Medaillenregen für Regensburger Physik-Guru Franz J. Gießibl

Von Michael Scheiner · 3. Dezember 2024 um 17:00

Er ist ein Meister von großen, richtig großen Zahlen und von allerkleinsten Räumen. So klein, dass ein menschliches Auge niemals hineinsehen kann. Dr. Franz Gießibl, Professor für experimentelle und angewandte Physik an der Regensburger Uni, guckt sich die Oberflächen von Silizium und anderen Materialien an und schaut sogar in Atome hinein. Jetzt erhielt er gleich mehrere besondere Auszeichnungen in Japan.

Auf diese Weise erkundet er das Innere der kleinsten Bausteine des Lebens und der Umwelt. Dazu nutzt der im Chiemgau geborene Wissenschaftler die sogenannte Rasterkraftmikroskopie. Damit können die Oberflächen von kleinsten Partikeln und Proben abgetastet oder als Schwingungen gemessen werden.

Ein solches spezielles Mikroskop funktioniert ähnlich wie ein Schallplattenspieler. Nur eben im Nanometerbereich – und damit kommen die großen Zahlen ins Spiel, denn ein Nanometer ist so kurz wie ein Milliardstel Meter.

Regensburger entdeckt das Innere eines Atoms

Eine der Entdeckungen, die Gießibl damit Anfang der Nuller Jahre gemacht hat, ist ein Bild vom Inneren eines Atoms. Veröffentlicht in der international renommierten Zeitschrift Science, brachte ihm diese zigfach vergrößerte Abbildung von Elektronenwolken in einem Atom die andauernde Verbindung mit Gerhard Richter ein, einem der bekanntesten Künstler der Welt. Richter hatte das Foto in einer Frankfurter Zeitung gesehen und durch Vergrößerung aus dieser Meldung eine Edition „Erster Blick (2000)“ geschaffen. Mit einer Widmung versehen, hängt dieser Druck heute zwischen Modellen von Molekülen, Zeitschriften und vor dem vollen Schreibtisch im Büro des Wissenschaftlers. Später hat Richter eine weitere Arbeit mit dem Bild eines Modells einer rekonstruierten Silizium-Oberfläche in kleiner Auflage geschaffen. Umgekehrt hat sich Gießibl zum 90. Geburtstags des Künstlers mit einem Buch revanchiert, das vor zwei Jahren erschienen ist.

Besondere Verbindung zu Gerhard Richter

Die beiden Männer verbindet nicht nur, dass sie beide Bilderfinder sind, die dann die Welt erweitern und bereichern. Sie haben auch ähnliche Interessen und sind neugierig. „Wie macht man das“, hat sich Gießibl die Frage gestellt, den Wert einer Sache sichtbar zu machen. Auslöser war seine Mutter, eine Malerin, die durch Bemalen von Flaschen zum Familieneinkommen beigetragen hat. Abends beim Fernsehen hat sie, erinnert sich der 62-Jährige, eine kleine Blüte auf einen Gebirgsenzian-Schnaps gemalt, für die sie jeweils 50 Pfennig bekommen hat. Zwischen diesem Minibetrag bis zu den 40 Millionen Euro, die das teuerste Bild von Gerhard Richter gekostet hat, „liegt ein Faktor“, überlegt der Physiker kurz, „von zehn hoch acht, also 100 Millionen“.

Es waren immer wieder solche und ähnliche Fragen, die schon den jungen Franz umgetrieben und dazu bewogen haben zunächst in München Feinwerktechnik zu studieren. Anschließend folgten ein Physikstudium in München und an der Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Diplom- und Doktorarbeit über Rasterkraftmikroskopie beim Nobelpreisträger Professor Dr. Gerd Binnig. Mehrere Jahre arbeitete er in den USA. Danach stieg das vierte von sieben Geschwistern wieder in die Forschung und Lehre ein, habilitierte in Augsburg und nahm 2006 den Ruf auf einen Lehrstuhl an der Uni Regensburg an.

Erfolgreicher Wissenschaftler aus Regensburg

Seither hat der sportliche Wissenschaftler, der gern mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen Ski und Fahrrad gefahren und geschwommen ist, eine ganze Reihe bedeutender Auszeichnungen und Preise erhalten. Ganz besonders stolz ist er auf die Heinrich Rohrer Medaille. Diese bekam er kürzlich vom Präsident der Japanischen Vakuum- und Oberflächengesellschaft zusammen mit der internationalen Fellowship in Kitakyushu in der südlichen Präfektur Fukuoka verliehen. Die Medaille ist nach einem Schweizer Physiker benannt, der mit Gerd Binning, Gießibls Professor in München, das Rastertunnelmikroskop entwickelt und dafür den Physik-Nobelpreis bekommen hat. Die Medaille wird nur alle drei Jahre vergeben.

Nur zehn Tage später, die der Regensburger Wissenschaftler mit der Arbeit an einem neuen Fachbuch verbrachte, wurde Gießibl erneut ausgezeichnet. Ebenfalls in Japan, in Tokio, überreichte ihm der Präsident des National Institute for Materials Science (NIMS) bei einem Festbankett die NIMS Medaille in Gold. Mit einer Dinnerrede bedankte sich der Geehrte und durfte dann die japanische Küche genießen, „die ich sehr schätze.“