Wird bestens integrierter Iraner nach zehn Jahren abgeschoben, weil er zu kurz verheiratet war?

Wer mit Sina Noroozi sprechen möchte, muss früh dran sein. Der Iraner hat zwei Jobs – und wenig Zeit. Am Telefon meldet er sich mit „Servus“ und beginnt zu erzählen. Von seiner Flucht, wie er in Deutschland ankam – und warum ihn die Bundesrepublik nun wieder loswerden will. Der bestens integrierte Mann soll abgeschoben werden – weil er zu kurz verheiratet war.
„Ich bin am 7. Dezember 2015 nach Deutschland gekommen“, sagt der 27-Jährige. „Im Iran hatte ich Probleme mit dem Staat, wegen meiner Religion.“ Sein Vater habe noch versucht, das Problem zu lösen, scheiterte allerdings. „Deshalb bin ich raus“, sagt er. Seine Familie sah er danach fast ein Jahrzehnt nicht mehr. Vergangenes Jahr besuchte er den Iran erstmals wieder.
In Deutschland hat er sich in der Zwischenzeit ein Leben aufgebaut. Anfangs habe er das als hart empfunden. „Ich durfte sechs Monate nicht arbeiten.“ Er lernte die Sprache und ergatterte einen Ausbildungsplatz bei einem Friseur. Nur: Das hatte er schon im Iran gelernt. Es wurde ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt, schon seit Vater ist Barbier gewesen. Dazu kam: „Das Geld reichte einfach nicht zum Leben.“
Kampf gegen die Schulden
Noroozi fing neu an, er wagte den Sprung in die Selbstständigkeit – und lernte seine Frau kennen. Eine Deutsche mit iranischen Wurzeln. Er zog zu ihr nach Regensburg. Im Juni 2021 heiratete er sie. Anfangs lief noch alles gut, doch dann zogen dunkle Wolken am Horizont auf. Noroozis Geschäft funktionierte nicht, er machte Schulden. Und auch seine Beziehung ging nach sechs Jahren in die Brüche. „Es hat irgendwann einfach nicht mehr geklappt.“ So sei das halt manchmal zwischen Mann und Frau, sagt Noroozi. Im August zog er aus.
Er stand plötzlich mit nichts da. Keine Frau, kein Geld, Schulden. Er beschloss, den Kopf nicht in den Sand zu stecken – und fing an zu arbeiten. „Ich habe eine Sieben-Tage-Woche.“ Zum einen steht er bei BMW am Band, zum anderen arbeitet er in einem Café in der Regensburger Innenstadt. „Das sind meine Schulden. Und meine Schulden zahle ich selbst.“
Im Dezember musste Noroozi seine Aufenthaltsgenehmigung verlängern. Er fuhr ins Landratsamt, um dabei auch mitzuteilen, dass seine Ehe in die Brüche gegangen ist. Im Landratsamt wurde ihm eröffnet: Er soll abgeschoben werden. Der entsprechende Beschluss liegt der MZ vor. Dort heißt es: „Bei der persönlichen Vorsprache am 19.12.2024 wurde Ihnen erläutert, dass Ihr Aufenthaltstitel aufgrund der Trennung nicht verlängerbar ist.“ Ein anderes Aufenthaltsrecht komme nicht in Betracht. Weiter führt das Landratsamt aus, dass eine Ehe mindestens drei Jahre bestehen müsse, damit ein Ehegatte ein eigenständiges Aufenthaltsrecht bekommen kann. Heißt im Klartext: In den Augen des Landratsamts war Noroozi zu kurz verheiratet, um in Deutschland bleiben zu dürfen.
Aber Moment: Noroozi hat seine Frau im Juni 2021 geheiratet, im August 2024 ist er ausgezogen – das sind mehr als drei Jahre Ehe. Das Landratsamt schreibt allerdings: „Der ehebedingte rechtmäßige Aufenthalt beginnt mit der Erteilung des Aufenthaltstitels.“ Und der wurde Noroozi im November 2021 erteilt. In den Augen des Landratsamts war der 27-Jährige also nur zwei Jahre und neun Monate verheiratet.
„Habe Steuern gezahlt“
Wie kann das sein? Ein Sprecher des Landratsamts betont, dass die Behörde seinerzeit den Aufenthaltstitel nicht ausgestellt hat. „Wieso die seinerzeit aktenführende Ausländerbehörde diesen Zeitraum für die Ausstellung des Aufenthaltstitels benötigte, kann das Ausländeramt unseres Hauses nicht beurteilen.“ Das Aufenthaltsgesetz sehe jedenfalls keinen Zweckwechsel von Ehe zu Beruf oder dergleichen vor. „Im Fall von Herrn Noroozi sieht das Gesetz vor, dass er den Schengenraum verlässt.“
Der 27-Jährige findet das unfair. „Ich bin ja nicht seit gestern hier. Ich habe mir hier mein ganzes Leben aufgebaut.“ Er habe die Aussicht, im Februar in seinem Job bei BMW fest übernommen zu werden. „Ich bin nicht abhängig vom Staat, habe in knapp zehn Jahren nie Scheiße gebaut.“ Er habe all die Jahre brav Steuern gezahlt. „Das zählt jetzt anscheinend nicht mehr. Das ist doch nicht logisch!“
Der 27-Jährige versteht die Welt nicht mehr. „Am Bahnhof die ganzen Drogendealer, die haben alle einen deutschen Pass. Und ich, der sich immer Mühe gegeben hat, kriege keinen.“ Noroozi hat sich nun Hilfe geholt. Kurz vor Weihnachten war er beim Anwalt, ihm bleibt eine Klage beim Verwaltungsgericht – Ausgang: offen. Stand jetzt muss Noroozi Deutschland am 20. Januar verlassen. Wie es jetzt weitergeht? Er weiß es nicht.