Starkregen über Kelheim: Ein Schuhladen säuft ab – der Inhaber schreibt große Verluste

Von Martin Rutrecht · 30. Dezember 2024 um 05:01

Johannes Döllinger stand in einem See. Als er am 12. Juli 2024 seinen Schuhladen betrat, stand das Geschäft unter Wasser. Ein außergewöhnlicher Starkregen war auf Kelheim niedergegangen – Keller, Tiefgaragen und Straßen gingen unter, auch andere Geschäfte. Die Betroffenen und auch die Feuerwehr eint eine Sorge: Dass es wieder passiert.

Zehn Zentimeter hoch stand das Wasser im Schuhmode-Laden von Geschäftsführer Döllinger in der Kelheimer Donaustraße. Schuhe und Kartons am Boden sogen sich voll. „Was kaputt war, haben wir entsorgt, andere Schuhe gespendet“, berichtet er. Glücklicherweise gab es keine Schäden an den Regalen. Aber der Boden ist hinüber. Er wird im Januar 2025 erneuet. „Wir rechnen mit Kosten von gut 5000 Euro, die aber der Hauseigentümer trägt.“

Mit Nasssaugern, Schrubbern und Trocknungsgeräten beförderten die Mitarbeiter die etwa 2000 bis 3000 Liter Wasser aus dem 120 Quadratmeter großen Geschäft. Durch die Eingangstür und auch von hinten ins Lager drang die Flut, die nach dem Starkregen am Freitag, 12. Juli 2024, zwischen 2 und 3 Uhr auf der Straße stand.

Sämtliche Schuhe gingen reduziert raus

Döllinger entschloss sich nach dem Wassereintritt sämtliche Ware – auch völlig unbeschädigte – reduziert zu verkaufen. „Dadurch hatten wir einen Verlust von rund 40.000 Euro.“ Viele Kunden kamen, erzählt der 33-Jährige, viele bekundeten Solidarität. Heute vermisst er den Zustrom auf seinen und andere Läden in der Altstadt. Döllinger spricht von „mehr Lebensqualität“, wenn man dort einkaufe, wo man lebe und auch sein Umfeld habe.

Leicht schräg gegenüber war auch das Café Buk betroffen. „Bei uns hat es das Wasser bei der Eingangstür durch die Dichtungen und unten durch gedrückt“, schilderte Pächter Johannes Rabl. Um den Laden trocken zu legen, musste der Boden rausgenommen werden. Nach der Trocknung wurde er wieder eingesetzt.

Auch Einkaufscenter und Gymnasium betroffen

Im Kelheimer Einkaufscenter (EKC) mussten einige Geschäfte vorübergehend schließen. Der heftige Regen war dort über das Dach ins Innere gedrungen. Auch die Kellerräume des Donau-Gymnasiums liefen voll. Selbst Schüler packten mit an, um das Wasser rauszuschaffen. Überall liefen Trocknungsgeräte auf Hochtouren.

Leidtragende waren schließlich auch viele Privatpersonen, deren Keller oder Tiefgaragen im Wasserschwall ertranken. Kelheims Feuerwehr-Kommandant Bernhard Kleiner zählte 200 Einsätze in dieser Nacht und den Morgenstunden. „Ich kann mich an eine Tiefgarage erinnern, die 1,50 Meter unter Wasser stand.“

Wasserdruck hebelt massive Brandschutztür auf

Neben der Altstadt zogen sich Schäden durch Ortsteile wie Bauersiedlung, Affecking, Hohenpfahl, Kelheimwinzer und Weltenburg. Am eindrücklichsten blieb bei Kleiner ein Ereignis in einer Pumpstation in der Franz-Pfaffenberger-Straße haften. „Da hat der Wasserdruck eine Brandschutztür aufgebogen – und das ist eine massive Tür.“

Wie heftig das Gewitter war, erläuterte der Deutsche Wetterdienst. „Eine derartige Niederschlagsintensität tritt statistisch gesehen einmal in 35 Jahren auf“, sagte Lothar Bock vom Regionalen Klimabüro in München. Innerhalb einer Stunde brachte die Gewitterzelle eine Niederschlagsmenge von 20 bis 35 Litern pro Quadratmeter. „Ein Großteil ging in nur 20 Minuten nieder.“ Außer Kelheim war im Landkreis nur noch Oberndorf betroffen, wo die Feuerwehr auf rund 30 Einsätze kam.

Kanalisation fasst die Regenmenge nicht mehr

Die Kanalisation konnte die gewaltige Regenmenge nicht mehr fassen, ergab die Ursachenforschung. Über Kanaldeckel drückte das Wasser hoch. In der Regensburger Straße wölbte sich wie schon beim Hochwasser einige Wochen zuvor die Asphaltdecke an einer Stelle. Zudem waren Sinkkästen und Gullys von Blättern verstopft, auf einzelnen Straßen stand das Wasser bis auf 40 Zentimeter Höhe. Wenige Tage später hob die Wucht durch neuerlichen Regen Kanaldeckel aus, etwa am Herzberg.

„Für solch außergewöhnliche Regenereignisse sind unsere Kanäle nicht ausgelegt“, erklärte Thomas Ederer, Technischer Leiter beim Abwasserzweckverband Kelheim. Und die Kanalisation größer zu dimensionieren, sei schlichtweg unbezahlbar.

Vorkehrungen für ähnliche Ereignisse

Für FFW-Kommandant Kleiner ist ein ähnliches Starkregen-Ereignis in Zukunft nicht abwegig. „Man kriegt ja über die Nachrichten mit, wie oft das in anderen Regionen mittlerweile passiert.“ Kelheim sei durch eine „Kessel-Lage“ prädestiniert, dass sich eine „Superzelle“ abregnet. Über ein Starkregenmanagement der Stadt können Grundstückseigentümer mögliche Gefahren erkennen und Schutzmaßnahmen ergreifen.

Vorkehrungen will auch Johannes Döllinger treffen. „Diese Nacht im Juli beschäftigt uns immer wieder.“ Vorgesehen sei, an der Eingangstür auf Bodenhöhe eine Verschlussklappe anzubringen, die ein Eindringen des Wassers verhindert. „Wir können nur hoffen, dass es im Ernstfall hilft. Aber niemand weiß, welchen Weg sich das Wasser dann sucht.“

Johannes Döllinger verkaufte alle Schuhe mit Rabatt. Foto: Rutrecht
Am Herzberg schoss wenige Tage später nach neuerlichem Regen eine Fontäne aus einem Kanaldeckel. Foto: Armin Stocker