Organspende: Transplantierte und Wartelisten-Patienten aus Regensburg berichten

Lange Wartezeit, eingeschränktes Leben, ungewisse Zukunftsaussichten: Im Regensburger Transplantationszentrum warten viele Menschen auf ein neues Organ. Drei Nieren-Patienten erzählen von ihren Schicksalen. Einer davon steht schon zum dritten Mal auf der Warteliste für eine neue Niere.
Monika Miller krempelt die Bluse an ihrem linken Arm nach oben. In ihrer Ellbogen-Beuge sieht man eine länglich verlaufende Wölbung der Haut – etwa zehn Zentimeter groß. Es ist ein Shunt, eine Verbindung von Arterie und Vene, den Nierenkranke für die Blutwäsche (Dialyse) benötigen. Auch Uwe Sittauer und seine Frau Andrea haben ein solches Merkmal, eine sichtbare Spur. Jeder Shunt steht für eine andere Lebensgeschichte. Diese verbindet ein Wunsch: eine Organspende.
Uwe (38) und Andrea (39) mussten schon von klein auf lernen zu kämpfen, erzählen sie. Neben ihnen tollen ihre Hunde Whisky und Peanut durch den großen Garten bei Pielenhofen.
Im jungen Alter viel Zeit im Dialysezentrum verbracht
Mit 16 Jahren war bei Andrea endgültig klar: Ihre Nieren verlieren die Funktion. Mit 20 musste sie erstmals an die Dialyse. Uwes Nieren versagten schon, da war er gerade einmal sechs Jahre alt. Mit acht Jahren bekam er eine neue Niere transplantiert. Seine erste.
Kommentar zum Thema Organspende: Die Widerspruchslösung rettet Leben
Doch mit 20 Jahren kehrten altbekannte Symptome zurück: Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Schwächeanfälle. Das Spenderorgan versagte. Mit Anfang 20 verbrachten Uwe und Andrea also dreimal die Woche vier Stunden im Dialysezentrum in der Günzstraße. „Für junge Leute ist es das Schlimmste“, sagt Andrea. Etwas Gutes hatten die Sitzungen: Dort lernten sich die beiden 2007 kennen und schließlich auch lieben.
Als die Hochzeitsglocken 2015 in Wolfsegg läuteten, hatte sich die Situation der beiden um 180 Grad gedreht: Sie heirateten mit einem Spenderorgan im Körper. Für Andrea klappte es 2014 im dritten Anlauf. Einmal habe sie sogar schon auf dem OP-Tisch gelegen – das Organ neben ihr. Doch das Spenderorgan sei beschädigt gewesen. „Meine Niere heißt Sophie“, sagt Andrea heute strahlend. Sie weiß, dass ihre Spenderin eine 35-Jährige Frau war – deshalb der weibliche Name. „Andere bekommen ihr Baby aus dem Bauch, ich bekomme mein Geschenk in den Bauch“, begründet sie ihre Namensgebung.
Vom „normalen“ Leben zurück an die Dialyse
Uwe bekam mit 26 Jahren seine zweite Niere. Das frisch vermählte Paar konnte jetzt ein „nahezu normales Leben“ führen. Doch Uwes Schicksal sollte sich 2020 noch einmal wenden. Sein Körper gab ihm erneut klare Warnsignale. Vier Wochen später wurde er ins Krankenhaus eingeliefert und musste wegen eines epileptischen Anfalls ins künstliche Koma versetzt werden. Er hatte 20 Liter Wasser im Körper. „Ich war vergiftet und überwässert“, sagt er. Er baute extrem ab und wog am Ende nur noch 60 Kilo.
