Aus Berlin in den mittelalterlichen Turm

Von Katharina Kellner · 9. Januar 2025 um 17:00

Der neue Turmschreiber von Sulzbach-Rosenberg ist Lyriker. „Ich werde als eine Art Einhorn gesehen“, sagt Ozan Zakariya Keskinkılıç über sich.

MZ: Sie sind der zweite Turmschreiber nach Tomer Dotan-Dreyfus. Wie kam es dazu?

Ozan Zakariya Keskinkılıç: Tatsächlich bin ich über die Interviews, die Tomer Dotan-Dreyfus gegeben hat, auf das Stipendium aufmerksam geworden. Er schien eine sehr schöne Zeit in Sulzbach gehabt zu haben. Mein Verleger Dincer Gücyeter vom Elif Verlag hat mich vorgeschlagen. Über die Zusage im November habe ich mich extrem gefreut. Zum ersten Mal trete ich so ein Residenz-Stipendium an. Das ist aufregend für mich. In dieser Ecke von Deutschland war ich noch nicht. Einen Monat im Turm zu leben – ich glaube, die Atmosphäre macht sehr viel mit dem Schreiben.

Für vier Wochen tauschen Sie Berlin mit einer 20.000 Einwohner-Stadt.

Keskinkılıç: Das wird gut. In Berlin ist alles sehr selbstreferenziell. Ich finde es wichtig, hier rauszukommen und zu sehen, dass das nicht die Welt ist. Worauf ich gespannt bin: die Stadt und ihre Geschichte kennenzulernen, zu sehen, wie sich dieser Ort einschreibt in meine Gedichte. Eine Rolle spielen könnte die jahrhundertealte jüdische Präsenz, die es in Sulzbach gab. Oft hat man den Eindruck, da ist ein „muslimischer“ Autor, der schreibt über „muslimische“ Themen. Aber so einfach ist die Welt nicht. Wir sind viel mehr als diese eine Erwartung, die Menschen an uns haben.

Viele Menschen haben Vorbehalte gegen Lyrik – vielleicht, weil sie in der Schule damit gequält wurden. Wie kamen Sie zur Lyrik?

Keskinkılıç: Ich kann das sehr gut nachvollziehen, wenn man in der Schulzeit nicht so eine schöne Erfahrung hatte mit Lyrik. Ich selbst dachte lange Zeit, die ersten Gedichte hätte ich im Deutschunterricht gehört. Dabei war mein Anfang der Koran, dafür gab es in der Schule keinen Raum, ich lernte Lyrik über den Islam kennen. Selbst wenn du als Kind noch nicht lesen kannst, ist die Rezitation ja allgegenwärtig. Erst spät habe ich begriffen, dass der Koran ein großer poetischer Text ist, der durch Gesänge und Riten lebendig gehalten wird.

Inwiefern?

Keskinkılıç: Er vermittelt nicht einfach nur eine religiöse Botschaft, sondern es kommt auch auf die Form an, auf die Geschichte: Wie ist sie kulturell und künstlerisch tradiert worden? Und das zu einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der die Poesie einen sehr großen Stellenwert bekommen hat, wo politische und soziale Verhältnisse ausgehandelt werden auch in Form der Lyrik. Das heißt, es ist kein Zufall, dass der Koran auch diese poetische Sprache verwendet und aufgreift. Sprachlich und stilistisch ist es sehr faszinierend. Dieses Thema war für mich über die Jahre hinweg sehr verdeckt, weil das Islamische in Deutschland tabuisiert und auch dämonisiert ist. Es gibt weiterhin eine sehr einfache Erzählung über den Islam. Dass der Islam eine sehr künstlerische und literarische Kultur hervorgebracht hat, ist hier nicht Teil der öffentlichen Erzählung. Deshalb hat die Realisation bei mir erst spät begonnen, als ich mich nochmal anders meiner eigenen Geschichte und meinen Erfahrungen in Deutschland angenähert habe. Das hat, glaube ich, mein lyrisches Schreiben stark geprägt auch aus diesen Archiven schöpfen zu können und sich zu fragen, wie komme ich an dieses poetische Erbe heran und wie kann ich das umformen.

Welches Projekt nehmen Sie sich als Turmschreiber vor?

Keskinkılıç: Ich sitze an einem zweiten Gedichtband. Wie in „Prinzenbad“ geht es um queere Intimität und queere Sexualität, aber auch um Themen wie Religiosität, Islam und den Versuch, diese verschiedenen kulturellen, religiösen, geographischen Archive zu verbinden zu einer neuen Erzählung. Als Brücke zu diesen Themen gibt es eine Geschichte als Grundlage: Da geht es um einen Elefanten, der im Jahr 798, vor 1220 Jahren, nach Aachen kam.

