Start-up trotzt Automobilkrise – und akquiriert mit Oberpfälzer Ingenieurbüro neue Kunden

Von Franziska Mahler · 27. Januar 2025 um 19:00

Das Start-up ams reichert hatte vor, den Produktionsprozess von Kabelbäumen zu automatisieren. Damit wollte es vor allem in der Automobilindustrie punkten. Doch die steckt bekanntlich in der Krise. Für das junge Unternehmen gab es dennoch eine positive Wendung.

Begonnen hat alles in einem kleinen Keller in Neumarkt in der Oberpfalz. Siegfried Reichert und sein Sohn Matthias verfolgten eine ambitionierte Idee: Sie wollten die Produktion eines Kabelbaums – ein zentrales Verbindungselement in einem Fahrzeug – automatisieren und zurück nach Deutschland holen. In modernen Fahrzeugen verbindet der Kabelbaum mehr als 1500 einzelne Kabel. Noch wird er aber überwiegend in Handarbeit hergestellt.

Zum Thema: Maschine macht die Arbeit: Start-up aus Neumarkt ist Vorreiter bei der Kabelbaumproduktion

Also bauten die Reicherts einen Prototypen. Als dieser funktionierte, meldeten sie 2021 Patent auf die Anlage an – und waren damit ein weltweiter Vorreiter. 2022 gründeten sie eine GmbH. Ende 2023 war ams reichert mit Erstkunden im Gespräch.

Gründung eines Joint Ventures

Doch 2024 war definitiv kein Erfolgsjahr in der Automobilbranche: Kurzarbeit, Stellenabbau, Werksschließungen, Sparkurse. Für ams reichert hat sich ein glücklicher Zufall ergeben – noch vor dem großen Knall. Bei Sulzbach-Rosenberg starteten bei der werthner GmbH, einem erfahrenen Ingenieurdienstleister, Überlegungen, in die Kabelbaumproduktion einzusteigen. Geschäftsführer Manuel Werthner bekam einen Link zur Website von ams reichert zugesendet. So begannen die Gespräche, die mit der Gründung eines Joint Ventures – der ames wiring GmbH – endeten. Nun läuft alles aus einer Hand: die Erstellung und Konstruktion sowie die Produktion. Der Kundenkreis bewegt sich außerhalb der Automobilindustrie, in der das Investitionsverhalten derzeit sehr zurückhaltend ist, sagt Reichert.

Die Kunden der ames wiring kommen aus dem Bereich der Landmaschinen, Lastwagenaufbauten und -anhänger, autonomen Transportsysteme sowie Flurförderfahrzeuge – und sind sehr interessiert an dem Gesamtpaket, das die Firma anbietet, sagt Reichert. Der Kunde muss wissen, wie sein Kabelbaum aufgebaut sein soll, die Experten von ames wiring unterstützen ihn allerdings auch bei der Entwicklung. Der automatisierte, computergestützte Herstellungsprozess kombiniere das Ablängen der Kabel, die Konfektion und die Verlegung und ist flexibel und kostengünstig, sagen die Geschäftsführer.

Schnelle Produktion durch automatisierten Prozess

Und wenn der Auftrag einmal im System gespeichert ist, muss man nur noch die Materialien beschaffen und der Kabelbaum ist innerhalb weniger Tage fertig. Je nach Auftrag sind aber auch noch manuelle Handgriffe nötig. Der Vorteil einer vollautomatischen Anlage: Es ist jederzeit möglich, in den Produktionsprozess neue Technologien einzubauen, um die Handarbeit noch weiter zu senken, sagt Werthner.

Die ames wiring GmbH zählt derzeit 15 Mitarbeiter – auch Reicherts Vater berät nach wie vor im Hintergrund. Die Zusammenarbeit soll langfristig sein, sind sich die Geschäftsführer einig. „Matthias und ich ergänzen uns perfekt“, sagt Werthner. Der 35-Jährige hat langjährige Erfahrung in der Unternehmensführung – Reichert aus der Konzernwelt. „Diese Kombination aus Freigeistigkeit und Know-how ist das, was es braucht.“

Hauptlieferant bei einigen Forstgeräteherstellern

Mit der Kundennachfrage sind die beiden sehr zufrieden, bei einigen Forstgeräteherstellern seien sie der Hauptlieferant. Langfristig gesehen wollen Werthner und Reichert mit ames wiring aber auch einen Fuß in die Automobilbranche bekommen. Noch schwächle die Branche und das Unternehmen sei für einen direkten Einstieg zu klein. Derzeit befinden sie sich im mittleren Stückzahlsegment, so Werthner.

Das soll sich dieses Jahr ändern: Unter anderem mit Unterstützung der Regierung der Oberpfalz steht ein Ausbau der Produktionskapazität an. Am Sitz in Ursensollen (Landkreis Amberg-Sulzbach) laufen deshalb schon Renovierungs- und Umbauarbeiten. „Dann können wir richtig loslegen“, sagt Reichert.

Manuel Werthner (l.) und Matthias Reichert setzen auf eine langfristige Zusammenarbeit.