Doch Uwe und seine Frau sind „Steh-Auf-Mandl“, wie sie sagen. Uwe kämpfte sich zurück ins Leben, arbeitet heute wieder Vollzeit – und steht erneut auf der Spenderliste. „Manche sagen leider, ich sage zum Glück hat die Niere zehneinhalb Jahre gehalten.“ Auch Monika Miller aus Sünching steht zum wiederholten Mal auf der Spenderliste. Von ihrem Vater hat sie eine chronische Nierenerkrankung geerbt. Als sie erfuhr, dass ihre Werte beunruhigend waren, hatte sie gerade ihre Tochter zur Welt gebracht. Auf die Frage, was ihr in diesem Moment durch den Kopf ging, antwortet Miller ganz humorvoll: „Na super. Hätte er mir Mal etwas anderes vererbt.“
Mit 40 führte für die Sünchingerin kein Weg mehr an einer Dialyse vorbei. Wie auch die Sittauers verbrachte sie ihre Sitzungen in der Günzstraße in Regensburg.
Für Miller war es ein Gefühl wie neugeborgen
Mit 49 erhielt Miller den lang ersehnten Anruf. Dann musste alles ganz schnell gehen. „Einen Tag vor meinem 50.Geburtstag wurde ich mit meiner neuen Niere entlassen. Das war das beste Geburtstagsgeschenk aller Zeiten“, erzählt Miller mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Sie habe sich gefühlt wie „neugeboren“.
Über ihren Spender weiß sie, dass er männlich, 47 Jahre alt und durch ein Schädel-Hirn-Trauma verstorben war. Dass der Mann sich vor seinem Tod für eine Organspende entschied, dafür sei Miller noch heute sehr dankbar.
Tatsächlich macht das lediglich die Minderheit in Deutschland. Es gilt die Entscheidungsregel: Nur wer zu Lebzeiten aktiv zustimmt, spendet seine Organe bei einem Hirntod. Andernfalls entscheiden die Angehörigen. Damit die Bürger eine Entscheidung treffen, werden beispielsweise regelmäßig Infomaterialien von der Krankenkasse verschickt.
Es gibt deutlich zu wenig Spenderorgane in Deutschland
Die Realität ist: „Die Anzahl der benötigten Spenderorgane ist im Vergleich zum Bedarf in Deutschland viel zu gering“, so Matthias Dettenhofer, Pressereferent des Regensburger Universitätsklinikums. Zum 31. Dezember 2022 meldete die Deutsche Stiftung für Organspende (DSO) 8826 benötigte Organe – Herz, Lunge, Niere, Leber, Bauchspeicheldrüse. Im selben Jahr konnten nur etwa ein Drittel Patienten transplantiert werden. 743 Patienten verstarben während sie auf ein Spenderorgan warteten, so Dettenhofer weiter. Etwa die Hälfte der 501 Patienten im Regensburger Transplantationszentrum warten auf eine Niere. Die reguläre Wartezeit in Deutschland betrage neun Jahre.
Vor etwa fünf Jahren hieß es schließlich auch für Miller erneut: Blutwäsche und Spenderliste. Als sie davon erfuhr, brach sie in Tränen aus. „Ich dachte mir: Jetzt geht das alles schon wieder los“, sagt sie. Die Sittauers und Monika Miller kennen sich von der Hilfsgemeinschaft der Dialysepatienten und Transplantierten Regensburg/Straubing. Sie sind sich in Hinblick auf die Organspende-Regelung in Deutschland einig: Die Einführung der Widerspruchslösung würde helfen. Bei dieser Regelung ist jeder nach seinem Hirntod Organspender, außer er widerspricht.
Die Dankbarkeit für eine Spende endet nie. Andrea Sittauer zündet auch heute noch in der Kirche jedes Mal eine Kerze für ihre Retterin an.
Hintergrund und Aktion zum Tag der Organspende
Tag der Organspende: Seit 1983 findet am ersten Samstag im Juni ein Aktionstag zum Thema Organspende statt. Zu diesem Anlass soll Spendern Danke gesagt, Bürger informiert und Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt werden.
Aktion im DEZ: Heute gibt es einen Stand der Hilfsgemeinschaft der Dialysepatienten und Transplantierten Regensburg/Straubing im DEZ. Dort erhält man einen Organspendeausweis und kann sich mit Betroffenen austauschen.
