Jung, genial und ohne Furcht: „Mozart!“ am Prinzregententheater

Von Sabine Busch-Frank · 18. November 2024 um 11:30

Mozartzeit ist heute, hier und jetzt: Die Bayerische Theaterakademie bringt das Erfolgsmusical auf die Bühne. Regisseur Andreas Gergen inszeniert klug und mit leichter Hand.

Hat jede Zeit den Mozart, den sie verdient? Waren sich Zeitgenossen noch uneinig, ob er Virtuose oder vielleicht doch auch ein ordentlicher Komponist sei, hat sich nach Mozarts frühen Tod sein Bild kontinuierlich gewandelt. Es wurde mit dem Nimbus des Wunderkindes versehen, auf das Podest des Genies gehoben, durch posthume Psychoanalyse demontiert, von der Forschung ausgeleuchtet. Der Mythos Mozart wurde künstlerisch neu belebt durch Romane, Filme – und ein Musical.

Das Musical stammt vom Erfolgsduo Sylvester Levay und Michael Kunze und wurde 1999 in Wien – wo sonst? – uraufgeführt. Nach 25 Jahren und vielen Stationen kommt es erstmals in München an. Für die jungen Darstellerinnen und Darsteller des Studiengangs Musical an der Theaterakademie ist das ein Glücksgriff. Strategisch klug beginnt der Abend auch nicht mit der Friedhofsszene, wie im Original, sondern das Ensemble fragt: „Was ist der Weg des Künstlers? Was ist mein Weg?“ Mozartzeit ist heute, hier und jetzt.

Regisseur Andreas Gergen und Team verzichten auf eine historisierende Ausstattung. Ihr Ensemble tritt in Unterwäsche auf und findet, wie zufällig, Versatzteile des Kostümbilds auf der Bühne. So bekommt Mozarts Schwester Nannerl einen pinken Petticoat, aus Teilen von Reifrücken werden Pferdeköpfe. Das Schuhwerk mit drei Streifen samt Tennissocke ist in Herzogenaurach beheimatet. Als Bühne hat Stephan Prattes eine so imposante wie funktionale Lösung aus Baugerüst und Drehbühne entwickelt. Dort hopsen güldene Mozartkugeln und es geht mit dem hochmotivierten Ensemble rund.

Die Titelfigur ist gleich vierfach vertreten, während das Musical eigentlich die Aufsplittung in Mozart, den Menschen, und Amadé, das Genie, vorgibt. Eine tolle Lösung, nicht nur weil so gleich drei hervorragende Darsteller die Hauptrolle geben. Amadé, ursprünglich mit einem Kind besetzt, wird durch eine Gliederpuppe verkörpert. Das funktioniert exzellent.

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Überhaupt ist die Regie klug, führt mit leichter Hand das Ensemble nach minuziös gearbeiteten Ausflügen in Solorollen wieder zusammen und sorgt dafür, dass der lange Abend immer aus einem Guss bleibt.

Es gibt viel Reizvolles, allen voran die Horrorfamilie der geldschneiderischen Webers, deren skrupellose Mutter (temperamentvoll: Melanie Maderegger) auch bei den Kardashians anheuern könnte. Ihr Küken Constanze (Laura Oswald) überrascht mit einem krassen Move von der Naiven zum koksschniefenden Partygirl und überzeugt mit ausdrucksstarker Stimme. Die Mozarts haben’s in sich: von der Schwester, dem im Schatten des Bruders stille Wut brütenden ewigen „Nannerl“ (Alida Will), über einen schön timbrierten Papa (Ehab Eissa) bis zu den drei Wolferln (Christian Sattler, Jens Emmert und Raphael Blinde) sind schöne Stimmen und überzeugende Darsteller zu entdecken. Den unklerikalen Erzbischof, optisch ein wilder Wiedergänger von Dschingis Khan, balanciert Teodor Pop stimmlich differenziert aus. Die sexy Baronin von Waldstätten (Madleen Dedering) überzeugt nicht nur, wenn sie teilentblößt im Fluggeschirr gen Schnürboden entschwindet, durch lebenskluge Ratschläge und ihre enorme Bühnenpräsenz.

Die Musik Mozarts wird nur spärlich zitiert, was Opernfreunden auffallen dürfte. Ausgerechnet die „Zauberflöte“ muss pars pro toto das Gesamtwerk vertreten. Rockige Songs und gefühlvolle Balladen sind angesagt, wobei nicht nur die von Dirigent Andreas Kowalewitz flott aufgefassten Ensemblestücke manchmal an Textverständlichkeit zu wünschen übrig lassen. Auch dass man sich in München hörbar schwer tut mit dem Österreichischen, ist bedauerlich und macht an einem Ausbildungsinstitut nachdenklich.

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Geschenkt. Das Musical geht um das Leben des Salzburgers, na klar. Vor allem aber variiert es das Thema einer Abnabelung von Eltern, die es gut meinen und doch oft nur besser zu wissen glauben. Es zeigt das Zerbrechen einer vielversprechenden jungen Generation an der Herausforderung des Erwachsenseins. Zeitloses also, das 1774 genauso aktuell war wie 250 Jahre später.

„Mozart!“ ist am Prinzregententheater München zu sehen, Karten: (089) 21 85 19 70.