„Wir werden alle älter“: Die Oberpfälzer Witt-Gruppe testet in ihrer Logistik Exoskelette

Von Lorenz Nix · 9. November 2024 um 11:00

Logistik-Mitarbeiter Markus Preißers arbeitet seit sieben Jahren bei der Weidener Witt-Gruppe (Landkreis Cham). Seit Kurzem sind die Schichten für ihn aber etwas entspannter. Ein sogenanntes Exoskelett unterstützt ihn beim Handling der Pakete. Es soll unter anderem helfen, die Arbeitskraft langjähriger Mitarbeiter im Warenverteilzentrum zu erhalten.

Es surrt, brummt und rattert im Warenverteilzentrum der Witt-Gruppe in Weiden. Kleine und große Pakete sausen auf den Förderbändern über die Köpfe der Mitarbeiter durch eine der Logistikhallen. Bis zu 140.000 Sendungen verlassen jeden Tag das Gelände. Immer wieder rutschen Kartons über Metallrollen zu den Angestellten hinab, die die Hosen, Blusen und Co. für die Kunden des Versandhändlers in den bereitstehenden Lastwagen aufeinanderschlichten. Einer der Logistik-Mitarbeiter sticht heraus: Markus Preißers Outfit unterscheidet sich von dem seiner Kolleginnen und Kollegen.

Der 39-Jährige arbeitet seit sieben Jahren bei der Witt-Gruppe. Seit Kurzem sind die Schichten für ihn aber etwas entspannter. Ein sogenanntes Exoskelett unterstützt ihn beim Handling der Pakete. Dabei handelt es sich um ein Gerät, dass die Bewegungen Preißers mechanisch unterstützt.

Anfangs ist das Exoskelett ungewohnt

Die Witt-Gruppe testet die futuristisch anmutenden Helfer seit sechs Wochen bei ausgewählten Mitarbeitern. Vier Modelle hat das Unternehmen dafür vorerst angeschafft. Sie werden wie ein Rucksack aufgesetzt und verleihen so vor allem dem Rücken Stabilität. Dazu kommt Hilfe an den Armen und teilweise auch an den Beinen.

Am Anfang sei das Exoskelett noch ungewohnt gewesen, sagt Preißer. Aber er habe sich schnell daran gewöhnt. „Irgendwann ist es ein Teil von dir.“ Dazu trage unter anderem das leichte Material bei, sagt der Witt-Angestellte. „Es ist wie im Winter ein Pullover.“

Bei den Modellen, die in den Weidener Logistikhallen zum Einsatz kommen, handelt es sich um passive Exoskelette. Eingearbeitete Gummibänder würden dafür sorgen, dass das Heben der Pakete etwa 20 Prozent leichter falle, erklärt Dieter Basler, Abteilungsleiter Qualität & Services bei der Witt-Logistik. Elektromotoren oder hydraulische Elemente sind im Gegensatz zu sogenannten aktiven Exoskeletten aber nicht verbaut.

Immer wieder die gleichen Handgriffe

Der Grund ist ein einfacher: Die Pakete bei Witt sind nie schwerer als sieben Kilogramm. Allerdings müssen die Mitarbeiter immer die gleichen Handgriffe und Bewegungen wiederholen. „Und das acht Stunden am Tag über Jahre“, sagt Basler. Im Otto-Konzern, zu dem Witt gehört, wird ihm zufolge aber auch die andere Art Exoskelette getestet: zum Beispiel beim Hantieren mit Kühlschränken oder Waschmaschinen.

Die Testphase in Weiden soll Basler zufolge aber nicht dazu führen, dass alle 1200 Mitarbeiter im Warenverteilzentrum mit Exoskeletten ausgestattet werden. „Wir werden es nur dort einsetzen, wo eine Unterstützung notwendig ist“, erklärt er. Der Probelauf sei deshalb sehr wichtig: Es gelte herauszufinden, bei welchen Tätigkeiten und für welche Angestellten die Exoskelette eine Hilfe sein können.

Es gebe schließlich auch Vorbehalte dagegen. Manch einer habe Angst, damit in die Kantine zu müssen, sagt Basler mit einem Lachen. „Muss er aber natürlich nicht“, schiebt er schnell hinterher. Das Exoskelett lässt sich beliebig oft an- und ausziehen. Auch Preißer gibt zu, dass das Hilfsmittel am Anfang abschreckend wirke. Schließlich schaue es etwas „komisch“ aus, sagt der 39-Jährige. Er selbst und auch die Kolleginnen und Kollegen, die ihn jeden Tag in dem Outfit sehen, hätten sich aber schnell daran gewöhnt.

Exoskelette sollen Arbeitskraft erhalten

Preißer ist nach sechs Wochen Testphase vom Nutzen des Exoskeletts überzeugt. Er würde es jederzeit weiterempfehlen, betont er. Grundsätzlich sei das bisherige Feedback sehr positiv, sagt auch Roland Dietz, der den Logistik-Bereich bei der Witt-Gruppe leitet. Das Exoskelett biete eine Möglichkeit, die Mitarbeiter auch dort zu unterstützen, wo Automatisierung keine Option ist.

Mit dem Hilfsmittel hofft Witt auch, die Arbeitskraft langjähriger Mitarbeiter im Warenverteilzentrum zu erhalten. Denn: „Wir werden alle älter“, sagt der Abteilungsleiter Qualität & Services bei der Witt-Logistik. Bei jahrelang den gleichen Handgriffen sind gesundheitliche Beschwerden ihm zufolge irgendwann keine Seltenheit mehr. Der Einsatz von Exoskeletten könnte also auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken.

Witt-Gruppe setzt Wachstumskurs fort – Online-Umsätze steigen

Umsatz: Die Witt-Gruppe ist in ihrem ersten Geschäftshalbjahr 2024/25 gewachsen. Das teilte das Unternehmen mit. Demnach ist der Umsatz des Modehändlers im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um etwa sieben Prozent auf 630 Millionen Euro gewachsen.

Online: Der Online-Umsatz habe sich überproportional um neun Prozent erhöht, freut man sich bei Witt. Die Besucherzahl in den 20 Online-Shops sei sogar um 29 Prozent gestiegen. Der Anteil am Gesamtumsatz liege mittlerweile bei 42 Prozent – Tendenz steigend.

Zitat: „Wir setzen sehr stark auf Personalisierung und Künstliche Intelligenz“, sagt Melanie Plank, Bereichsleiterin Digital Marketing & Products bei der Weidener Witt-Gruppe. Das zeige sich mittlerweile „deutlich in steigenden Interaktionsraten“.

Markus Preißer schlichtet die Pakete in die Lastwagen.