Künstlerin Yevgenia Belorusets spricht in Regensburg über den ukrainischen Kriegsalltag und ihre Zweifel

„Ich möchte eigentlich keinem höheren Ziel dienen“, sagt die Künstlerin Yevgenia Belorusets im Evangelischen Bildungswerk Regensburg. Die international bekannte Fotografin und Schriftstellerin ist unter anderem mit dem Kunstpreis der Akademie der Künste Berlin und den Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet.
Seit Beginn des russischen Krieges in der Ukraine berichtet sie in Bildern und Texten vom Alltag in Kiew, vom Leben in Kriegszeiten und davon, wie sich eine Gesellschaft an den Ausnahmezustand gewöhnt. Im Vortrag und in einer Gesprächsrunde zum internationalen Tag der Menschenrechte, organisiert von der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuroopastudien und Kunstknoten, wurde es am Dienstag auch für Belorusets mitunter schwer zu sprechen.
„Als ich begonnen habe, das Kriegstagebuch zu schreiben, habe ich noch gedacht, dass es kein ganzes Buch werden könnte“, sagt sie. Die ukrainische Öffentlichkeit sei damals davon ausgegangen, dass der Kriegszustand nicht länger als zwei oder drei Wochen andauern könnte. Das Buch ist schon lang erschienen. Belorusets führt kein Tagebuch mehr, sie widmet sich mittlerweile konkreteren Recherchen, über die sie in Regensburg zum ersten Mal öffentlich spricht.
Wehrdienst für arme Bevölkerung Pflicht
Es ist unter anderem die Geschichte ihres Kollegen Artur Snitkus, ein queerer Künstler aus Lwiw, die sie erzählt. „Er kam aus der ärmeren Schicht im Land und war damit sehr ungeschützt“, erklärt Belorusets. Denn der Wehrdienst war in der Ukraine schon vor dem Krieg vor allem für den armen Teil der Bevölkerung Pflicht; wer es sich leisten konnte, kaufte sich frei.
Snitkus kehrte in seiner Zeit beim Militär Straßen und wurde damit Offizier. Wie viele andere Männer, wollte auch der schmächtige Künstler nicht zum Militär. „Jeder in unserem Freundeskreis wusste, dass er nie ein Gewehr in der Hand gehalten hatte.“ Smitkus sollte trotzdem eingezogen werden.
Keine Pressefreiheit
Das ukrainische Militär steht unter enormem Druck. Es fehlen nicht nur Waffen, sondern vor allem Soldaten für die Front. Die Informationen, die zur Bevölkerung durchdringen, glauben viele nicht mehr. „Es gibt in der Ukraine keine freie Presse mehr“, bestätigt Antje Himmelreich, Lehrbeauftragte an der Universität Regensburg für russisches und ukrainisches Recht, im EBW. Denn bestimmte Menschenrechte – auch das Recht auf Informationsfreiheit – dürften im Krieg eingeschränkt werden. Dem gegenüber steht die Bürgerpflicht zur Verteidigung des Staates, die die ukrainischen Verfassung festschreibt.
Yevgenia Belorusets setzt sich dokumentarisch mit diesem Konflikt auseinander. Ihre Fotografien zeigen Männer, die sich vor der Mobilisierung verstecken, sie zeigen wie Menschen unter Schreien in Kleinbusse geprügelt werden. „Es ist schwer für mich“, sagt sie. „Denn ich möchte niemandem schaden.“ Deshalb zensiert sie ihre eigenen Bilder, kann andere gar nicht veröffentlichen. Werden ihre Freunde und Kollegen erkannt, droht ihnen ein Ende wie Artur Snitkus.
Tagsüber sind keine Männer zu sehen
Der Pianist konnte zwei Mal entkommen. „Es gibt eine Jagdmethode, bei der Wild aufgeschreckt und in die Nähe der Jäger geführt werden soll“, erzählt Belorusets. „Wie ich herausfand, sperren die Polizei und die Mitarbeiter der Mobilisierungszentren die wichtigsten Straßen in den Städten ab – der Verkehr wird für mehrere Stunden gestoppt. Alle Männer in den Bussen, Autos und Straßenbahnen werden kontrolliert und wer keine passenden Mobilisierungsdokumente bei sich hat, wird in die Kleinbusse gezerrt.“ In einigen Städten seien tagsüber deshalb keine Männer mehr zu sehen.
Beim dritten Mal entkam Artur Snitkus nicht mehr. In einem Handyvideo ist zu sehen, wie er sich schreiend wehrt, bis er im Bus verschwindet. „Er wurde schnell in den Donbass geschickt. Dort ist er nach einer Woche gefallen.“
Belorusets hatte gezögert, von dieser Seite des Krieges zu erzählen. „Wir haben Angst, dass diese Informationen missbraucht werden“, berichtet sie in Regensburg. Auch viele Journalisten und Menschenrechtsaktivisten würden noch mit sich hadern. „Bitte geht verantwortungsvoll damit um“, bittet die Künstlerin das Publikum am Ende ihres Vortrags.
Eigene Werke verhandeln
Auf ein Graffito in Berlin mit dem Schriftzug „Das ist nicht unser Krieg“ antwortete Belorusets mit einer Fotografie eines anderen Graffitos. „Das ist mein Krieg“, steht darauf, das „mein“ ist zwei Mal durchgestrichen und neu geschrieben. Ausgestellt wird die Fotografie aktuell im Museum für Neue Kunst in Freiburg. Belorusets verhandelt ihre eigenen Werke, die sich an die deutsche Öffentlichkeit richten. Wie die Kritik an der Mobilisierung rezipiert wird, hat für die Künstlerin große Auswirkungen. Was Belorusets berichtet und darstellt, muss seit dem 24. Februar 2022 einem höheren Ziel dienen.
