Die Zukunft des Heizens ist digital: Firma verspricht massive Einsparungen bei Energiekosten

Von Lorenz Nix · 10. Dezember 2024 um 05:00

Das Leben in Deutschland ist im Vergleich zu manch anderen Ländern nicht gerade günstig. Ein Treiber für die hohen Lebenshaltungskosten sind die Energiepreise. Das Münchener Unternehmen Tado verspricht aber, dass man mit ihren Produkten viel Geld sparen kann.

82 Prozent sind einer Umfrage zufolge davon überzeugt, dass die Energiepreise in den kommenden drei Jahren nicht wieder fallen werden. Durchgeführt hat die Befragung das Unternehmen Tado – nicht ohne Hintergedanken: Die Münchner versprechen, dass sich mit ihren Produkten die Heizkosten im Haushalt um 22 Prozent senken lassen.

Das Unternehmen aus der bayerischen Hauptstadt entwickelt intelligente Thermostate, die mittels Handy-App gesteuert werden. Christian Deilmann und Johannes Schwarz haben Tado 2011 gegründet – die Idee ist aber bereits vorher entstanden: 2008 an der amerikanischen Ostküste.

Deilmann studierte damals am hochrenommierten Massachusetts Institute of Technology, kurz MIT, in Boston. Er habe dort im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie „die Energieflüsse der Welt analysiert“, erzählt er im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern. Ihm fiel auf: Fast ein Drittel der weltweiten Energie werde für das Heizen und Kühlen von Gebäuden verbraucht, mehr als beispielsweise in der Industrie oder im Transportbereich.

Happige Stromrechnung brachte Deilmann auf die Idee

Die Ineffizienz im Gebäudesektor spürte Deilmann auch privat – im wahrsten Sinne des Wortes: Der Student wohnte in einer Fünfer-WG in der Ostküsten-Metropole. „Wir hatten damals eine happige Stromrechnung“, erinnert sich der Maschinenbauer. Circa 1000 Euro im Monat seien es teilweise gewesen. Der Grund waren die schwül-heißen Sommer in Boston. Die hatten zur Folge, dass die Klimaanlage in der Wohngemeinschaft im Dauerbetrieb war. Und das, obwohl die fünf Bewohner tagsüber meist nicht zu Hause waren. Deilmann schlug vor, die Anlage in dieser Zeit auszuschalten. Ein Mitbewohner war allerdings dagegen. Er wollte es direkt kühl haben, wenn er nach Hause kam.

Für Deilmann war klar: Könnte er die Klimaanlage von unterwegs aus steuern, gäbe es das Problem nicht – die Tado-Idee war geboren. Zurück in Deutschland setzte er das Start-up-Projekt aber erst mal nicht in die Tat um. Zweieinhalb Jahre arbeitete Deilmann bei einer Venture-Capital-Firma.

Business-Plan mit seinem Kommilitonen erstellt

Nebenbei schmiedete er gemeinsam mit seinem Kommilitonen Johannes Schwarz aber bereits einen Business-Plan. Irgendwann sei dann der Moment gekommen: „Entweder wir ziehen das jetzt durch oder wir widmen uns in unserer Freizeit wieder anderen Dingen“, sagt Deilmann. Im September 2011 war es soweit: Er und Schwarz hoben Tado aus der Taufe.

Mit einer Handy-App die Heizung steuern? Heute klingt das simpel. Die beiden Gründer waren ihrer Zeit aber wohl etwas voraus. „Nur 40 Prozent der Deutschen hatten damals ein Smartphone“, so Deilmann. Und längst nicht jeder hatte bereits die weite Welt der Apps entdeckt: Meist seien die Geräte lediglich zum telefonieren genutzt worden, sagt der Unternehmer.

