Wegsehen kam nicht in Frage: Polizei zeichnet zwölfjährige Schülerin vom Gymnasium Schwandorf aus

Von Renate Ahrens · 8. November 2024 um 15:00

An einem Sommertag im Juli wartete Lina Gnerer (12) vor Schulbeginn gerade auf ihre Freundinnen, als es auf dem nahen Parkplatz des Gymnasiums in Schwandorf krachte. Eine Frau, die ihren Sohn zur Schule gebracht hatte, war beim Einparken auf ein anderes Auto aufgefahren. Und Linda bekam alles mit.

Die Zwölfjährige war sofort alarmiert und beobachtete aufmerksam, wie die Unfallverursacherin zwar ausstieg und sich kurz den Schaden an beiden Fahrzeugen ansah, sich aber dann sofort wieder in ihr Auto setzte und wegfuhr.

Linda zückte sofort ihr Handy

Doch die Frau hatte nicht mit der klugen Schülerin gerechnet: Lina zückte umgehend ihr Handy und machte noch rechtzeitig von Auto und Nummernschild der Flüchtenden ein Foto. „Das war um 7.19 Uhr“, sagt Lina, die in Altenschwand wohnt, nun mit Blick auf das Bild – winkt aber ansonsten bescheiden ab. Was an dem Morgen passiert ist, sei schon lange her und ihre Reaktion doch selbstverständlich.

Doch durch Linas vorbildliches Verhalten und ihre anschließende Personenbeschreibung konnte die Fahrerflucht umgehend aufgeklärt werden. Ein dickes Lob vom Schwandorfer Dienststellenleiter, eine Belohnung vom Polizeipräsidenten der Oberpfalz und eine große Tasche voller Gummibärchen als Dank wurden Lina nun in der Polizeiinspektion Schwandorf überreicht. Etwas aufgeregt sei sie schon, gibt Lina zu, als ihr bei dieser Feierstunde gleich drei Beamte ihre Anerkennung aussprachen. Schließlich sei das ihr erster Kontakt mit der Polizei überhaupt – abgesehen von der Fahrradprüfung vor einigen Jahren.

Verhalten heutzutage nicht mehr üblich

Linas Einsatz an diesem Julimorgen sei schon etwas Besonderes, hob Reiner Wiedenbauer, Leiter der Polizeiinspektion Schwandorf, hervor. „Du hast vorbildlich gehandelt, indem du das Nummernschild fotografiert, das Geschehen genau beobachtet und gemeldet hast“, erklärte er der Zwölfjährigen. „Das ist heutzutage nicht mehr üblich. Immer mehr Menschen schauen bei einer Straftat weg und tun gar nichts.“

Übrigens sei Fahrerflucht, so Wiedenbauer, keine Bagatelle, sondern eine Straftat, die einen Strafbefehl von einem Richter nach sich ziehe und üblicherweise mit einer Geldstrafe, mit Führerscheinentzug und mit Punkten in Flensburg bestraft wird – wenn man denn den Täter ausfindig machen könne.

In diesem Fall ist das dank Lina gelungen. An dem Julimorgen habe sie nach der Beobachtung erst überlegt, was als Nächstes zu tun sei, erklärt das Mädchen. Mit einigen anderen Schülern war sie dann umgehend ins Sekretariat gegangen und schilderte den Vorfall. So kam der Stein ins Rollen: Die Polizei wurde verständigt und erschien, und der Sachverhalt wurde aufgenommen.

Sachschaden betrug 2800 Euro

„Alles ist perfekt gelaufen“, zeigte sich Wiedenbauer zufrieden. „Die Flüchtende konnte zeitnah ermittelt werden.“ Der Sachschaden beim angefahrenen Auto belaufe sich auf etwa 2800 Euro. Linas Eltern, Stefanie und Michael Gnerer, sind stolz auf ihre Tochter. Sie hätten ihre Kinder – Lina hat noch eine ältere Schwester – dazu erzogen, Zivilcourage zu zeigen, wie sie sagen. „Wenn uns so etwas passieren würde, wären wir schließlich auch froh, wenn der Fall aufgeklärt würde“, erklärt Stefanie Gnerer.

Wegsehen sei für Lina nicht infrage gekommen, lobte auch Polizeipräsident Thomas Schöniger aus Regensburg in seinem Dankesbrief. „In vielen Fällen ist die Polizei bei der Aufklärung von Straftaten auf aktive Mitarbeit der Bevölkerung angewiesen“, so Schöniger, der auf Nachahmer hofft: „Dein vorbildliches Verhalten soll auch anderen als Ansporn dienen, zur Aufklärung von Straftaten beizutragen.“

Die beiden Polizeibeamten Florian Meier und Peter Schulz – Letzterer hatte in der Schule den Fall aufgenommen – überlegten, wie man Lina eine weitere Freude machen könne. Im Namen der Polizeiinspektion Schwandorf überreichen sie ihr eine große Tasche voller Süßigkeiten, und die Zwölfjährige strahlt. Langsam weichen Spannung und Aufregung.

Sport ist ihr Lieblingsfach

In ihrer Freizeit spielt Lina gerne Fußball, und ihr Lieblingsfach in der Schule ist Sport – beste Voraussetzungen also, um vielleicht später selbst Polizistin zu werden. Das würde ihr durchaus gefallen, nickt sie eifrig. Ihre fast 15-jährige Schwester Lea jedenfalls will unbedingt diesen Weg einschlagen und hat an Ostern bereits einen Praktikumsplatz bei der Polizei sicher. Krimis lese sie eigentlich nicht, sagt Lina mit Blick auf den gelösten Fall. Dann, überlegt ihre Mutter und lacht, müsse Linas detektivisches Gespür wohl daher kommen, dass die Familie regelmäßig im Fernsehen „Aktenzeichen XY... Ungelöst“ anschaut.