Von „Zwerg“ bis Senior: Musikschule Schwandorf hat einen Bildungsauftrag für jedes Alter

Die Musikschule Schwandorf spricht jedes Alter an: Während am Vormittag die 99-jährige Martha Gottschalk im Elisabethenheim mit Musikgeragogin Anja Paulus begeistert singt und trommelt, sammeln am Nachmittag bei den „Musikzwergen“ Kinder von eineinhalb bis vier Jahren erste Erfahrungen.
„Herzlich willkommen, schön, dass wir da sind“, singen Musikgeragogin Anja Paulus und die acht Senioren, die an diesem Vormittag im Schwandorfer Elisabethenheim zusammengekommen sind. Die Dozentin von der Musikschule Schwandorf bietet immer donnerstags für alle Heimbewohner eine Stunde an, in der gemeinsam gesungen und musiziert, gewitzelt und gelacht wird. Was so leicht daher kommt und den Senioren offensichtlich viel Freude bringt, hat eine fundierte wissenschaftliche und pädagogische Basis.
Musikgeragogik ist eine Fachdisziplin im Schnittfeld von Musikpädagogik und Geragogik (Alterspädagogik), die sich mit musikalischer Bildung im Alter sowie mit musikbezogenen Vermittlungs- und Aneignungsprozessen beschäftigt. Für Anja Paulus (43) ist sie eine Herzensangelegenheit. Für Peter Neff, den Leiter der Musikschule Schwandorf, ein wichtiger Baustein, um den Auftrag der Stadt Schwandorf, eine Bildungseinrichtung für jedes Alter zu sein, zu erfüllen.
Denn während am Vormittag die 99-jährige Martha Gottschalk in der Stunde mit Anja Paulus begeistert mitsingt und trommelt, sammeln am Nachmittag bei den „Musikzwergen“ mit Leiterin Bettina Grünemeyer Kinder von eineinhalb bis vier Jahren erste musikalische Erfahrungen. „Es ist unser Auftrag, eine Musikschule für alle zu sein“, betont Peter Neff und sieht darin auch einen Grund für die breite Unterstützung, die die Einrichtung im Schwandorfer Stadtrat habe.
In Schulen und KiTas werden rund 230 Kinder gefördert
Neff selbst leitet zum Beispiel eine Gesangsklasse mit 17 Schülern im Alter von 13 bis 83 Jahren. Insgesamt werden aktuell 253 registrierte Schüler in Instrumental- und Vokalfächern sowie Elementarer Musikpraxis (EMP) unterrichtet. Dazu kommen rund 230 Kinder, die in Kooperationen mit Schulen (Singklassen und Blockflötenkreise) und KiTas (Musikalische Früherziehung) geschult werden.
Die Früherziehung ist bereits ein Schwerpunkt der Arbeit der Musikschule Schwandorf, die Musikgeragogik ein Bereich, den man künftig noch ausbauen wolle. Im Elisabethenheim hat Anja Paulus, die eine eineinhalbjährige Ausbildung an der Musikakademie Hammelburg und der Musikhochschule Würzburg zur Musikgeragogin (FH) absolviert hat, in den vergangenen zwei Jahren schon treue Fans gewonnen. Angelika Zuckschwert ist eine davon. „Es ist wunderschön, ich bin jede Woche dabei“, sagt die 69-Jährige, die blind ist. Das hält sie aber nicht davon ab, kräftig mitzusingen und auf ihre Lieblingstrommel, zwei kleine Bongos, zu schlagen. Auch beim Bewegungslied macht sie – wie die ganze Gruppe mit fünf Frauen und drei Männern – begeistert mit. Es wird geklatscht und gepatscht, geboxt, die Beine gestreckt.
Gemeinsam singen wird mit kleinen Rätseln verbunden
Sprechen, Singen und Bewegen sind die drei elementaren Bausteine in jeder Stunde. Die heutige steht unter dem Motto „Lachen ist die beste Medizin“ und Anja Paulus fragt, wer ein Lied kennt, in dem das Wort „lustig“ vorkommt. „Lustig ist das Zigeunerleben“ ist der erste Vorschlag – und alle stimmen ein. Anja Paulus begleitet die Lieder heute auf dem Mini-Piano, sonst hat sie meistens ihre Gitarre dabei. „Jetzt kommen die lustigen Tage“ ist die nächste Idee. „Das haben wir schon immer in der Schule gesungen“, erinnert sich Martha Gottschalk und stellt sich mit ihren 99 Jahren als sehr textsicher heraus.
„Singen ist gut für die Seele“, sagt Angelika Zuckschwert. „Singen ist gut für Körper und Seele“, greift Anja Paulus den Gedanken auf. Aber schon wird wieder gesungen, denn „Freut Euch des Lebens“ wurde in die Runde geworfen. Es folgt ein Mitsprech-Gedicht, das Anja Paulus vorliest, die Reimworte werden jeweils von den Senioren ergänzt. „Ob im Viereck oder Kreise, jeder tanzt auf seine – Weise“.
