Gefährliche Orte in Cham: Wo Zebrastreifen nur trügerische Sicherheit bieten

Von Johannes Schiedermeier · 23. Januar 2025 um 19:00

Der Autofahrer hängt nach der Bremsung sichtlich im Gurt und winkt den Fußgänger einigermaßen freundlich über den Zebrastreifen. Eine Szene, die sich täglich dutzendfach an Chamer Fußgänger-Überwegen abspielt. Viele sind schlecht einsehbar, die Reaktionszeiten für alle Beteiligten sind rekordverdächtig. Warum ist das so?

Wir haben Bürgermeister Martin Stoiber und seinen Ordnungsamts-Chef Michael Bücherl mit den krassesten Beispielen konfrontiert, in denen die Überwege den gesetzlichen Vorgaben nicht entsprechen. Dort heißt es beispielsweise: „Bei Tempo 30 (gilt in der ganzen Innenstadt) muss der Fußgängerüberweg auf 50 Meter und der Wartebereich des Fußgängers auf 30 Meter erkennbar sein“. Oder: „Wo die Sichtweite durch Hindernisse eingeschränkt ist, ist die Sicht zum Beispiel durch in die Fahrbahn vorgezogene Aufstellflächen (Gehwegverbreiterungen) sicherzustellen.“

Kaum Reaktionszeit

Zu den schwierigsten Stellen für alle Beteiligten gehören die beiden Überwege, die am Platz der Menschlichkeit hinter der Stadtbücherei liegen. Einer führt direkt hinter der Mauer auf den Zebrastreifen, den anderen trennen nur etwa zwei Meter Gehweg von der Fahrbahn. Die Autofahrer und Busse kommen entweder über das Gefälle in flottem Tempo von der Schanze oder aus Richtung Spitalplatz, wo man überhaupt keine Sicht hat.

Hier kündigt Bürgermeister Stoiber Verbesserungen an: Im Zuge der Spitalplatz-Sanierung wird die Mauer in Richtung Schanze geschlossen. Für die Fußgänger, die aus dem anderen Durchlass bisher direkt auf die Straße treten, wird es eine vorgezogene Aufstell-Insel geben, die auf Kosten der Fahrbahn errichtet wird und Autofahrer zwingt, schon vor der Kreuzung auf die Bremse zu gehen.

Es wird bei Bauarbeiten nachgebessert

Damit deckt sich Stoibers Aussage auch mit der Darstellung seines Ordnungsamtsleiters. Michael Bücherl weist darauf hin, dass die Fußgängerüberwege alle ordnungsgemäß beschildert, markiert und nachts ausreichend beleuchtet seien. Allerdings existierten sie zum Teil schon seit vielen Jahren und entsprächen oft nicht den neuen Richtlinien. Die Stadt werde aber bei neuen Baumaßnahmen regelmäßig nachbessern, verspricht er. Der Leiter des Ordnungsamtes weist jedoch darauf hin, dass an jedem Überweg eine Sichtbeziehung zwischen Autofahrer und Fußgänger möglich sei. Der Fußgänger müsse sich aber auch vergewissern, dass der Pkw-Lenker ihn tatsächlich gesehen hat und abbremst. In der Innenstadt gelte ohnehin an allen Fußgänger-Überwegen eine Tempo-30-Beschränkung.

Bücherl weiter: „Auch sind erfreulicherweise seit Jahren polizeilich keine Unfälle mit Fußgängern registriert und dokumentiert. Bei gemeinsamen Verkehrsschauen mit Landratsamt (Untere Straßenverkehrsbehörde) und Polizei wurden die Fußgängerüberwege nicht beanstandet.“

Querungshilfe nach schwerem Unfall

Autofahrer müssten innerorts jederzeit mit Fußgängerverkehr rechnen und sich durch ihre Fahrweise und Bremsbereitschaft so verhalten, dass eine Gefährdung ausgeschlossen ist. Fußgänger andererseits könnten nicht blindlings auf ihr Vorrecht an Fußgängerüberwegen vertrauen, sondern müssten sich vergewissern, dass sie die Fahrbahn gefahrlos überqueren können.

So funktioniert das allerdings nicht immer. So wurde am 14. September eine 81-jährige Frau von einem Auto angefahren und schwer verletzt, als sie in der Further Straße die Fahrbahnseite von der Tankstelle zur Stadthalle wechseln wollte. Das passierte an einer Stelle, an der schon länger Bürger von der Stadt einen Zebrastreifen fordern.

Zu geringe Fußgänger-Frequenz

Das ist aber laut Stadt dort nicht möglich. Umgesetzt werden laut Bücherl nur Überwege, die die Sicherheit und Leichtigkeit des Verkehrs verbessern. Sie werden in Absprache mit der Polizei umgesetzt. Im konkreten Fall seien die notwendigen Querungszahlen nicht gegeben. Hier hat Stoiber aber eine andere Lösung im Auge: Im Zuge der Umsetzung des Fahrradkonzeptes soll eine Insel geschaffen werden als Querungshilfe für Fußgänger.

Glosse

Gut getarnte Zebrastreifen

Von Johannes Schiedermeier

Er ist 72 Jahre alt, wurde in England geboren und „zebra crossing“ getauft. Die Deutschen haben ihn 1952 erstmals in Berlin aufgemalt. In der Amtssprache hieß er nun „Dickstrichkette“ und war selbstverständlich genormt: weiß, 2,30 Meter lang, 50 Zentimeter breit, 50 Zentimeter Asphalt dazwischen. 1954 hat dann die Hamburger Polizei die Aktion „Zebra“ gestartet und das Viecherl auf eine Plakette drucken lassen. Die Abkürzung stand für „Zeichen eines besonders rücksichtsvollen Autofahrers“.

Gerne hätte ich an dieser Stelle nun darauf hingewiesen, dass es in Cham eher um den Tarneffekt geht. Sie wissen schon: Streifen lassen die Konturen verschwimmen... Das würde erklären, warum Zebrastreifen so oft übersehen werden. Doch die Wissenschaft hat jetzt herausgefunden, dass die Streifen diesen Effekt gar nicht hergeben und nur vor blutsaugenden Insekten schützen. Was nun? Die Lösung kommt aus Island: Wenn ein Fußgänger kommt, nimmt der Zebrastreifen durch einen 3D-Effekt die Form eines Hindernisses an und die Autofahrer halten. Bis wir die Idee aber deutsch genormt haben, werden wir wohl noch lange weiter als Fußgänger vorsichtig ums Eck schauen müssen.

Eine 81-jährige Fußgängerin wurde am 14. September 2024 angefahren und schwer verletzt, als sie von der Tankstelle zur Stadthalle wollte. Die Feuerwehr sicherte die Unfallspuren für die Polizei durch einen Pavillon und einen Schlauch gegen den Regen. Für einen Überweg gibt es hier zu wenig Frequenz, sagt die Stadt. Foto: FFW Cham