Im Alter ward der Orthopäde Dr. Eberhard Liss ein Dichter und veröffentlicht sein erstes Buch

Eigentlich ist Dr. Eberhard Liss ja Orthopäde. „Gerade, aufrecht“, das sind die altgriechischen Begriffe, die seinen Beruf kennzeichnen. Privat hat der Facharzt aber ein Faible für die nicht ganz so geradlinige Lyrik, und das schon seit sehr vielen Jahren.
„Verserl“ nennt Liss das gerne, was ihn schon seit seiner Schulzeit, vermehrt ab dem Studium, beschäftigt habe. Postkarten in Versform aus dem Urlaub, Spontan-Dichter unter den Kommilitonen. Am Anfang „natürlich sehr einfach“, wie er selbst sagt, und bisweilen wohl auch altersgemäß vielleicht ein wenig zotig.
Der Kunst selbst ist er aber bis heute treu geblieben, war schon in jungen Jahren Mitglied in Vereinigungen wie der Schlaraffia, die sich seit dem 19. Jahrhundert der „Pflege von Freundschaft, Kunst und Humor“ verschrieben hat. Aktuell ist er bei den „Schreiberlingen“ aktiv.
Sammlung seit den 1980ern
Seit Ende der 1980er Jahre sei die Liebe zu seinen „Gedichterln“ größer, er selbst so versiert geworden, dass er viele davon auch schriftlich aufgehoben habe – und so lagen über viele Jahre viele Gedichte in der Schublade. Nun hat sich Liss dazu entschieden, wenigstens einige davon zu veröffentlichen. Ein Verlag war schnell gefunden, nämlich die Turmgeschichten in Bad Kötzting. Wie lange es gedauert hat, den Titel zu finden, ist nicht bekannt, doch treffend ist er: „Im Alter ward ich Dichter“ heißt das Buch, das es ab sofort nicht nur bei den Turmgeschichten, sondern auch in der Buchhandlung Oexler zu kaufen gibt.
Die Themen, die Eberhard Liss darin anspricht, sind „querbeet“, wie er selbst sagt. Den meisten ist aber durchaus auch heute immer noch der Schalk der frühen Jahre anzumerken, etwa wenn es im Gedicht mit dem Titel „Was wäre, wenn ...?“ am Schluss heißt: „Noch was – gäb’s diese Frage nicht, gäb’s sicher auch nicht dies’ Gedicht.“ Oder etwa, wenn es in „Die Frau des Gärtners“ darum geht, wie sich über ein Leben lang die Beziehung zu einer Gärtnerin entwickelt.
Da jedes Leben ganz ernst und unweigerlich mit dem Tod endet, schließt das Gedicht etwas ernst (aber eben nicht zu ernst) mit den Worten: „Und eines – hoff’ ich – fernen Tages, steht auf dem Hügel meines Grabes, oft jemand, der gießt, hackt und kreucht, es ist Frau Hartmann, wie mir deucht. So wird sogar der Tod genossen, werd’ von Frau Hartmann ich begossen.“
Seine Gedichte kennzeichnet auch, dass sie keine „im Deutschen typischen Wortmonstren“ enthielten, sagt Liss. Der Hang dazu gefalle ihm selbst auch in populärer deutscher Musik nicht sonderlich. Auch, dass moderne Lyrik „mehr wie Prosa“ daherkomme, sei nicht sein Stil – er lege Wert auf die Versform, auf die sich seine Leser ab sofort freuen könnten. Eine gute Portion Selbstironie sei natürlich immer mit dabei und werde auch vom Leser verlangt – und ob das am Ende dann gefällt, das „muss jeder für sich selbst entscheiden“, sagt Liss.
Gedichte nicht für Schublade
Warum er seine Werke gerade jetzt herausgebracht hat, das erklärt er an der Stelle, an der ansonsten in Büchern gerne eine Widmung steht, unter der Überschrift „Warum“ selbst: „In seiner eigenen Blase bleibt, wer für sich selbst Gedichte schreibt. Vielleicht hat man viel mehr vom Leben, wenn man sie kann zum Besten geben.“
• Lesung: Wer sich die vom Dichter selbst vorgetragenen Werke einmal anhören möchte, hat dazu am Mittwoch, 11. Dezember, im Bahnhof Kötzting Gelegenheit. Einlass ist bei freiem Eintritt ab 19.30 Uhr, Beginn der Lesung um 20 Uhr.