Angebot ist für die Heimbewohner kostenlos
„Welche Redewendungen fallen uns mit Freude oder Lachen ein?“ Die Musikgeragogin gibt ein bisschen Hilfestellung, aber dann kennen die Teilnehmer doch einige: sich biegen vor Lachen; Humor ist, wenn man trotzdem lacht,... Die Stunde vergeht wie im Flug. Schon ist es Zeit für das Schlusslied: „Muss i denn zum Städtele hinaus“. Anja Paulus packt die Orff- und Rhythmus-Instrumente, die Klangbausteine, die bunten Tücher und ihr Mini-Piano wieder ein.
Die Ausrüstung bringt sie teils aus der Musikschule mit, wo Paulus Quer- und Blockflöte unterrichtet, teils hat sie das Elisabethenheim angeschafft. Die wöchentliche „Musikstunde“ ist ein kostenloses Angebot an alle Bewohner, finanziert über das Heim, die Stadt Schwandorf und den Freistaat Bayern. Anja Paulus und Peter Neff wünschen sich, dass Musikgeragogik künftig auch in weiteren Heimen und Einrichtungen durchgeführt werden kann. Denn mit diesem musikalischen Angebot erreiche man viele Senioren, auch an Demenz erkrankte.
„Plötzlich platzt der Knoten, weil gerade dieses Lied jemanden erreicht und bewegt“, berichtet Anja Paulus von ihren Erfahrungen. Ihr „Schlüsselerlebnis“ habe die 43-Jährige mit ihrer Großmutter gehabt. Die Oma sei zum Ende ihres Lebens kaum noch ansprechbar gewesen, aber sie habe auf Lieder reagiert, die sie früher zusammen gesungen haben.
Projekt mit den Jüngsten und Ältesten als Wunsch
„Die Leute haben so eine Freude, sie blühen in der Stunde richtig auf“, erzählt die Anja Paulus von der Gruppe im Elisabethenheim. Beeindruckend sei auch, wie viele Liedtexte die Senioren auswendig können, und zwar nicht nur den Refrain, sondern oft vier oder fünf Strophen. In ihrer Ausbildung habe sie gelernt, dass musikalische Fähigkeiten, die man jung erlangt habe, im Gehirn verankert blieben – auch bei Demenz.
Anja Paulus brennt für die Arbeit mit den Senioren. Wenn „die Leute so gut darauf ansprechen“ und manchmal Fähigkeiten wieder zutage treten, die verloren schienen, dann ist das eine schöne Bestätigung für die Arbeit der 43-Jährigen. Sie versucht, immer wieder Neues anzubieten. Außerdem würde sie gern einmal die Generationen zusammenführen – also ein gemeinsames Projekt mit den Jüngsten und den Ältesten der Musikschule auf die Beine stellen.
Die Jüngsten, das sind die Musikzwerge, die sich ebenfalls donnerstags unter der Leitung von Musikpädagogin Bettina Grünemeyer treffen. Kinder im Alter von eineinhalb bis vier Jahren mit einer erwachsenen Begleitperson kommen wöchentlich in den Räumen der Musikschule im Schwandorfer Bahnhof für eine Dreiviertelstunde zusammen. Auch hier sind Singen, Sprechen und Bewegen die Bausteine.
Nach dem bekannten Begrüßungslied, in dem alle Kinder direkt mit Namen angesprochen werden, hat Bettina Grü-nemeyer etwas Neues mitgebracht. Die Kinder haben sie schon entdeckt, die kleine Weihnachtsbahn, die in der Mitte ihres Kreises steht. Sie dreht erst einmal eine Runde, so dass alle sie näher betrachten und das neue Lied „Die Wi, die Wa, die Weihnachtsbahn“ kennenlernen können. Dieses begleitet die Kinder eine ganze Zeit lang, denn Bettina Grünemeyer hat dazu auch noch einen Kniereiter und ein Bewegungsspiel vorbereitet.
Den Grundstein bei den Musikzwergen legen
Musik in der Gruppe wahrnehmen und erleben, auf verschiedenen Ebenen und mit allen Sinnen, das können die Teilnehmer bei den Musikzwergen. Schon in der frühesten Kindheit könne man den Grundstein für musikalische Bildung legen, sagt Bettina Grünemeyer, deren Schwerpunkt Elementare Musikpädagogik ist. Sie gibt den Erwachsenen viele Anregungen mit, die sie zuhause mit den Kindern umsetzen können: Lieder, rhythmische Verse oder Kniereiter. Bei den Musikzwergen sind aktuell noch Plätze frei. Wer Interesse hat, kann auch erst einmal zu einer Schnupperstunde kommen.
An diesem Donnerstag hat Bettina Grünemeyer auch noch ein weißes Säckchen dabei. Sie lässt die Kinder fühlen und raten, was drin ist. Kastanien? Walnüsse? Erdnüsse? Es sind Walnüsse – und die werden zu Instrumenten umfunktioniert. Die Kinder, die Mütter und eine Oma klopfen die Nüsse zusammen, klopfen damit auf den Boden. Schließlich lassen die Kleinen sie über das Xylophon rollen – und freuen sich über die Töne, die sie so erzeugen.
Es sind noch Plätze frei für die Jüngsten bei der Musikschule
Musikzwerge: Angesprochen sind Kinder von etwa eineinhalb bis vier Jahren mit einer Begleitperson. Der Kurs findet donnerstags von 15 bis 15.45 Uhr in den Räumen der Musikschule im Bahnhof statt.
Info und Anmeldung: unter 0171/2 10 92 30 oder über das Kontaktformular unter musikschuleschwandorf.de.
