Heftige Gewitter: „Superzelle“ beschert in Kelheim viel Arbeit und Ängste

Von Beate Weigert · 18. Juli 2024 um 19:00

Vor einer Woche ist Kelheim sprichwörtlich „abgesoffen“. Binnen nicht einmal einer halben Stunde quoll so viel Regen vom Himmel, dass Dächer wie Kanäle den Dienst quittierten. Seither haben Privatleute, Bauhof oder auch Flussmeisterei alle Hände voll zu tun. Dabei waren die Flutschäden von Anfang Juni noch gar nicht aufgearbeitet.

Nicht nur Geschäftsleute und Bürger, auch Kelheims Stadträte treibt die „Superzelle“, die sich vor allem über Weltenburg und Kelheim entleerte, immer noch um. Im Hauptausschuss bewegte nicht nur das Erlebnis an sich, es stellte sich auch die Frage, ob Bürger vor solch einer Lage besser gewarnt werden könnten.

Eine „Wand von Wasser“

Warnapps wie Nina hätten angeschlagen, sagte Bürgermeister Christian Schweiger. FW-Stadtrat Heribert Schwindl fragte, ob man nicht noch effektiver warnen könne. Am Rande der Sitzung zückte er sein Handy und zeigte, wie in der Nacht vor einer Woche eine „Wand von Wasser“ über seinem Haus niederging. Wie vielen Kelheimern ging es ihm nass rein. Mancher hat immer noch Wasser im Keller, wie ein 84-Jähriger aus dem Bereich Rennweg.

Als die Wassermassen die Dachrinne überforderten, quoll der Regen über ein Fenster in den Keller. Während beim Juni-Hochwasser das Grundwasser in ein Zimmer drückte, stand diesmal der ganze Keller unter Wasser, so der Senior.

Bürgermeister Schweiger ging im Ausschuss davon aus, dass das heftige Gewitter vom 11. auf 12. Juli „größere Schäden verursacht hat, als das Hochwasser“. Des Weiteren warnte er: „Es war großes Glück, dass niemand im betroffenen Gebiet im Keller geschlafen hat. Wenn sich so eine Situation anbahnt, raus aus den Kellern, das ist brandgefährlich.“

Während privat aufgeräumt wird, hat auch Kelheims Bauhof alle Hände voll zu tun. Maria Meixner (SPD) fragte in der Sitzung, ob die Sinkkästen in Weltenburg bald geleert werden könnten. Wie sich am Dienstag vor der Sitzung zeigte, seien immer neue starke Gewitter mit Starkregen an der Tagesordnung – und die Kanäle vielerorts immer noch dicht. Schweiger warb um Verständnis und „nahm das Bauhof-Team in Schutz: Die Sinkkästen sind überall noch voll“. Alles würde nach einander abgearbeitet.

Wucht des Wassers hebt Kanaldeckel aus

Für die Straßenabläufe – sprich die rechteckigen Gullys, die Sinkkästen und die Zuleitungen zum Kanal sei in der Regel der Straßenbaulastträger zuständig, sprich in vielen Fällen in Kelheim eben die Stadt, nicht der Abwasserzweckverband (AZV), erklärt Thomas Ederer, Technischer Leiter beim AZV.

Gerüchte, dass Pumpen ausgefallen seien, „stimmen nicht“. Weder beim Hochwasser noch den Gewittern sei beim AZV etwas kaputtgegangen. „Wenn etwas ausfällt, kriegen wir das umgehend mit.“ Zudem sei eine Bereitschaft rund um die Uhr im Einsatz. Beim Gewitter zuletzt sei in die Pumpstation in der Franz-Pfaffenberger-Straße Wasser eingedrungen. „Die Pumpen sind aber weiter gelaufen, die Feuerwehr pumpte die Station leer.“ Am Dienstag habe die Wucht des Wassers auch einige Kanaldeckel ausgehoben, etwa am Herzberg. Sie wurden zeitnah wieder eingelegt. Generell könnten bei extremem Starkregen die Regenmassen nicht so schnell abgeführt werden. „Für solch außergewöhnliche Regenereignisse sind unsere Kanäle nicht ausgelegt. Die Leute meinen immer, man müsse sie nur größer bauen. Das könnte aber keiner bezahlen“, so Ederer. In vielen, vor allem älteren Privat-Häusern seien zudem fehlende oder lange nicht gewartete Rückstauverschlüsse ein Manko.

Seit dem Hochwasser vor sechs Wochen ist wie der Bauhof auch das Team der Flussmeisterstelle in Neustadt neben der regulären Arbeit mit Aufräumen beschäftigt. Vor allem in der Weltenburger Enge, aber auch in Bad Abbach oder an der Abens sind die neun Mann um Ulrich Menacher im Auftrag des Wasserwirtschaftsamts im Einsatz.

100 Kubikmeter Totholz

Allein 100 Kubikmeter Totholz holten sie bislang aus der Weltenburger Enge. Vieles passierte in enger Abstimmung mit Staatsforsten und Stadt, denn die Eigentumsverhältnisse „springen dort hin und her“.

Die Flutfolgen seien „schlimmer als erwartet“ ausgefallen, ein 50-jährliches Hochwasser sei schon „eine Größenordnung“. Mehr als „80 Prozent“ der Schäden an Wegen und Ufern seien aufgearbeitet, schätzt Menacher. Bislang konnte alles von „Land aus“ erledigt werden, kommende Woche will man per Boot und transportablen Seilwinden bei der Kanuinsel eine gefährliche Stelle beheben. Die „Superzelle“ bescherte zusätzliche 14 Tage Arbeit, sagt Menacher. Im Gros dürften dabei aber vor allem Bäche und Gräben betroffen gewesen sein, nicht die Donau. Dort war der Abfluss der lokal sehr begrenzten Starkregens quasi nicht messbar. Bis Anfang August will Menachers Team „durch sein“. Kies wurde bislang nur vor Kloster Weltenburg wieder eingebaut. Wie sich die Kiesverfrachtung unterhalb der Wasseroberfläche ausgestaltet könne man erst ab einem Wasserstand von 2,25 Meter sehen. Davon ist man aktuell noch weit entfernt.

Zurück zur Frage des Warnens: Noch 2024 soll das Starkregenfrühalarmsystem FAS anlaufen. Es beinhaltet laut Fabian Gruner vom Ordnungsamt, dass an neuralgischen Gräben Pegelsensoren eingebaut werden. Kommt es zu kritischen Marken, werde FAS über Apps wie Nina warnen. Ob es im Fall der „Superzelle“ etwas gebracht hätte, sah etwa der Bürgermeister skeptisch.

Wasserfontänen am Herzberg: Auch vergangenen Dienstag waren einige Kanäle im Stadtgebiet durch die immense Regenmenge in kurzer Zeit überfordert. Am Herzberg wurde der Deckel ausgehoben, das Wasser quoll in Fontänen wieder heraus. Foto: Armin Stocker
Viele Gullys in Kelheim sehen aktuell so aus. Für ihre Reinigung und die der Sinkkästen darunter ist vielfach die Stadt zuständig.
Wege im Donaudurchbruch waren nach dem Hochwasser unterspült, Bäume umgestürzt oder angeschwemmt. Die „Superzelle“ bescherte dem Wasserwirtschaftsamt 14 Tage zusätzliche Aufräumarbeit.
An die 100 Kubikmeter Totholz haben die Männer der Flussmeisterstelle Neustadt, seit dem Hochwasser unter anderem aus der Weltenburger Enge geborgen. Ein Teil davon lagert derzeit am Pflegerspitz in Kelheim.