Wie kam es dazu?

Keskinkılıç: Er war ein Geschenk des abbasidischen Kalifen Harun ar-Raschid an Kaiser Karl den Großen. Isaak von Narbonne, ein jüdischer Kaufmann und Dolmetscher, brachte ihn nach Aachen. Es ist unklar, wie lange er am Hof überlebt hat, woran er gestorben ist oder ob er in einem Feldzug eingesetzt wurde.

Was fasziniert Sie daran?

Keskinkılıç: Diese Migrationsgeschichte. Dass es diesen weißen Elefanten tatsächlich gab, der diesen langen Weg durchschreitet über die Alpenpässe bis ins fränkische Reich und in Aachen landet – aus Bagdad! Und dass hier jüdische, christliche und islamische Präsenzen zusammenkommen. Gleichzeitig weben sich Mythen um diese Geschichte. Deshalb dachte ich: Warum nicht versuchen, die Geister dieses Elefanten heraufzubeschwören, die Sphären zu verbinden, so dass sich Zeit, Ort und Geographie auflösen? Ich greife die Figuren, Elefant Abul Abbas, Harun-ar-Raschid, Karl den Großen und Isaak von Narbonne auf — ich schreibe sie um und in die Gegenwart ein. Die Referenzen verwebe ich so, dass der Geist des Elefanten auch um die U8 herumgeistert.

Das ist angeblich Berlins gefährlichste U-Bahnlinie.

Keskinkılıç: Ja. Oder er nimmt eine Art menschliche Figur an und sucht Cruising Areas im Tiergarten auf – Orte, an denen Männer sich nachts begegnen. Mit diesen Geschichten versuche ich, anders heranzugehen an die Frage von queerer Sexualität, von Zugehörigkeit, von Religiosität. Das hat mich gereizt: So eine Art Menschheitsgeschichte zu erzählen über ein Tier. Aber es geht auch um andere Erzählungen – wie Schahmaran aus der anatolischen Mythologie. Sie ist halb Mensch, halb Schlange. Ich gehe auf Spurensuche nach Mischwesen in verschiedenen Kulturen und Geschichten und ich erschaffe neue. Beim queeren Schreiben geht es darum, sich eindeutigen Kategorien zu verweigern und eine neue Erzählung zu schreiben.

Stichwort Mischwesen: In Texten über Sie heißt es, Sie verkörperten Unvereinbares: Wissenschaftliches versus lyrisches Schreiben, queere Sexualität versus Islam, Wissenschaftler versus Aktivist versus religiöser Mensch. Was entgegnen Sie?

Keskinkılıç: Manchmal werde ich als eine Art Einhorn beschrieben, als Fabelwesen also. Das schmeichelt einerseits: Meine Existenz verwirrt andere derart, dass sie gar nicht als real empfunden werden kann. Aber ich bin echt und nicht die einzige Person, die solche Erfahrungen bündelt. Es sagt sehr viel über das soziale Umfeld aus, wie man wahrgenommen wird. Da geht es weniger darum, wer ich tatsächlich bin als wer ich für andere sein soll. Man denkt: Muslimisch, religiös und gleichzeitig queer, progressiv – das passt nicht zusammen. Viele haben den Drang, alles ganz eindeutig einzusortieren. Dabei ist es gut, nicht immer alles verstehen zu können. Das ist es, was unsere Gesellschaft spannend macht.

Und wie sehen Sie sich selbst?

Keskinkılıç: Ich bin vieles gleichzeitig und alle Teile prägen sich gegenseitig. Meine wissenschaftliche Arbeit dringt ein in meine künstlerische Arbeit und andersherum. Doch es gibt wenige Räume, die uns Hybridwesen in all unseren Facetten aufgreifen. Deswegen suche ich immer wieder verschiedene Räume auf, weil ich merke: Ein Raum allein reicht nicht für meine Existenz.

Autor und Rassismus-Forscher:Stipendium: Das Literaturarchiv und die Stadt Sulzbach-Rosenberg vergeben jährlich ein einmonatiges Arbeitsstipendium für Prosa- oder Lyrikveröffentlichungen, die sich vor der Fertigstellung befinden. Ozan Zakariya Keskinkılıç schreibt im Mai 2025 in einem mittelalterlichen Turm und wird mit 2000 Euro Preisgeld unterstützt.

Vita: Keskinkılıç, geboren 1989, ist Politikwissenschaftler, freier Autor und Lyriker. Sein Forschungsschwerpunkt ist unter anderem der antimuslimische Rassismus. Sein Sachbuch „Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes“ (Verbrecher Verlag) erschien 2023. Sein Lyrik-Debüt war der Gedichtband „Prinzenbad“ (Elif-Verlag, 2022).