Klimakleber kleben nicht mehr – Hat sich der Strategiewechsel der Letzten Generation gelohnt?

Von Philip Hell · 29. Dezember 2024 um 15:00

Die Letzte Generation ist am Ende – zumindest in ihrer bestehenden Form. Die Klimaaktivisten haben einen Neustart angekündigt. Schon in diesem Jahr hatte die Gruppe einen Strategiewechsel hinter sich: Die Klimakleber kleben nicht mehr. Sie setzen auf neue Formen des Protestes – auch in Regensburg.

Ein Mittwochabend an der Arcaden-Kreuzung. Es ist 17 Uhr und stockdunkel. Ein Dutzend meist junger Menschen in Warnwesten hält Banner hoch. Es sind Mitglieder der Letzten Generation, die seit einem dreiviertel Jahr hier jede Woche demonstrieren. Die Kundgebungen sind Teil des Strategiewechsels – und der Grund, warum Sebastian Mederer zur Letzten Generation gekommen ist.

Sprecher der Letzten Generation in Regensburg: Blockaden? Gerechtfertigt!

„Das Festkleben hätte ich mir nicht vorstellen können“, sagt der neue Sprecher der Aktivisten in Regensburg. „Das wäre mir zu viel persönliches Risiko gewesen. Ich fand die Straßenblockaden in Anbetracht der Klimakatastrophe aber angemessen.“ Seit März setzte die Letzte Generation auf Ungehorsame Versammlungen. Die Aktivisten kamen zusammen, demonstrierten und blockierten den Verkehr – nur ohne kleben. Ist das weniger radikal? Mederer winkt ab. „In meinen Augen ist es radikal von der Politik, nicht zu handeln, obwohl man seit Jahrzehnten von der Klimakatastrophe weiß.“ Die neuen Demonstrationsformen hatten laut Mederer eine weitere Auswirkung: „Wir sind deutlich mehr geworden.“ Vor einem halben Jahr sei die Letzte Generation meist mit zehn Menschen auf der Straße gewesen. „Heute sind es schon deutlich mehr.“ Ende November, erinnert sich Mederer, habe es ganz besonders ekelhaftes Regensburger Herbstwetter gehabt. „Kalt, nass und eklig – trotzdem waren 30 Leute da. Das gibt einem schon Kraft.“ Die Letzte Generation wollte zugänglicher werden. „Für Regensburg hat das gut funktioniert.“

Während Mederer diesen Satz sagt, fährt ein Auto vorbei. Der Fahrer hupt – auch das gehört zur Wahrheit. Bei den Protesten werden die Mitglieder zum Teil kritisiert, zum Teil angepöbelt. Vor einer Versammlung Anfang Dezember am Dachauplatz versuchten Altstadtkaufleute, die Demonstration verbieten zu lassen – ohne Erfolg. Mederer will sich von alle dem nicht abhalten lassen. „Ich stehe für meine Überzeugungen ein, damit wir eine gute Zukunft haben. Dafür lass ich mich auch anhupen.“ Außerdem seien die Reaktionen milder geworden, findet Mederer. „Ist ja auch klar. Wenn da fünf Leute stehen, die pöbelt man eher mal an, als wenn da 30 stehen.“ Kaum hat Mederer ausgesprochen, hupt schon wieder ein Autofahrer.

Auch wenn die Klebe-Blockaden der Vergangenheit angehören, bisweilen holen sie die Aktivisten auch wieder ein. Simon Lachner, ehemaliger Sprecher der Letzten Generation in Regensburg, wurde Anfang des Jahres zu einer Haftstrafe verurteilt – er ging in Berufung. Nun muss das Landgericht entscheiden. Immer wieder nehmen Regensburger Aktivisten auf Anklagebänken Platz – das wird sich trotz Strategiewechsel nicht ändern.

Letzte Generation in Regensburg legt kurze Winterpause ein

Denn: Ein wenig kleben die Aktivisten doch noch. Im Sommer blockierte die Regensburgerin Ronja Künkler so Flughäfen in Deutschland. Im MZ-Interview verteidigte sie die Aktionen. „Ich finde die Flughafen-Blockaden nachvollziehbarer als die Straßenblockaden. Flughäfen sind ein Symbol der gegenwärtigen Ungerechtigkeit.“

Die Verfahren wirken sich auch auf die Gruppe aus, sagt Sprecher Mederer auf der Arcaden-Kreuzung, während gerade ein fetter Mercedes mit wummernden Bass vorbeifährt. „Es macht was mit einem, wenn Freunde vor Gericht stehen.“ Die Proteste an den Arcaden sollen weitergehen, sagt Mederer. „Eigentlich müssen wir demonstrieren, bis wir endlich klimaneutral sind.“ Auch vor der Bundestagswahl soll es Proteste geben. Jetzt steht aber eine Winterpause an. „Wir wollen der Polizei und der Bevölkerung zwei Wochen Pause gönnen.“ Mederer verspricht: „Wir kommen wieder.“ Dann halt nicht mehr als Letzte Generation − die ist schließlich am Ende.

Dauerprotest: Im Juni campierten Aktivisten 24 Stunden am Jakobstor.
Abflug: Simon Lachner wird bei einer Ungehorsamen Versammlung abgeführt.
Yannik Seuthe und Ronja Künkler blockierten Landebahnen.