Wenn die Windräder stillstehen: Wetterlage bringt Renaissance der Kohlekraftwerke

Von Christian Eckl · 11. November 2024 um 19:00

Das Wetter hat die Erneuerbaren Energien in den vergangenen Tagen fast zum Erliegen gebracht. Jetzt werden in Deutschland Kohlekraftwerke hochgefahren. Ausgerechnet dann, wenn die Ampel strauchelt. Ist Deutschland der grünen Klimaideologie auf den Leim gegangen? Experten zeichnen ein differenziertes Bild – auch von Robert Habecks Erfolgen.

Wenn der Wind nicht weht, dann dreht sich auch das Windrad nicht. Und wenn Nebel über dem Land liegt, dann kommt kein Strom aus der Solaranlage. All das sind Binsen – stellen Deutschland aber im Moment vor ein massives Problem. „Wir brauchen derzeit die Reservekraftwerke“, sagt Experte Oliver Brückl. Der Professor an der OTH Regensburg ist Mitglied im Forum Systemstabilität der Bundesregierung. Brückl macht aber klar: „Bei dem Thema geht es nicht um die Stabilität der Netze, sondern um Versorgungssicherheit.“

Seitdem eine sogenannte Inversionswetterlage über weiten Teilen Deutschlands und Bayerns liegt, ist die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energiequellen fast zum Erliegen gekommen. „Das ist noch keine sicherheitsrelevante kritische Lage“, sagt der Experte. „Das liegt aber an den derzeitigen Temperaturen über Null. Bei minus 20 Grad wäre das ganz anders.“

Deutschland gehört heute zu den Strom-Importeuren, ganz anders als früher, als Strom exportiert wurde. Hierzulande setzt man bei den Reservekraftwerken übrigens auf Kohle und Erdgas. Diese Reaktoren werden gerade hochgefahren, während der Nachbar Frankreich auf Atomstrom setzt. Auch Tschechien setzt auf einen Atomausbau.

„Ausbau ohne Lobbyismus“

Die gerade geplatzte Ampel-Regierung scheiterte wohl auch an unterschiedlichen Auffassungen darüber, wie der Industriestandort Deutschland mit Energie versorgt wird. Explodierende Energiepreise für die Verbraucher angesichts des Gas-Schocks durch den Ukraine-Krieg konnten einigermaßen verhindert werden. „Wirtschaftsminister Robert Habeck hat in Sachen Energieerzeugung einiges richtig gemacht“, sagt Brückl. Anders als sein Vorgänger Peter Altmaier habe sich Habeck nicht vom Stromkonzern-Lobbyismus treiben lassen. Das Lob des Experten gilt aber explizit nicht für den Bereich der Wärmeerzeugung.

Der aus dem Landkreis Cham stammende Wissenschaftler hatte einigermaßen erstaunt zur Kenntnis genommen, dass Holzheizungen explizit nicht als erneuerbare Wärmeversorgung bewertet wurden. „Da ging es den Verantwortlichen wohl um den Feinstaub“, sagt Brückl. Doch verstanden habe das gerade auf dem Land niemand. Viele Menschen bauten sich noch geförderte Holzpellet-Heizungen, um dann festzustellen, dass sie mit Öl und Gas gleichgesetzt werden.

Brückls Kollege Michael Sterner, Professor für Energiespeicher und Erneuerbare Energien an der OTH, sieht das ähnlich. Er kritisiert, dass die Ampel das Thema Biogas aufs Abstellgleis gestellt habe. „Unter der Ampel wurden die Biogasanlagen schlecht behandelt.“ In einem aktuellen Unions-Papier würden sie wieder gestärkt. Sterner gibt seinem Kollegen Recht: In Sachen Umbau des Energiemarktes hin zu den Erneuerbaren habe Habeck vieles richtig gemacht. „Aber man könnte den Biogas-Ertrag verdoppeln, wenn man aus Wind- und Solarenergie Gas produziert und das dann speichert“, sagt Sterner. Der Ausbau der Batteriespeicher habe ebenso dazu geführt, dass nicht die gesamte Stromreserve aus Kohlekraft gewonnen werden muss. Pumpspeicher würden zudem in Zeiten eingesetzt, in denen die Strompreise an den Börsen explodieren. Sterner sagt auch, dass die Erneuerbaren diversifiziert werden müssten, damit sie auch in einer solchen Wetterlage genügend Energie erzeugen: „Die Wasserkraft läuft. Allerdings haben wir natürlich das Problem, dass es eine gewisse Technologiefeindlichkeit in der Bevölkerung gibt und wie etwa am Wehr bei Pielmühle im Landkreis Regensburg Bürger dann verhindern, dass eine Turbine eingebaut wird.“ Kritisch sieht Sterner auch, dass die Ampel rein auf Wasserstoff als Energiereserve setzen wollte. „Das war auch Ideologie: Biogas als Reserve ist eindeutig günstiger und heute vorhanden. Nachwachsende Rohstoffe sind gespeicherte Solarenergie, die genutzt werden kann“, schließt Sterner.

„Nennen das Dunkelflaute“

„Wetterlagen wie im Moment hat es immer schon gegeben und sie werden auch in Zukunft immer wieder einmal vorkommen“, sagt Robert Greb, Vorstandsvorsitzender des Regensburger Energieversorgers Rewag. Man nenne diese Phasen auch „Dunkelflauten“. Eine Weile noch würden in diesen Phasen konventionelle Kohle- und Gaskraftwerke einspringen. „Perspektivisch sollen dann kurzfristig größere Batteriespeicher ausgleichend wirken und langfristig Gaskraftwerke, die mit Wasserstoff betrieben werden“, sagt Greb. Der Wasserstoff soll in den Zeiten produziert werden, in denen der Ökostrom im Überschluss vorhanden ist, „sodass dann die PV- und Windanlagen nicht mehr abgeregelt, sondern die Wasserstoffproduktion als Speicher dient“, sagt Greb.

Eine Rückkehr zur Kernkraft, die im Strommix der Rewag keine Rolle spiele, sieht er nicht. Greb: „Die Entscheidung zum Ausstieg aus der Kernenergie ist in Deutschland gefallen. Es führt zu nichts, diese immer wieder in Frage zu stellen, da eine Rückkehr so aufwändig und teuer wäre, dass sie auch ökonomisch überhaupt nicht sinnvoll wäre.“

„Die gegenwärtige Flaute bei der Ökostromproduktion wird sicherlich kein langanhaltendes Phänomen sein.“Rewag-Chef Robert Greb
„Das ist noch keine sicherheitsrelevante kritische Lage. Das liegt aber an den derzeitigen Temperaturen über Null.“Prof. Dr. Oliver BrücklNetz- und Energieexperte Foto: Florian Hammerich, OTH