Manchmal wird hier auch genäht: Im alten Bahnhofskiosk in Abensberg bleibt niemand alleine

Von Lucia Pirkl · 21. November 2024 um 15:00

Generationentreff Abensberg: Jeden Donnerstag gibt es im ehemaligen Bahnhofskiosk den Ratsch und viele Infos zum Kaffee dazu.

Es ist wie die Nadel im Heuhaufen. Gerade wollte Heinrich Hegen einen Faden durch das Nadelöhr ziehen. Aber die Nadel war widerspenstig und fiel zu Boden. Auf dem gemusterten Belag bleibt sie unauffindbar. Hegen lässt sich davon nicht beirren. Der 74-Jährige ist heute extra in den Generationentreff im ehemaligen Bahnhofskiosk gekommen. Denn heute steht „Kleine Näharbeiten – auch für Männer“ auf dem Programm. Schneiderin Barbara Trübswetter zeigt den Anwesenden, wie man einen Knopf so annäht, dass er auch hält, wie man kleine Löcher ausbessert oder auch mal einen losen Hosensaum wieder annäht – und zwar ganz ohne Nähmaschine.

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Die kleine Lehrstunde fällt bei Hegen auf fruchtbaren Boden. Seit seine Frau nicht mehr lebt, muss er das Nähen alleine wuppen. „Ich will nicht ständig meine Tochter fragen müssen.“ Findig ist er allemal: Als Trübswetter erklärt, dass es verschiedene Nähseiden gibt, will Hegen wissen, ob man auch mit einer dünnen Anglerschnur nähen könnte. Trübswetter verneint.

Selbstständig bleiben

Die Gästeschar besteht an diesem Tag vor allem aus Frauen, aber auch der eine oder andere Mann ist gekommen, darunter auch Michael Schindler. Er ist im erweiterten Gremium des Seniorenbeirats und hat Thekendienst. Aber dass heute auch genäht wird, kommt ihm sehr zupass. „Ich musste bei der Bundeswehr lernen, wie man Knöpfe annäht.“ Sich einfach ein Stück Selbstständigkeit zu erhalten, das sei der Beweggrund, warum er an diesem Nachmittag noch genauer hinhört, „ja, genau“, pflichtet ihm Hegen bei.

Die Männer üben, Knöpfe richtig anzunähen, der Daumennagel als Abstandhalter hilft, den Knopf nicht zu fest am kleinen Stück Stoff zu fixieren. Konzentriert sind sie bei der Sache: „Filigran ist des fei scho. Da geht’s an die Feinmotorik“, sagt Hegen, „da brauch’ ich ja drei Hände“. Trübswetter schmunzelt. Neben ihrer Änderungsschneiderei gibt sie oft Kurse, beispielsweise auch beim Frauenbund, „aber nach Corona ist das ein bisschen eingeschlafen“.

Für Hegen wiederum ist das Nähen, das Handarbeiten an sich fast neues Terrain: „Zu meiner Zeit war das eine Strafe, wenn man bei den Mädchen bei Handarbeiten nachsitzen musste“, erzählt er.

Trotz Handarbeitsunterricht, der früher vor allem für Mädchen Pflicht war: Dass Frauen per se mehr Liebe zum Nähen, Stricken oder Sticken haben, sich besser auskennen, ist freilich eine Mär.

Ein paar Meter weiter hat Sonja Bauer heute ihre Mama Anneliese begleitet und beweist damit einmal mehr, was der Treffpunkt auch sein soll, nämlich ein Treff der Generationen. „Es ist schön, wenn man mal was Neues lernt“, sagt die junge Frau. Bis vor ein paar Jahren war die Oma am Zug, „wenn mal was kaputt war, hat das immer sie genäht“, erzählt sie. Denn die hatte handwerkliches Geschick. Die Oma lebt nicht mehr, deshalb „muss man es jetzt selber machen und leichte Sachen, wie Löcher stopfen oder Knöpfe annähen, eben auch können“.

Neues Programm für 2025

Angebote wie diese kommen an im Generationentreff. Seit Beginn des Jahres wird der Treffpunkt am Bahnhof donnerstags nachmittags zum kleinen Café, bei dem die Begegnung, das Ratschen die Hauptsache sein soll. Ein Stück Kuchen gibt es freilich auch, die Atmosphäre ist gemütlich-gelassen.

Der Seniorenbeirat tüftelt schon am Programm für das nächste Jahr, Ende November wird es stehen. Nach knapp einem Jahr weiß man, was die Gäste interessiert: „Die einzelnen Themen werden ganz unterschiedlich angenommen“, sagt Seniorenbeiratsmitglied Gudrun Hofbauer. So seien beispielsweise im Oktober, als der Fahrkartenautomat am Bahnhof erklärt wurde, rund 30 Gäste gekommen.

Bei anderen Themen etwa, bei denen man glaubte, sie stießen auf großes Interesse, machten sich die Gäste eher rar. Mehr Gäste würde sich der Seniorenbeirat wünschen. „Es ist schon ein Stück weit auch eine Schwellenangst zu überwinden, wenn man alleine hier her kommt“, glaubt Albert Steber, Vorsitzender des Seniorenbeirats. Für so manche, so manchen sei das sicherlich auch ein großer Sprung. Der Generationentreff brauche einfach auch einen langen Atem, ist Steber überzeugt. Dran bleiben lohnt sich. „Es gibt ja so viele Leute, die alleine sind“, pflichtet ihm Hofbauer bei.

Zumindest in den paar Stunden an diesem Donnerstag legt die Einsamkeit eine Pause ein. Unter Menschen kommen, auch mal etwas Neues lernen, Hirn und Herz etwas Gutes tun: All das ist möglich im Generationentreff am Bahnhof.

Spiele, Demenzvorsorge und viel Spaß:

Fester Treffpunkt: Jeden Donnerstag von 14 bis 17 Uhr öffnen sich die Türen des Generationentreffs. Bei Kaffee und Kuchen kann man nett plaudern. Kommen kann jeder, in der Regel ohne Anmeldung und auch ganz spontan. Der Eintritt ist frei.

Kommende Termine: Am kommenden Donnerstag, 21. November, ist wieder Spielenachmittag mit Canasta, Schafkopf und Co. Am 28. November gibt es Infos zur Demenz-Vorsorge. Hierzu ist eine Anmeldung im Treff oder unter Tel. (0 94 43) 28 27 nötig, um etwas abschätzen zu können, wie viele Besucher kommen. Und am 5. Dezember präsentiert Stefan Satzl die Heimat von oben. Am 12. Dezember gibt es weihnachtliche Musik und Geschichten und am 19. Dezember ist noch einmal Spieletreff.

Michael Schindler hat an diesem Tag eigentlich Thekendienst. Aber wie man richtig einen Knopf annäht, das interessiert ihn dann auch.