Angehörige vor schwierigster Entscheidung im Leben: Wollte mein Bruder Organspender sein?

Eva Schmidt aus Altötting musste entscheiden, ob ihr Bruder eine Organspende gewollt hätte. Bis heute sind die Erinnerungen an diese Tage mit großen Emotionen verbunden. Die Oberbayerin kämpft inzwischen mit dem Organtransplantierten Peter Schlauderer aus Ihrlerstein (Landkreis Kelheim) für die Einführung einer Widerspruchslösung.
An Weihnachten kreisten bei Eva Schmidt aus Altötting wieder die Gedanken. Wird diesmal ein Dankesbrief eintreffen? Wird ihr diesmal jemand schreiben, wie wertvoll ihre Entscheidung war? Eine Entscheidung, die sie so nie treffen wollte. Am 18. Dezember 2019 hat die Oberbayerin ihren Bruder verloren. Ein Schlaganfall, der zum Hirntod führte. Sechs Menschen bekamen seine Organe, weil sie einer Entnahme zustimmte. Seit diesem einschneidenden Ereignis macht sie sich für eine Widerspruchslösung in Sachen Organspende stark und erzählt ihre Geschichte. Denn als Angehörige stand sie vor der schwierigsten Entscheidung ihres Leben. „Das wünsche ich niemandem“, sagt sie und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.
1191 Wartende in Bayern
Wenige Tage vor der Bundestagswahl ist Eva Schmidt mit Peter Schlauderer unterwegs, um über das Thema Organspendeausweis aufzuklären. Schlauderer – in Ihrlerstein (Landkreis Kelheim) zuhause – lebt seit 25 Jahren mit Spenderorganen. „Es ist ein Geschenk!“, betont der fünffache Vater und Großvater. Denn wenige Spender stehen sehr vielen schwerkranken Menschen auf Wartelisten gegenüber. Laut dem Bayerischen Gesundheitsministerium waren es Ende 2023 in Bayern 1191, deutschlandweit knapp 8400 Menschen, die dringend ein Spenderorgan benötigen. Dem gegenüber standen 126 Organspender in Bayern und 965 in Deutschland, denen durchschnittlich drei Organe entnommen wurden. Etwa 40 Prozent der Menschen besitzen laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung einen Organspendeausweis, in dem sie ihren postmortalen Willen erklären. Doch das bedeutet auch, dass über die Hälfte der Bevölkerung keine Entscheidung getroffen hat. Und eine Neuregelung ist nicht in Sicht, sagt Schlauderer. Zwar hat der Bundesrat einen Gesetzentwurf zu einer Widerspruchsregelung im Bundestag eingebracht, aber in dieser Regierung werde es nicht mehr zu einer Abstimmung kommen. Ein Zustand mit gravierenden Folgen für Angehörige.
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Drei Tage habe sie am Bett ihres Bruders gesessen, sagt Eva Schmidt, die im Pflegebereich arbeitet. In diesen drei Tagen im Klinikum Deggendorf habe sie mit dem damals 44-Jährigen, der bereits hirntot war, viel gesprochen. „Ich hatte das Gefühl, dass er nicht in dem Bett liegt, sondern neben mir steht.“ Diese Nähe habe ihr geholfen, um zu einer Entscheidung zu finden. Eine Entscheidung, die auf dem Willen ihres Bruder basieren sollte. So sieht es der Gesetzgeber vor. Aber war die Organentnahme in seinem Sinne? Leise Zweifel gab es, sagt Eva Schmidt. Denn nie hätten sie sich über dieses Thema ausgetauscht. Auch deshalb, weil ihr Bruder in Rumänien lebte und sie eigentlich nur über die Feiertage besuchen wollte, als der Schlaganfall passierte. Auf ihren linken Unterarm hat sie sich nach dem schweren Schritt zur Organspende ein Tattoo stechen lassen. Über dem Todestag verbindet ein menschlicher Herzschlag Kreuz, Herz und das Symbol für die Organspende – zwei Halbkreise und ein geschlossener Kreis. Zusammen bilden sie ein O und ein D. „O“ steht für Organ und „D“ für Donor – zu deutsch Spender.
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Peter Schlauderer, der sich am Uniklinikum Regensburg um Menschen kümmert, die eine Transplantation vor oder hinter sich haben, erlebt die körperlichen und seelischen Höhen und Tiefen mit, durch die die Betroffenen gehen. „Man wartet ja nicht auf ein Unglück, bei dem jemand stirbt, sondern es passiert ja jeden Tag“, sagt er, der selbst mit einer gespendeten Niere, Bauchspeicheldrüse und Leber lebt. Dennoch bleibt die Zahl der gespendeten Organe im niedrigen Bereich – was den Tod von Patienten auf der Warteliste bedeutet. Im Jahr 2022 starben in Deutschland rund 750 Menschen bevor ein Spenderorgan gefunden war.
Ein Empfänger starb
Eva Schmidt und Peter Schlauderer wollen weiterkämpfen, dass in Deutschland die Perspektiven gewechselt werden. Mit der Widerspruchsregelung, die etwa in Österreich gilt, muss man aktiv widersprechen, wenn man keine Organentnahme will. „Ein Ja im Organspendeausweis ist genauso wichtig wie ein Nein. Aber jeder sollte sich Gedanken machen“, bekräftigt Eva Schmidt. Die Altöttingerin tröstet sich heute mit dem Gedanken, dass ihr Bruder in fünf Menschen weiterlebt. Der Empfänger der Bauchspeicheldrüse starb ein Vierteljahr nach der Transplantation an Corona. Er war auch der einzige, der sich über die Deutsche Stiftung Organtransplantation bei Eva Schmidt bedankt hat.
Von den anderen Empfängern hat sie nie etwas gehört. Peter Schlauderer weiß: Solche Briefe werden selten geschrieben. 2023 kamen auf 3646 Organspenden 257 Briefe. Eva Schmidt hofft trotzdem: „Die Antwort auf einen solchen Brief habe ich schon tausend Mal in Gedanken geschrieben.“
