Im Turmtheater: Eine Liebe auf dem Seziertisch

Von Katharina Kellner · 31. Januar 2025 um 05:00

Regisseur Andreas Wiedermann inszeniert am Turmtheater Regensburg „The Last 5 Years“. Darin erzählen die Schauspielerin Cathy und der Autor Jamie die Geschichte ihrer gescheiterten Beziehung in 14 Songs.

Die Chronologie einer Geschichte zertrümmern – das ist spätestens seit dem Kinoerfolg „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ eine vertraute Erzähltechnik. In dem Film durchläuft die Hauptfigur ihr Leben rückwärts. Auch das Musical „The Last 5 Years“ verläuft nicht chronologisch. Allerdings erzählen die wenig erfolgreiche Schauspielerin Cathy und der aufsteigende Autor Jamie die Geschichte ihrer fünf Jahre dauernden Beziehung hier diametral gegenläufig: Cathy beginnt ihren Rückblick mit der Scheidung und beendet ihn beim ersten gemeinsamen Abendessen. Jamie eröffnet die Handlung mit dem ersten Rendezvous und hört mit der Trennung auf.

Eine „akustische Pralinenschachtel“

Das bringt interessante Effekte mit sich: Zum einen entsteht eine „Ungleichzeitigkeit von Empfindungen“, wie Andreas Wiedermann im Gespräch sagt. Der freie Regisseur führt bei der Inszenierung am Regensburger Turmtheater Regie. Zum anderen treffen sich an einer Stelle des Musicals die beiden Erzählstränge: Bei der Hochzeit des Paares singen sie im Duett. All anderen Songs sind, bis auf einen, Solostücke. Eine „akustische Pralinenschachtel“ nennt Wiedermann das Musical – die 14 Songs seien alle potenzielle Hits, so eingängig, dass er während der Arbeit an der Inszenierung ständig Ohrwürmer habe.

Die Bühne im Turm biete „eine Art Mikrokosmos“ mit charmanter Atmosphäre. Wiedermann führte dort bereits bei anderen Musiktheater-Produktionen Regie: in der Revue „Wunder gibt es immer wieder“ oder der tragischen Musikkomödie „Heute Abend: Lola Blau“, ein Ein-Frau-Stück mit Melanie Rainer.

Diesmal singt Rainer in der Rolle der Cathy neben dem ehemaligen Domspatz Manuel Karadeniz als Jamie. Für Wiedermann sind sie zusammen mit Pianist Michael Leitner die „passgenaue Besetzung“ für die durchaus herausfordernden Songs aus Pop, Rock, Swing, Funk und Jazz. Die raffiniert komponierte Musik (darunter ein „Beziehungswalzer“) aus der Feder des amerikanischen Musical-Komponisten und -Autors Jason Robert Brown sei „sentimental, aber nie kitschig“. Im Turmtheater sind die Songs in der deutschen Übersetzung zu hören. „The Last 5 Years“ wurde 2001 in Chicago uraufgeführt und zählt seither zu einem der beliebtesten Musicals für kleine Bühnen. Für dieses Kammermusical brauche es weder Schnürboden noch Drehbühne noch Orchester, sagt Wiedermann: Es sei „opulent in seiner Schlichtheit, weil musikalisch ausgefeilt und kurzweilig verdichtet“. Er schätzt angloamerikanische Musiktheaterstücke, die intelligente Stoffe rasant erzählen. Sie seien geschickter und dramaturgisch ansprechender als Disney-Kitsch oder große Musical-Produktionen wie „König der Löwen“. Das zeigt sich zum Beispiel beim raffinierten Ende: Da singen Cathy und Jamie im Duett „Goodbye“ – mit demselben Text, doch mit unterschiedlicher Haltung, weil sie ja entgegengesetzt erzählen: Cathys Lebewohl bezieht sich auf den nächsten Tag, das von Jamie ist endgültig.

Produktion nicht ohne Kulturförderung möglich

Jeder der 14 Songs hat ein klares Ende. Sprechtext gibt es kaum. Die jeweilige Situation erschließe sich einfach, unterstützt von Licht, Bühnenelementen und wenigen Kostümwechseln (Ausstattung: Philipp Kiefer), die die Zeitsprünge verdeutlichen. So entstehe „ein unberechenbares Aufeinanderprallen emotionaler Aggregatszustände“, sagt der Regisseur.

Um ein kurzweiliges Musical zu präsentieren, dafür müssen die Finanzen stimmen, macht er klar: Weil Verlage für Musiktheater höhere Lizenz-Beträge verlangen als für Sprechtheater, geht ein großer Anteil aus den Ticketeinnahmen „weg, bevor der erste Ton gesungen ist“. Produktionen dieser Art seien nur wegen der Zuwendungen der Stadt Regensburg und des Freistaates Bayern möglich. Würde die Kulturförderung derart eingedampft wie andernorts bereits geschehen, dann könnte auch das Turmtheater „nur noch trashige Klamotten präsentieren“.

Premiere am 8. Februar, 19.30 Uhr, Turmtheater Regensburg. Karten: regensburgerturmtheater.de/the-last-5-years