Beim Kunstverein Graz: Auf der Suche nach die, der, dem Fremden

Die „Grazifikation“ in Regensburg öffnete sich für Beiträge von außen und zeigt über 100 Werke – von der Kinderzeichnung bis zur interaktiven Collage.
„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, konstatierte einst Karl Valentin. Im hintersinnigen Wortspiel mit Liesl Karlstadt ging er noch einen Schritt weiter und gab zu bedenken: „Manchem (…)“ – hier kann Regensburger statt Münchner eingesetzt werden – „zum Beispiel ist der Kneitinger nicht fremd, während ihm in der gleichen Stadt das Kunstforum Ostdeutsche Galerie, die Städtische Galerie und der Kunstverein Graz e.V. fremd sind.“
Regional angepasst, funktioniert das Zitat des Münchner Wortkünstlers bei der letzten Ausstellung von Graz in diesem Jahr. Seit Gründung des Kunstvereins 2002 ist die jahresendzeitliche Kunstschau „Grazifikation“ mit Arbeiten von Vereinsmitgliedern und einem engen Freundeskreis bestückt. Heuer haben die beiden Kuratorinnen Barbara Gaukler und Renate Christin den Kreis erheblich ausgeweitet. Es wurden soziale und Kunstvereine eingeladen, der Berufsverband Bildender Künstler, eine Grundschulklasse in Sinzing und Eltern aufgefordert, auch ihre Kinder mit in die Kunstproduktion einzubeziehen.
Die breite Öffnung ist dem Thema geschuldet, wird aber zugleich vom Anliegen getragen, viele Menschen zusammenzubringen und an die Kunst heranzuführen. „Fremde, der.die.das“ war die inhaltliche Vorgabe, die Größe eines DIN-A-5-Blattes die formale. Über 100 Arbeiten gingen ein.
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Viele beschäftigen sich figurativ mit Bildern und Narrativen von fremd erscheinenden Menschen und Situationen, wie sie in unseren Köpfen herumspuken. Darunter sind dunkelhäutige Menschen mit verbundenen Augen, Symbolbilder, lustige Farbstiftszenen, knallbunte Blumensträuße, Sehnsuchtsbilder von fremden Gestaden, gruselige oder freundliche Aliens. Es ist ein fantastisch breites Spektrum an Ideen, das an den Wänden der Vereinsgalerie sichtbar wird und Zeugnis gibt, wie sehr das Thema doch Menschen jeden Alters und Stellung beschäftigt.
Fast so vielfältig wie die kreative Umsetzung ist auch die Wahl der Mittel und Techniken, von der Bleistiftzeichnung, über Buntstifte, diverse Drucktechniken und Collagen, bis zu Assemblage, Fotografie, Aquarell und Bildcomposing. Einzelne Arbeiten herauszupicken, erscheint wahllos – und dennoch sticht das andere oder Werk hervor. Als interaktive Collage versteht Julius Cocuz seine Zeichnung/Collage „Verwandlung“. Beim mittig gesetzten Wort „Fremde“ lässt sich ein Teil des Buchstabens „m“ um 180 Grad drehen – heraus kommt dann „Freunde“. Ein Mitglied des Kunstvereins hat ihren über Jahre mühsam erkämpften Einbürgerungsbescheid, teils geschwärzt und mit einem Zitat aus dem Grundgesetz versehen, gerahmt und eingereicht.
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Bestechend auch die einfarbige Zeichnung, die den 2015 am Strand des Mittelmeeres halb im Wasser liegenden syrischen Jungen Alan Kurti zeigt, oder das Leben in futuristischen Wohntürmen, in denen man von der Welt abgeschottet lebt. Neben der Vielfalt an Motiven in farbintensiven, expressiven oder auch kitschigen Ausdrucksweisen ist der ökonomische Zugang zur Grazifiktions-Kunst ebenfalls einfach und niederschwellig. Preislich beginnen die Bilder bei gerade mal fünf Euro und enden beim Hundertfachen. Karl Valentin wusste es: Jeder Fremde, der sich fremd fühlt, ist ein Fremder, und zwar so lange, bis er sich nicht mehr fremd fühlt.
„Grazifikation“ ist bis 31. Dezember beim Kunstverein Graz (Rote-Hahnen-Gasse 6) in Regensburg zu sehen.
