Ein Musical zeigt die Historie des Scheiterns in 14 Songs

Von Peter Pavlas · 9. Februar 2025 um 17:00

In „The last 5 years“ erzählen die wenig erfolgreiche Schauspielerin Cathy und der aufsteigende Autor Jamie die Geschichte ihrer fünf Jahre dauernden Liebe diametral gegenläufig.

„Das verflixte siebte Jahr“ heißt eine Filmkomödie von Billy Wilder über die erotischen Anfechtungen, denen sich ein Mann nach eben dieser Dauer der Ehe ausgesetzt sah. Marilyn Monroe hieß damals der Grund für die Verwirrung. Sehr viele der zwischen 1990 und 2018 geschiedenen Ehen hielten nur etwa sechs Jahre. Jamie und Cathy stellten bereits nach fünf Jahren fest, dass ihre Beziehung unrettbar in die Brüche gegangen war.

„The last 5 years“ heißt ein Zwei-Personen-Musical des amerikanischen Autors Jason Robert Brown, das derzeit im Turmtheater aufgeführt wird. Eine der Besonderheiten des Stückes ist, dass es fast vollständig ohne gesprochenen Text auskommt. Die Historie des Scheiterns erschließt sich aus 14 Gesangsstücken, in denen die Protagonisten abwechselnd in Solos ihre Sicht der Dinge darlegen. Einzig in der Hochzeitsszene vor der Pause singen sie gemeinsam. Matthias Leitner begleitet die Songs einfühlsam am Klavier.

Naiver Traum einer Vorstadt-Hausfrau

Cathy ist eine junge Schauspielerin, die sich von einem Casting zum anderen hangelt und sich gegen ihre Konkurrentinnen behaupten muss. „Ich bin zu schlecht!“, hadert sie mit sich. Ganz anders Jamie: er ist ein aufstrebender jüdischer Autor. „Ich bin ein funkelnder Hochkaräter“, beschreibt er sich in aller Bescheidenheit. Aber sein Erfolg komme ihm zu schnell, schränkt er ein. „Ich bin Teil davon“, singt Cathy in der Anfangseuphorie einer Verbindung, die letztlich auf sehr unterschiedlichen Ausgangspositionen der beiden im gnadenlosen Unterhaltungsbusiness beruhen. Dazu kommen divergierende Vorstellungen vom Leben als Paar. „Wenn du nach Hause kommst, trag ich mein schönstes Kleid“, säuselt Cathy nahezu naiv ihren Traum einer Vorstadt-Hausfrau, der bald in ein hemmungsloses Kreischen übergeht. Melanie Rainer, als Interpretin dem Publikum auch aus „Heute Abend Lola Blau“ bekannt und geschätzt, verkörpert Cathy, die in ihrer Rolle Jamie ewig unterlegen ist. Besonders in der Mittellage ihrer Stimme überzeugt sie. Nicht einfach ist es, sich an der Seite des ehemaligen Domspatzen Manuel Karadeniz als Jamie zu behaupten. Der schmettert schon seine Auftrittsarie kraftvoll und optimistisch und versucht noch am Ende, Cathys Verhalten seinen Vorstellungen anzupassen.

Interessant ist jedenfalls die Konstruktion des Stückes. Cathy illustriert das Scheitern der Beziehung vom Ende her bis zum turtelnden Kennenlernen, Jamie wählt den umgekehrten, den chronologischen Weg. In den besten Augenblicken nimmt der Zuschauer jeweils wahr, dass sich die Gesamtmenge emotionaler Energie von Tristesse und Verletzung einerseits sowie Selbstbezogenheit und Erfolgsgeilheit nicht ändert, wohl aber von Szene zu Szene verschiebt.

Sie tanzt den Brautwalzer alleine

Darstellerisch überzeugen Melanie Rainer und Manuel Karadeniz jederzeit, wie sie auf der Bühne herumwirbeln und –schluchzen. Philipp Kiefers Bühnenbild spiegelt das Thema unter anderem mit einer drehbaren Wand, die die monumentalen Schriftzüge „Ich“ und „Du“ zeigt und die die Darsteller ab und zu augenfällig trennt. Regisseur Andreas Wiedermann setzt weitere einleuchtende Akzente, welche die fortschreitende Entfremdung der Partner zeigen, etwa im Brautwalzer: Cathy dreht sich alleine selig im Wohlklang der Musik und ihrer Gefühle, nachdem Jamie sich längst schon aus dem Tanz zurückgezogen hat.

Auch in der Binnengeschichte vom jüdischen Schneider Shmuel wird geschickt die Liebe thematisiert und eine Uhr, die rückwärts läuft. Jenseits dieser Besonderheit im Aufbau des Stückes und der Interpretation fühlten sich nicht alle Premierengäste innerlich so stark berührt wie dies in anderen Produktionen des Turmtheaters zu zwischenmenschlichen Themen der Fall war.