Gut betreut: Am Schwandorfer Marktplatz wurde eine WG für beatmete Menschen geschaffen

In eines der bekanntesten und ältesten Häuser Schwandorfs direkt am Marktplatz zieht jetzt neues Leben ein: die „Wohngemeinschaft Johann“ für beatmete Menschen. In einem gemütlichen häuslichen Umfeld erhalten sechs Bewohner durch das AIR-Leben Weaning-Zentrum unter Leitung von Dr. Heike Kemeter Intensivpflege, und dennoch soll ihnen ein möglichst selbstbestimmtes Leben geboten werden.
Der Weg bis zur Eröffnung war nicht leicht, wie Hauseigentümerin Monika Reiner-Hartl bei einem internen Tag der offenen Tür für alle am Bau Beteiligten einräumt. Die Erleichterung und Freude ist ihr nun deutlich anzusehen, denn schließlich ist die 320 Quadratmeter große Wohnung ein wahres Schmuckstück geworden – und in medizinischer Hinsicht ein Vorzeigeobjekt.
Behutsam, ohne den Charme und das Flair dieses historischen und denkmalgeschützten Hauses zu zerstören, sondern es sogar noch hervorzuheben, wurde es seit dem Jahr 2020 renoviert und für die Bedürfnisse der Wohngruppe vorbereitet. Der Stuck an den Decken blieb beispielsweise erhalten, doch auch so manche unliebsame Überraschung sei zutage getreten.
„Wir mussten zwölf Tonnen Lehm wegschaufeln“, erinnert sich Reiner-Hartl und kann heute darüber lachen. Früher sei Lehm als Dämmung genutzt worden, erfuhr die Eigentümerin von Bauexperten, Für heutige Anforderungen, auch an Brand- oder Schallschutz, ist diese Methode allerdings ungeeignet, und der Lehm musste entfernt werden.
Lange leergestanden
Die Planungen für einen Umbau der bis dahin lange Zeit leerstehenden Wohnung begannen bereits ab dem Jahr 2017. Noch war die Eigentümerin auf der Suche nach geeigneten Nutzungsmöglichkeiten – eine Hürde waren jedoch immer die fehlenden Parkplätze mitten in der Stadt.
Dann wurde Dr. Heike Kemeter, die früher in Schwandorf eine Lungenfacharztpraxis betrieb und seit 2012 auch ärztliche Leiterin von AIR-Leben Intensivpflege in Sinzing ist, auf die Immobilie aufmerksam. In Sinzing hat die Medizinerin bereits im Jahr 2020 eine zentrale Einrichtung für die Beatmungsentwöhnung aufgebaut. Für ihr Herzensprojekt, die bestmögliche und ganzheitliche Versorgung von Beatmungspatienten, sei der neue Standort in Schwandorf bestens geeignet, war sie sofort überzeugt.
Denn nicht nur auf die körperliche Verfassung der Kranken hat die Medizinerin grundsätzlich ein Augenmerk, sondern auch auf die Psyche. In einer Wohlfühl-Atmosphäre sollen die Menschen liebevoll umsorgt werden – ein zweites Zuhause mit viel Privatsphäre soll es für sie werden, so die Vision, die nun Wirklichkeit wurde. Hier im Herzen der Stadt, wo das Leben pulsiert und man lediglich aus den Fenstern der WG zu sehen braucht, um unten das Treiben zu beobachten, fühlt man sich mitten unter Menschen und nicht ausgegrenzt. Mit dem Aufzug gelangen die Bewohner mit Begleitung außerdem schnell auf den Marktplatz und können zum Beispiel im Café in der Sonne sitzen.
Der Name „Wohngemeinschaft Johann“ war schnell gefunden. Länger als gedacht dauerten jedoch Planungen und Bauphase. „Immer mehr Auflagen kamen auf uns zu“, erzählt Heinz Kemeter, Ehemann der Pneumologin und zuständig für die Buchhaltung. Auch die Baukosten seien immens, bestätigt Reiner-Hartl, ohne Zahlen nennen zu wollen. Doch alle Kosten und Mühen hätten sich gelohnt, strahlt sie wie alle Beteiligten an diesem Tag. Besonders dankbar sei man, betonen Kemeter und Reiner-Hartl, für die Förderung durch das Bayerische Landesamt für Pflege, das von Anfang an großes Potenzial in dem Projekt gesehen und die Bemühungen von Eigentümerin und AIR-Leben-Mitarbeitern geschätzt habe.
Sechs Zimmer zwischen 25 und 30 Quadratmeter
Die sechs Zimmer zwischen 25 und 30 Quadratmeter sind tatsächlich sehr wohnlich, hell und freundlich, und natürlich unauffällig mit allem medizinischen Equipment ausgestattet. Jeder Bewohner könne sich hier nach seinen Wünschen gemütlich einrichten, versichert WG-Teamleiter Lukas Reichold, Pflegefachkraft für außerklinische Beatmung und Atmungstherapeut. Je nach Bedarf werde die Lungenfachärztin auch weitere Experten hinzuziehen, wie HNO-Ärzte, Neurologen, Psychologen, Psychotherapeuten, Hausärzte oder Kardiologen. Spezialisierte Pflegefachkräfte leisteten die Grund- und Behandlungspflege in Zwölfstunden-Schichten.
Das Ziel in der Wohngruppe sei mehr Lebensqualität, versichert Reichold – und ein möglichst selbstbestimmtes Leben. „Oft haben die Patienten lange, belastende Krankenhausaufenthalte hinter sich. Hier sollen sie zur Ruhe kommen“.
Aber noch ein weiteres ambitioniertes Ziel verfolge man – das sogenannte Weaning, also die Entwöhnung vom Beatmungsgerät. Dieses von AIR-Leben entwickelte Konzept solle Patienten, die nach der akutmedizinischen Therapie ein Entwöhnungs- oder Verbesserungspotenzial hätten, die Möglichkeit geben, dieses bestmöglich und ohne Zeitdruck weiterzuentwickeln. Im Idealfall könne der Kranke teilweise oder vollständig normal essen und trinken oder gar wieder in eine häusliche Versorgung zurückkehren. Grundsätzlich plane man, die Bewohner, die ihr Zimmer in der Wohngemeinschaft mieteten, hier langfristig zu versorgen. Angehörige könnten jederzeit zu Besuch kommen, erklärt Kemeter. „Das mildert die psychische Belastung deutlich.“
Grill auf der Dachterrasse
Am 4. Februar wird der erste Bewohner einziehen, und alle freuen sich darauf. Nach und nach sollen sich dann auch alle weiteren Zimmer mit Leben füllen.
Bis zum Frühling, versichert Kemeter, wird auch die große sonnige Dachterrasse im rückwärtigen Teil des Gebäudes fertiggestellt sein. Hier oben ist vom Gewusel der Stadt wenig zu hören und zu spüren. Einen Grill werde man sicher aufstellen, hat die Fachärztin zusammen mit Teamleiter Reichold bereits beschlossen. Man solle sich hier schließlich fühlen wie daheim.