Und auch sonst war der Markteinstieg für das junge Unternehmen nicht einfach. Der Plan sei gewesen, die smarten Thermostate über Heizungsinstallateure zu verkaufen. „Die haben uns alle für verrückt erklärt“, blickt Deilmann auf die Anfangszeit von Tado zurück. Manche Handwerker hätten in ihren Betrieben noch nicht einmal Internet gehabt. „Da lief alles über Fax.“

Expansion nach Großbritannien

Trotz aller Schwierigkeiten gab es aber Kunden für Tado: Beispielsweise Leser von Computer-Zeitschriften hätten sich auf die Geräte gestürzt, erzählt Deilmann. Und statt dem Vertrieb über Installateure setzte das Start-up auf einen eigenen Webshop. Bereits im zweiten Jahr entschloss sich Tado dann für die Expansion nach Großbritannien, später folgte ganz Europa. Intelligente Thermostate haben sich anderswo dann sogar besser durchgesetzt als in Deutschland. In den Niederlanden hätten mittlerweile 37 Prozent aller Haushalte solche Geräte, sagt Deilmann. Tado habe dort einen Marktanteil von 50 Prozent.

Zum Vergleich: In Deutschland nutzen aktuell nur acht Prozent der Haushalte smarte Thermostate. Deilmann spricht von „einem großen Aufholbedarf“. Europaweit ist Tado auf seinem Gebiet aber mittlerweile Marktführer. Dahinter folgt die Google-Tochter Nest. Da das Thema Energieeffizienz spätestens seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine in den Fokus gerückt ist, drängen aber auch immer wieder neue Wettbewerber in den Markt.

Portfolio hat sich erweitert

Für das Münchner Unternehmen ist das aber laut Deilmann kein Problem. Ohnehin habe man längst nicht mehr nur Thermostate im Portfolio. Tado bietet unter anderem auch eine Wärmepumpensteuerung an. Gemeinsam mit dem dynamischen Stromtarif, den das Unternehmen ebenfalls im Portfolio hat, wird die Anlage dann so angesteuert, dass Stunden vermieden werden, in denen der Strom viel kostet. 40 Prozent der Betriebskosten ließen sich so einsparen, sagt Deilmann. Bei der Akzeptanz von Wärmepumpen sei das ein „Riesen-Hebel“: „Für Kunden ist es schließlich wichtig, dass sich die Anlage auch rechnet.“

„Unglaublich komfortabel“

Ähnlich verfährt Tado mit einer Smart-Charging-Lösung für Elektroautos. Auch hier gilt: Das Fahrzeug wird dann geladen, wenn der Strom günstig ist. Auch aufgrund dieser Neuerungen liegt der Fokus des Unternehmens laut Deilmann mittlerweile auf Einfamilienhäusern. Regionen wie das Regensburger Umland seien da perfekt, sagt der Gründer.

Deilmann ist davon überzeugt: „In Zukunft wird jede Heizung über das Internet gesteuert werden.“ Vor allem deshalb, weil das „nicht nur die Energiekosten senkt, sondern auch unglaublich komfortabel“ sei. Schließlich könne man nicht nur die gewünschte Temperatur über das Handy einstellen, das Tado-System erkenne beispielsweise auch, wenn ein Fenster geöffnet ist. Außerdem ließen sich die Energiekosten Monat für Monat vorhersagen, erklärt Deilmann.

Über das Unternehmen

Infos: Die beiden Gründer, Christian Deilmann und Johannes Schwarz, sind heute noch Teil der Geschäftsführung von Tado. 13 Jahre nach nach Gründung hat das Münchner Unternehmen etwa 200 Mitarbeitende. Investor ist unter anderem der US-amerikanische Handelsriese Amazon.

Wirtschaftlichkeit: Tado ist bislang nicht profitabel. Der Grund sind laut Deilmann Innovationen beispielsweise im Bereich von intelligenten Ladelösungen für Elektroautos. Im Kerngeschäft – also bei den smarten Thermostaten − ist Tado hingegen laut eigenen Aussagen profitabel.

Christian Deilmann hat Tado 2011 mitgegründet.