Der kleine Prinz feierte als Familienoper seine umjubelte Uraufführung

Die ureigenste Sehnsucht, im Leben wesentlich zu werden und zu erkennen, wie wenig es nur bräuchte, um wahrhaftig glücklich zu sein, ist der Ausgangspunkt der entrückten Poesie des kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry. Als Familienoper feierte die Weltliteratur am Theater Regensburg ihre Uraufführung.
Die Musik stammt von Pierangelo Valtinoni, der allerdings eine erste Fassung bereits vor zwei Jahren an der Mailänder Scala präsentierte. Für Regensburg erweiterte der Komponist die Handlung um einige Schlüsselszenen und Handlungsebenen, schuf damit auch Raum für Rollen, die mit jungen Talenten aus dem Mädchenchor der Regensburger Domspatzen besetzt werden konnten.
Das Libretto von Paolo Madron verwebt geschickt Teile der Geschichte mit der Biografie des Autors, dessen realer Flugzeugabsturz 1935 in der Wüste Ägyptens zum Ausgangspunkt der wundersamen Begegnung mit dem kleinen Prinzen wird. Ronny Scholz ließ sich in seiner Inszenierung von diesem Kunstgriff inspirieren, zusammen mit seinem Ausstatter Andreas Becker entwickelt er die Dramaturgie aus der kleinen Welt des jungen Antoine und seines Modellflugzeugs.
Liebevolle und minutiös durchdachte Erzählweise
Nur wenig später stürzt er als Erwachsener mit dem Flugzeug in Originalgröße durch die Decke des Kinderzimmers. Es kommt zur ersten Begegnung mit dem wunderlichen Prinzen, der ihm von seiner abenteuerlichen Suche nach seinem kleinen Heimatplaneten B 612 mit den drei Vulkanen und der geliebten Blume erzählt. Spätestens hier beginnt der eigentliche Zauber der liebevollen und minutiös durchdachten Erzählweise, wenn der kleine Prinz als lebensgroße, fein animierte Marionette durch das Weltall fliegt, auf den fiebrig rechnenden Geschäftsmann (herrlich überzogen: Konstantin Igl) trifft und nacheinander den König, die Eitle, den Fuchs sowie die Schlange kennenlernt. Das ist bunt, krumm, phantasiereich, surreal und märchenhaft.
Alle Register bester Kinderbuchgestaltung werden gezogen, die staunenden Augen werden nicht satt an den ausladenden Kostümen und der üppigen Ausstattung, die an ihnen auf der Bühne vorbeiziehen. Mit perfekten Videoproduktionen fliegt de Saint-Exupéry durch das Theater, die zischelnde Schlange wird dagegen nach bestem traditionellen Theaterhandwerk auf die Bühne gezogen und an der Gestaltung der Fuchspuppe durfte sich Andreas Becker sichtlich austoben.
Ausschweifende, klassische Filmmusik und zeitgenössische Musiksprache
Die leicht schwebende Melancholie der Geschichte wird durch das viele Allerlei nicht gebrochen. Dafür sorgt die Partitur von Valtinoni, der mit seiner Kompositionskunst zwischen ausschweifender klassischer Filmmusik und gekonnter zeitgenössischer Musiksprache jongliert, klassische Motive zitiert, avantgardistisch interpretiert. Das Philharmonische Orchester unter der hochsensiblen Leitung von Lucia Birzer hat hörbar Spaß an der Vielgestalt der Musik. Hin und wieder sind sie allerdings kaum zu bremsen und machen es den Sängern unnötig schwer, sich in tieferen Lagen durchsetzen. Dabei ist auch dem Solistenensemble und den Frauen des Opernchores die Spiellaune in den phantasiereichen Kostümen und mit den Marionetten sichtlich anzusehen.
Scarlett Pulwey gelingt als Prinz die treffende Verschmelzung aus kindlicher Naivität und sängerischer Ausgestaltung, reagiert verschmitzt auf Jonas Atwood in seiner bestens gesungenen und dramaturgisch überzeugenden Partie. Theresa Steinbach brilliert in der anspruchsvollen Koloratur-Arie der Eitlen, die aus einer völlig exaltierten Selbstüberschätzung Zug um Zug in die tiefe Depression der Einsamkeit verfällt. Sie ist in der Rolle der Mutter ebenso mehrfach zu erleben wie Benedikt Eder als König, Schlange und Hauslehrer, Svitlana Slyvia als Fuchs und Hausangestellte sowie Konstantin Igl zusätzlich als Vater. Marlene Mathy, Annegret Posch und Darja Hacker (aus dem Mädchenchor der Regensburger Domspatzen) debütierten als kleine Piloten und Prinzen mit eindrucksvollen sängerischen und darstellerischen Leistungen ohne geringste Anzeichen von Nervosität.
Man bleibt berührt zurück
Zum Ende kumulieren die Erlebnisse des Prinzen in einer dunklen Fata Morgana. Die Figuren verzerren sich grausig in einer dystopischen fiebrigen Phantasie, in diesem Moment bricht die reale Welt der Erwachsenen unbarmherzig durch. Der Pilot sitzt schließlich auf seinem Kinderbett und blickt wehmütig auf sein geliebtes rotes Modellflugzeug. Dann fällt der Vorhang. Der kleine Prinz mit seinen Sehnsüchten und Fragen ist nur noch eine Utopie. Und man bleibt still und berührt zurück. Das ist dann schlicht großes Theater. Für Jung und Alt.