Volle Schlagkraft im Katastrophenfall: Rettungsdienst-Leiter ziehen Bilanz nach Busunglück am DEZ

Der Einsatz beim Busunglück am Donau-Einkaufszentrum in Regensburg war eine koordinatorische Meisterleistung. Mehr als 40 Sanka waren vor Ort. Die offizielle Zahl der Einsatzkräfte lag über 175, ganz wichtig waren auch die ehrenamtlichen Kräfte.
Im Unglück muss man eben auch mal Glück haben. Zum Beispiel, dass einer der führenden Rettungsdienstler in jenem Stau stand, der durch das große Busunglück vor gut vier Wochen am Donau-Einkaufszentrum entstand. Auch wenn Nikolaus Hirschmann, Rettungsdienstleiter der Malteser, bis heute grübelt: Hat er alles richtig gemacht? Was hätte er anders machen können?
Das Busunglück in Regensburg war ein Großereignis, das die Rettungskräfte an die Kapazitätsgrenzen brachte. Doch zusammen mit seinen Kollegen Sebastian Gerosch vom BRK und Korbinian Oswald von den Johannitern erläutert Hirschmann, wie das Zusammenspiel funktionierte.
Über 40 Sanka vor Ort
Der Einsatz war, das steht heute fest, eine koordinatorische Meisterleistung. Mehr als 40 Sanka waren vor Ort. Die offizielle Zahl der Einsatzkräfte lag über 175, offiziell. „Es waren noch deutlich mehr, ein Drittel waren Ehrenamtliche“, sagt Oswald. „Natürlich ist das Hauptamt hauptamtlich abgedeckt, aber in den Spitzen wie bei diesem Ereignis macht es das Ehrenamt aus“, sagt auch sein BRK-Kollege Gerosch.
Viele Regensburger fragten sich an diesem Tag: Was geschieht eigentlich, wenn man während eines solchen Großeinsatzes einen Herzinfarkt erleidet und ein Sanka an das andere Ende der Stadt fahren müsste? Die drei Rettungsdienst-Verantwortlichen sind sich einig: „Wir haben keine Zahlen dazu, welche Einsätze parallel an diesem Tag gelaufen sind, aber Fahrzeuge wurden gezielt strategisch positioniert“, sagt der BRK-Rettungsdienstleiter. „Fahrzeuge, die nicht beim Busunfall eingesetzt waren, beispielsweise die Fahrzeuge aus Hemau, konnten so ein noch größeres Gebiet abdecken.“
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Natürlich befinde man sich angesichts eines solch großen Unfalls in einer „vulnerableren Phase wie zu normalen Zeiten“. Aber: „Unterm Strich ist die Versorgung sichergestellt.“ Viele Rettungsdienstler waren schon in belastenden Großeinsätzen unterwegs. Immer wieder fahren auch Kontingente der drei Hilfsorganisationen in Krisengebiete wie etwa das Ahrtal, in dem ein katastrophales Hochwasser wütete. „Natürlich gibt es belastende Einsätze“, sagt Gerosch. „Aber es ist nicht wie früher, dass Rettungssanitäter sich keine Gefühle anmerken lassen.“
„Da funktioniert man“
Während des Einsatzes, sagt Hirschmann, rufe man allerdings sein professionelles Wissen ab. „Da funktioniert man.“ Belastungen kämen erst anschließend, besonders, wenn man das Leid anderer Menschen sehen würde, etwa die Mutter, die um ihr Kind fürchtet. „Oder auch, wenn man jemanden kennt, der verunfallt.“
Zurück zum Einsatz am DEZ: Hirschmann bewegt noch heute, ob er alles richtig gemacht hat. Seine Kollegen klopfen ihm auf die Schulter, aber er fragt sich: „Wie klar waren meine Anweisungen? Gerade in der Frühphase eines solchen Einsatzes kann man den weiteren Ablauf beeinflussen.“ Hirschmann schildert, dass er wie jeder andere Ersthelfer an den Einsatzort kam, mit dem Unterschied, dass er per Funk koordinierte. „Da muss man dann priorisieren, nicht zu versorgen, das müssen andere tun, sondern sofort zu regeln, dass die ankommenden Fahrzeuge sich so aufstellen, dass weitere an und abfahren können.“
Weil der Busfahrer eingeklemmt war, war ihm sofort bewusst, die Feuerwehr müsse mit schwerem Gerät anfahren. „Wenn die Ersthelfer teilweise einfach stehen geblieben sind und aus dem Auto gesprungen sind, habe ich sie geleitet, damit sie keinen Stau produzierten.“ Nach einer Stunde waren alle Schwerverletzten weggebracht. Sie wurden auf die Regensburger Krankenhäuser, aber beispielsweise auch nach Wörth gebracht. Logistisch stellten die Angehörigen-Anfragen eine Herausforderung dar, denn die Abtransportierten bekommen zunächst eine Nummer zugewiesen. Erst im Krankenhaus werden sie mit ihren persönlichen Daten verknüpft.
KI könnte Lage einschätzen
Wichtig sei in solchen Fällen durchaus auch die laufende Medienberichterstattung. Denn dort würden sich viele Menschen informieren. „Zentrale Rufnummern weitergeben, auch die Ströme der Menschen lenken, etwa indem man rät, den Stau zu umfahren, das ist wichtig“, sind sich die drei Rettungsdienstleiter einig.
In skandinavischen Ländern sind bereits Lösungen mit Künstlicher Intelligenz im Einsatz, die bei Anrufen in Rettungsleitstellen wichtige Informationen herausfiltern. In Deutschland scheitere das bislang noch am Datenschutz. So lange die drei Hilfsorganisationen derart gut zusammenarbeiten, muss eben der Mensch Übermenschliches leisten.