44 Jahre war Rainer Wagner im Rathaus Waldmünchen: „Es waren 44 gute Jahre!“

Von Martin Hladik · 28. Dezember 2024 um 19:00

44 Jahre lang war der Geiganter im Rathaus beschäftigt. Mit uns hatte er über seine Erfahrungen und Erinnerungen und vor allem über die Veränderungen, die er erlebt hat, gesprochen. Weisheiten will er nicht verteilen, Gedanken hat er sich trotzdem gemacht.

Mitte Dezember ist Rainer Wagner als Hauptamtsleiter aus dem Dienst im Waldmünchner Rathaus ausgeschieden. 44 Jahre lang war der Geiganter im Rathaus beschäftigt. Wir wollten mit ihm eine andere Geschichte als die übliche bei solchen Anlässen über Verdienste und Erfolge machen, sondern eine über Erfahrungen und Erinnerungen und vor allem über die Veränderungen machen, die einer erlebt hat, der 44 Jahre im Rathaus Waldmünchen gearbeitet hat. Nach etwas Zögern war der frischgebackene Ruheständler bereit, mit uns darüber zu sprechen.

Vermutlich ein Grund warum Wagner eher zögerlich in unser Gespräch ging, kommt zur Sprache, als ich ihn frage, ob er jungen Menschen, die jetzt einen Beruf beginnen, etwas raten könne. Das lehnt er schlicht ab und sagt: „Jeder hat ein Anrecht darauf, seine eigenen Fehler zu machen!“ Im Nachsatz sagt er dann aber mit dem für ihn typischen Lächeln, „Er sollte aber auch aus Erfahrung lernen!“

Völlig ohne Computer

Als er vor 44 Jahren im Rathaus anfing, gab es im Rathaus „keine Technik, keinen Bildschirm“ oder ähnliches, Computer und Drucker seien erst irgendwann gekommen. Die Zeit vor Weihnachten sei damals immer besonders stressig gewesen, weil das ganze Rathaus damit beschäftigt gewesen sei, rechtzeitig die Lohnsteuerkarten für alle Einwohner fertigzumachen.

Die Digitalisierung im Rathaus sei ein langer Prozess. Die Digitalisierung habe für die Bürger manches vereinfacht – Wagner denkt an den QR-Code zur Bestellung der Briefwahlunterlagen – aber manches sei auch schwerer geworden, weil für den Bürger leichter Fehler zu machen seien – zum Beispiel bei Bauanträgen. Bei aller Digitalisierung werde die Beratung nicht ersetzt, sagt er. Deswegen sei das Rathaus in Waldmünchen „offen und zugänglich“. „Wir haben jeden Tag einen langen Donnerstag“, und meint damit die Ansprechbarkeit seiner Kollegen. Für ihn sei die „Dienstleistung im Mittelpunkt gestanden“. „Bei uns kann man immer vorbeischauen. Das macht das Arbeiten schwieriger, aber das ist positiv für den Bürger.“

Zurück zur Digitalisierung. Ein Versprechen habe sie sicherlich nicht erfüllt: Das papierlose Büro. Das Gegenteil sei der Fall. Es werde vieles ausgedruckt. „Vielleicht ist das aber auch eine Generationsfrage“, sagt Wagner. Er habe jedenfalls gerne etwas in Händen gehabt.

Über das Thema Papier kommen wir auf Vorschriften zu sprechen. „Ist eine Vorschrift weg, kommen zwei neue“, sagt Wagner in seiner trockenen Art. Dass es mehr Vorschriften gebe, sei aber sicher nicht die Schuld der EU. Wagner vermutet eher ein nationaltypisches Phänomen für Deutschland: „Wir verkopfen alles!“ Tatsächlich verursache aber der Bürger selbst ein en Teil der entstehenden Bürokratie. Der Anspruch sei zwar weniger Bürokratie, aber wenn es dann um ein konkretes Problem gehe, dann sollen schnell genaue Regelungen her. „So tappen wir immer wieder selber in die Falle.“

Gerade deswegen sagt Wagner: „Verwaltung ist notwendig und kein Selbstzweck!“ Besonders wichtig ist ihm nach 44 Jahren in einem Rathaus „das Recht der kommunalen Selbstverwaltung“. Was beschreibt, dass sich eine Kommune, so wie sie es für richtig hält, um ihre Belange kümmert. Durch die vielen Zuschüsse werde diese Selbstständigkeit aber teilweise ausgehebelt, sagt der ehemalige Verwaltungschef. Denn Zuschüsse seien immer an Bedingungen geknüpft.

Wenn man eines als seinen Leitsatz verstehen will, dann sei es Unaufgeregtheit, gibt Wagner zu verstehen. Man müsse aus dem Rückblick lernen. Monate später denke man wahrscheinlich anders über ein Thema. Wichtig sei es einen Überblick zu behalten und Ruhe zu bewahren. „Die Zeiten waren schon immer herausfordernd“, sagt Wagner.

Bei allen Herausforderungen ist Wagner für seinen Humor bekannt. Man darf sich nicht zum Clown machen, sagt er über sich selber, „aber bei aller Sachlichkeit“ helfe Humor bei der Arbeit und erleichtere manches. Gleiches gelte für die Ehrlichkeit. Die erspare „diplomatische Verzerrungen“ und das spare Zeit.

Dass diese Art des bodenständigen Pragmatismus etwas ist, mit dem Wagner zumindest gern sein Handeln begründet, ist auch in andern Äußerungen zu spüren. So sagt er mit hörbarem Schalk in der Stimme, dass er ja eigentlich unflexibel sei. Schließlich sei er 44 Jahre beim gleichen Arbeitgeber gewesen. Immer als Angestellter wie er betont, nie als Beamter. Für ihn sei das nie ein Job gewesen, sondern immer abwechslungsreich. Wichtig war ihm dabei auch die Nähe zum Wohnort. Er selber habe für sich zum Leitspruch genommen, was der frühere Bundespräsident Roman Herzog gesagt habe: „Nicht nachlassen!“

Standorttreu geblieben

Dass er seinem Beruf 44 Jahre treu geblieben und dabei so „standorttreu“ gewesen sei, habe vielleicht etwas mit seiner Kindheit zu tun. Er sei auf einem kleinem Bauernhof aufgewachsen und habe ihn anfangs auch noch mit bewirtschaftet. Da sei eine heimatnahe Arbeit wichtig gewesen. Für ihn, so sagt er, wäre Landwirt „auch ein toller Beruf “ gewesen. Abschließend meint er nur: „Die 40 Jahre waren 40 gute Jahre.“

Zurück zum Anfang. Vor 44 Jahren gab es zwar noch keine Computer im Rathaus, aber es habe eine unausgesprochene Kleiderordnung gegolten. Er wisse, dass er damals mit Sakko und Hemd zum ersten Arbeitstag gekommen sei. Heute werde das eher locker gesehen. Eins sei ihm aber geblieben: „Ich bin ein Hemdtyp!“