Nach Explosion: Bayernoil schließt Katastrophenszenario aus – und äußert sich zu Mängelliste

Der Schrecken wirkt nach. In der Nacht zum 17. Januar 2025 kam es in der Bayernoil-Raffinerie in Neustadt (Landkreis Kelheim) zu einer Explosion und einem Brand. Vor allem Anwohner fragen sich: Kann ein solcher Vorfall das gesamte Werk erfassen? Das Unternehmen und ein Ex-Mitarbeiter äußern sich jetzt dazu – und auch zu einer Mängelliste.
Ein lauter Knall, danach schlug heller Feuerschein kurz nach Mitternacht in den Nachthimmel. Die Explosion war weithin zu hören, riss Anrainer aus dem Schlaf, Häuser erzitterten. In einer Prozessanlage war ein Behälter geplatzt, aus dadurch beschädigten Anlagenteilen traten Kohlenwasserstoffe, die sich entzündeten, so das Unternehmen eine Woche später zu den (vorläufigen) Gründen. Über 400 Feuerwehrkräfte löschten den Brand.
„Zu keinem Zeitpunkt bestand eine Gefahr für die umliegende Bevölkerung“, erklärte Bayernoil. Doch bei Anwohnern mindert das die Sorge nur bedingt. Könnten andere Betriebsteile von einem solchen Feuer erfasst werden, droht so eine Katastrophe?
Auf Anfrage sagt Britta Heidemann-Schöberl, Leiterin der Unternehmenskommunikation: „Betriebe wie unsere Raffinerie verfügen über staatlich anerkannte Werkfeuerwehren, die speziell für derartige Szenarien ausgebildet sind. Aufgrund der kurzen Reaktionszeit und exzellenten Zusammenarbeit aller relevanten internen und externen Einsatzkräfte ist davon nicht auszugehen.“
Abstände zwischen Anlagen und 65 Kräfte in Werkfeuerwehr
Um ein Übergreifen von Flammen auf weitere Anlagen zu verhindern, gelten auch vorgeschriebene Abstände zwischen den Betriebsteilen auf dem 300 Hektar großen Gelände. „Relevante Normen wurden im Rahmen der Bauleitplanung berücksichtigt“, so Heidemann-Schöberl.
Entscheidende Rolle beim Erstzugriff kommt der Werkfeuerwehr zu. „Das Team umfasst 65 hauptberufliche Einsatzkräfte für beide Standorte.“ Der zweite Standort ist Vohburg. Rund um die Uhr seien in Neustadt neun Feuerwehrkräfte pro Schicht im Einsatz.
Landratsamt: Sonderpläne haben sich bestens bewährt
Auf den Plan gerufen war auch das Landratsamt Kelheim, das im Zuge des Brand- und Katastrophenschutzes für Alarmierungsplanungen zuständig ist. „Dazu gehört auch, Sonderpläne für besondere Objekte oder Ereignisse zu erstellen. Diese vorab ausgearbeiteten Sonderpläne kamen hier auch zum Einsatz und haben sich bestens bewährt.“
Auf die Frage, auf welchem sicherheitstechnischen Zustand das Werk generell stehe, sagt die Unternehmenssprecherin: „Unsere Anlagen befinden sich in einem betriebssicheren Zustand. Sie werden regelmäßig durch interne Stellen und externe Sachverständige begutachtet und bei Bedarf entsprechend erneuert oder nachgerüstet.“
Einmal jährlich überwacht wird die Raffinerie unter anderem von Seiten der Immissionsschutzbehörde am Landratsamt Kelheim. Der jeweilige Überwachungsbericht wird im Internet veröffentlicht, aktuell jener aus 2023, so die Behörde.
Überschreitung von Feuerungswärme und Emissionen
In solchen Berichten werden auch Mängel erwähnt. Die Rede ist etwa von „Überschreitung der Feuerungswärmeleistung beim Anfahrbetrieb“ oder von „Emissionsgrenzwertüberschreitungen“. Ein Tank, so ein weiterer Punkt, „entspricht nicht den derzeit genehmigten Lagerstoffen“. Bayernoil beruhigt. „Es besteht kein Zusammenhang mit dem Vorfall vom 17. Januar und dem betroffenen Anlagenteil.“
Und weiter: „Bei Inspektionen werden immer wieder kleinere Mängel festgestellt. Die Terminsetzung zur Beseitigung erfolgt stets in Absprache mit der Behörde.“ Man sei „komplett transparent mit den Ergebnissen und wir arbeiten alle Mängel zeitgerecht ab“.
Katastrophe nur bei Flugzeugabsturz
Ein früherer Mitarbeiter am Standort Neustadt, der namentlich nicht genannt werden möchte, verweist im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern ebenfalls auf umfangreiche Prüfungen, beispielsweise bei Revisionen. „Reaktoren, Behälter und Rohrleitungen werden genauestens begutachtet, es gibt Rissprüfungen und Geruchsproben.“
Im laufenden Betrieb dienten „zig Sensoren“ der Überwachung. „Eine Katastrophe droht nur, wenn ein Flugzeug auf ein Werk stürzt“, sagt der Ex-Mitarbeiter aus dem Landkreis Kelheim. Aber niemand sei davor gefeit, „dass mal eine Düse verlegt ist oder ein Ventil nicht funktioniert“.
Sicherheitskonzept und eine Nachbesprechung
Dass bei Vorfällen wie Mitte Januar auch Mitarbeiter in Gefahr sind, zeigte sich an vier leicht verletzten Personen (zwei mit Schock, zwei kurzzeitig im Krankenhaus). Rund 1200 Arbeitnehmer sind in der Raffinerie Neustadt tätig – 600 von Bayernoil und ebenso viele von externen Firmen, erklärt das Unternehmen. „Wir haben ein umfassendes Schulungs- und Sicherheitskonzept, das gewährleistet, dass alle Mitarbeiter und externen Kräfte entsprechend ihrem jeweiligen Einsatzbereich kontinuierlich geschult und für ihre Aufgaben sensibilisiert werden“, sagt Heidemann-Schöberl.
Das Sicherheitskonzept werde „laufend weiterentwickelt. Das Lernen aus Ereignissen spielt dabei eine zentrale Rolle.“ Auch im Landratsamt will man „aus jedem Schadensereignis lernen und Erfahrungen ziehen“. Daher sei bereits eine Nachbesprechung angesetzt, an der neben der Kreisbehörde und den eingesetzten Organisationen auch die Werkfeuerwehr teilnimmt.
Zu spärliche Informationen?
Kritik: Nach der Explosion gab es von Anrainern und Pförrings Bürgermeistern Kritik an den zunächst nur spärlichen Informationen zum Geschehen aus dem Unternehmen.
Reaktion: „Wir verstehen die berechtigten Sorgen und das Interesse an einer schnellen Aufklärung. Unsere oberste Priorität ist es, nur verlässliche Fakten zu kommunizieren und Spekulationen zu vermeiden“, erklärt Bayernoil dazu.
Draht: Man arbeite kontinuierlich daran, „unsere Informationswege zu verbessern, um alle betroffenen Parteien frühzeitig und umfassend zu informieren. Mit den Kommunen stehen wir im engen persönlichen Austausch.“
Warn-App: Das Landratsamt verweist darauf, dass betroffene Bürger auch Warnmeldungen über die App „NINA“ auf ihr Smartphone oder Tablet erhielten. Der Brand- und Katastrophenschutz der Behörde rät, die App zu installieren.