und Floskeln. Man lässt die Trauer so stehen und jeden so lange trauern, wie er es brauche und wolle.“

Oswald Probst nickt. Er begleitete seine Frau zwei Jahre lang während ihrer Krebserkrankung bis zu ihrem Tod. „Es war eine intensive Zeit und wir kosteten jeden Moment, gingen auf Radtouren, bis die Kraft nachließ. Wir wollten das Leben noch einmal so richtig genießen.“

Im Trauercafé erlebte auch er dann Unterstützung und Verständnis, und auch er wollte seine Erfahrungen als Sozialpädagoge und als Trauernder weitergeben und anderen eine Stütze sein. Jeder gehe anders mit Trauer um, weiß Probst – für ihn selbst sei es zum Beispiel die Entscheidung gewesen, sehr bald nach dem Tod seiner Frau mit dem Fahrrad allein von Innsbruck nach Nittenau zu fahren und dabei seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Und er erlebte bei der Tour: Er war dennoch nicht allein. „Immer waren da Menschen, etwa bei einer Panne oder bei der Suche nach einer Unterkunft, die mir zur Seite standen. Das löste ein Glücksgefühl in mir aus.“

Kurs im Kloster Werdenfels

Im Trauerbegleiterkurs, den Probst und Seitz im Kloster Werdenfels absolvierten, hätten sie auch viel für sich selbst gelernt, vieles reflektiert und verarbeitet, bestätigen sie. „Ich erlebte einen wertvollen Schub an bewältigter Trauerarbeit“, bestätigt Seitz. Viele andere Trauende hätten diesen Weg noch nicht für sich gefunden. Im Trauercafé des Hospizdienstes im Pfarrheim Nittenau, das die beiden Leiter passend Kompass nennen, würden Impulse gezeigt – als Kompass, um den eigenen, neuen Lebensweg näher zu betrachten. Nächster Termin ist am 14. Februar.

Aussagen der Trauernden werden in geschütztem Rahmen von den beiden Leitern ohne Bewertung auf- und angenommen und verbalisiert. „Den Teilnehmern soll vermittelt werden, dass alle Gefühle wie Leere, Wut, Schuldgedanken und mehr sein dürfen, dass sich die Trauer individuell ihren Weg sucht und findet“, sagt Probst. Ähnlich wie in einer Selbsthilfegruppe sehen dort Trauernde, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein sind und dass die Trauer ein Prozess ist, der bei allem Schmerz doch durchlebt werden könne.

Die beiden Trauerbegleiter und Sozialpädagogen seien für den Hospizdienst ein Glücksfall, freut sich die Hospizkoordinatorin der Caritas, Sonja Dirscherl. „Von der Gesellschaft würde ich mir wünschen, dass dieses Angebot des Trauercafés nicht als Schwäche gesehen wird – es zeigt vielmehr von Stärke, wenn man Hilfe annimmt.“ Probst und Seitz haben selbst erlebt, wie gut das tue. Beide überquerten im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Fahrrad die Alpen und genossen es sehr. Dennoch sei es kein einfacher Weg gewesen – wie auch ihr Weg durch die Trauer. Aber gemeinsam, so sagen sie, gehe alles besser.