Kelheimer Autorin erzählt die kleinen, leisen Geschichten von Frauen auf dem Land

Eva Honold will die Geschichten von Menschen erzählen, die oft übersehen werden. Sie will deutlich machen: Ihr seid wichtig. Das soll bewusst ein Kontrapunkt zu den „großen Männern“ wie Trump, Musk und Putin sein.
Man traut ihnen oft nicht zu, dass sie etwas zu erzählen haben: Wirtshaus-Bedienungen, Mägden, Bäuerinnen. Die Kelheimer Autorin Eva Honold sieht das anders. Sie hat im Landkreis Geschichten gesammelt. Von alten Frauen, die auf ihr Leben zurückblicken. Von Frauen, die sich trauen, etwas zu teilen. Und von Frauen, die es so wohl gar nicht gab. „Ich glaube, dass in den Menschen Geschichten schlummern. In den Menschen, die man auch oft übersieht“, sagt Honold. Am Donnerstag stellt sie die Geschichten in der Stadtbücherei Kelheim vor.
Versunkenes Schellneck
Bei der Veranstaltung „Frauen erzählen – Mystisches und Kurioses aus Niederbayern“ lesen Honold und die Regensburger Autorin Agnes Gerstenberg Geschichten über besondere Frauen vor. Einige stehen in dem Sammelband „Verlassenes Ostbayern – Lost Places und vergessene Geschichten“. Darin haben mehrere Autoren Geschichten um aufgegebene, vergessene oder stillgelegte Orte geschrieben. Eva Honold erzählt von der fiktiven Kathi, einer Kriegs-Vertriebenen, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als Magd in Schellneck lebt. Der kleine Ort auf einer Insel bei Altessing wurde 1979 dem Erdboden gleich gemacht, um Platz für den Main-Donau-Kanal zu schaffen. Doch das Dorf ist nicht der einzige „Lost Place“ dort: an der Schellnecker Wand fanden Archäologen 1972 ein Doppelgrab aus der Steinzeit. Darin war eine Frau und ein Kind, die Gesichter einander zugewandt. Beides, der versunkene Ort Schellneck und das Steinzeitgrab, spielen in Kathis Geschichte eine Rolle.
Daneben liest Honold Geschichten vor, die sie bei Frauen aus dem Landkreis gesammelt hat. Anders als im Format „Neustadt erzählt“, bei dem Honold die Erzählungen von Bürgern für die Zeitgeschichte dokumentiert, hat sie diese Geschichten künstlerisch verfremdet und ausgestaltet. Der Kern ist aber wahr, sagt sie.
Honold erzählt beispielsweise von einer Frau, die auf einem Bauernhof aufwuchs und Köchin werden wollte, dies aber nicht durfte. Stattdessen musste sie auf dem Hof helfen und heiraten. Heute, im Altersheim, blickt sie auf ihr Leben zurück und fragt sich, ob es erfüllt war. „In der Erzählung kommt heraus, es ist nicht in ihrer Macht gewesen, unter den Umständen etwas anders zu machen“, sagt Honold. Stolz sei die alte Frau heute darauf, das Beste aus ihrer Situation gemacht zu haben – und dass ihre Enkelkinder sich verwirklichen können.
Eine weitere Geschichte handelt von der „Geschichtensammlerin“, die alleine lebt und Schätze wie Versteinerungen sammelt, jedoch niemanden hat, mit dem sie diese teilen kann. Sie fragt sich, ob diese Dinge wirklich Schätze sind, wenn sie für sich bleiben. Ein zentraler Moment in der Geschichte ist, dass die Geschichtensammlerin den Mut aufbringt, ihre Fundstücke der Außenwelt zu zeigen, etwa in einem Museum.
Gegen die großen Männer
„Mein innerer Auftrag ist es, die unerzählten Geschichten, die ungesehenen Leben sichtbar zu machen“, sagt Honold. Dass es in der Lesung am Donnerstag um Frauen geht, warum sie über Frauen schreibt, sei nicht nur eine rationale Entscheidung gewesen, sagt Honold. Das sei einem Gefühl, einem Bedürfnis entsprungen, das sie gar nicht komplett ausbuchstabieren könne. Aber der „Hyperfokus“ auf die kleinen Leben, auf das Lokale, auf Frauen auf dem Land soll bewusst einen Kontrapunkt setzten zu den mächtigen Männern – Trump, Musk, Putin – die dieser Tage die Weltpolitik dominieren. Ihren Zuhörern möchte sie zeigen: „Im Kleinen gibt es so interessante, wichtige, wertvolle Menschen. Darauf will ich den Fokus legen, denn das Große kann man ja eh nicht ändern.“
Frauen erzählen
Termin: Die Autorinnen Eva Honold und Agnes Gerstenberg lesen am Donnerstag, 30. Januar, um 18.30 Uhr in der Stadtbücherei ihre Geschichten vor. Eintritt ist frei.
Recherche: Die Autorinnen wollen Geschichten über Hexen, Geister und Verbrecher sammeln.
